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Übersetzen für den Notfall

Professionelle ÜbersetzerInnen übersetzen in ihre Muttersprache. Aber nicht nur. In der Berufswelt werden kürzere Texte oft von Nicht-MuttersprachlerInnen übersetzt. Deshalb wird im Bachelor Angewandte Sprachen auch dieses geübt – zum Beispiel mit der Übersetzung der ZHAW-Notfall-App. Mit dem Projekt hat Mary Carozza die Praxis in den Unterricht geholt und den Studierenden im Studium erste Berufserfahrung ermöglicht.

von Christa Stocker, Leiterin Wissenschaftskommunikation & Leiterin Kommunikation IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen sowie Dozentin für Angewandte Linguistik

Text aus einer hochkomplexen Excel-Datei extrahieren, HTML-Elemente ausblenden, umformatieren, neu formatieren. Das ist nicht, was man in einem Übersetzungsprojekt erwartet. Und genau das ist es, was ÜbersetzerInnen im Beruf (auch) können müssen. Technik und Sprache greifen beim Übersetzen ineinander.

Technik bestimmt Rahmen

Gina und Silja beschreiben die Auswirkungen des Zusammenwirkens: «Man war sich plötzlich nicht mehr sicher, inwiefern man eine Satzstruktur anpassen durfte, damit in der App trotzdem alle Textteile an der richtigen Stelle und mit der richtigen Formatierung auftauchen würden.» – «Ausserdem mussten wir immer auf die Länge der Textsegmente achten. Dies schränkte die möglichen Übersetzungslösungen stark ein.»

Für Zielgruppe verständlich

Die Übersetzungen für eine Notfall-App müssen absolut klar und verständlich sein. Was einfach klingt, ist nicht trivial. Die Zielgruppe ist heterogen: Für die Mehrheit der NutzerInnen würde Englisch eine Fremdsprache sein. Aber auch Personen mit Englischer Muttersprache sollten adressiert werden. Terminologiearbeit war damit eine besondere Herausforderung: Sollten sie hostage taking oder alltagssprachlich kidnapping wählen, ingest oder swallow? Wäre recovery position («stabile Seitenlage») für Personen mit geringen Englischkenntnissen verständlich? Die korrekte englische Fachterminologie konnte also nicht in jedem Fall die beste Wahl sein.

Übersetzungsprojekte fordern verschiedenste Kompetenzen

Für ein Projekt wie die Übersetzung einer Notfall-App braucht es zudem «Kompetenz in der Recherche, Beharrlichkeit, gutes Sprachgefühl, gute Sprachkenntnisse und ausserdem die Flexibilität, auf scheinbare Nebensächlichkeiten wie Formatierungsprobleme einzugehen», betont Mary Carozza. Sie begleitete die Studierenden als Dozentin und war für die Qualitätskontrolle verantwortlich. Auch müsse man einschätzen können, für welche Fragestellungen man weitere Fachleute aus anderen Domänen beiziehen müsse. Die eigentliche Übersetzung mache dann nur noch einen kleinen Teil der Arbeit aus. Das sei für inhouse-Übersetzungsprojekte nicht untypisch.

Praxiserfahrung für die Zukunft

In einem realen Übersetzungsprojekt lernen die Studierenden mehr als bei «einfachen» Übersetzungsübungen. Sie machen Erfahrungen, die Mary Carozza mit dem Begriff «malleability» umschreibt, und die für eine praxisnahe Ausbildung unabdingbar sind. Nämlich, dass es für einen erfolgreichen Projektabschluss immer auch Beharrlichkeit und Flexibilität braucht – z.B. bei technischen Herausforderungen. So haben die Studierenden echte Berufserfahrung gesammelt, die sie auch in ihrem Lebenslauf aufführen können.

Und dafür sind sie dankbar: «Es war eine tolle Erfahrung an einem wirklichen Projekt teilhaben zu können.» (Angelika) – «Ich bin froh, dass wir an einem Projekt aus dem echten Leben arbeiten durften.» (Silja). Die «ZHAW Emergency App» wird ab August 2019 an der ZHAW allen zur Verfügung stehen, die sich in einer Not-Situation sicherer auf Englisch informieren.

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