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Durch Linguistik leichter gesund werden

Besucht man seine Ärztin, muss ins Krankenhaus oder sucht einen Physiotherapeuten auf, ist das Muster immer ähnlich: Etwas tut weh; man erklärt, was weh tut; und erhält eine Diagnose. Unter dem Motto dieser drei Schritte «Beschwerden – Anamnese – Befund» tagte Ende Januar in Hamburg das Netzwerk Gesundheitskommunikation. Sie zeigte auf, wie linguistische Forschung Gesundheitskommunikation verbessern kann.

von Olivia Meier, Assistentin im Forschungs- und Arbeitsbereich Angewandte Text- und Gesprächslinguistik
am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen

Nehmen wir uns die drei Schritte von oben zu Herzen: Bei der Ärztin schildert man seine Beschwerden. Sie will es etwas genauer wissen, hakt nach, fragt nach der Krankheitsgeschichte. Man antwortet, so gut man kannst und erhält schliesslich eine Diagnose. Es ist offensichtlich, wie zentral dieses erste Gespräch ist. Ebenso offensichtlich wird dabei, wie stark eine Behandlung von (erfolgreicher) Kommunikation abhängt. Die Untersuchung dieser sogenannten Arzt-Patient-Gespräche ist ein Beispiel für den Forschungsbereich «Gesundheitskommunikation».

Was ist Gesundheitskommunikation

Natürlich ist Gesundheitskommunikation nicht auf dieses Szenario beschränkt. Der Forschung bieten sich zahlreiche weitere Untersuchungsfelder. Denn Sprache ist in vielen Bereichen des Gesundheitswesens ein wichtiger Faktor. Beispiele wären auch die Kommunikation der Krankenkassen, medizinisches Marketing, Vorträge in der Medizin, die Beipackzettel von Medikamenten, der Gesundheitsdiskurs in den Medien oder der Austausch zwischen Nicht-ExpertInnen in Gesundheitsforen.

Gesundheitskommunikation ist äusserst vielfältig. In ihrer Erforschung treffen denn auch zwei Forschungszweige aufeinander: die Gesundheits- und die Kommunikationswissenschaft. Diese Transdisziplinarität prägte die eingangs erwähnte Tagung. Neben ExpertInnen für «Kommunikation» (Sprach‑, Translations- und KommunikationswissenschaftlerInnen) zählten deshalb auch «GesundheitsexpertInnen» (ÄrztInnen sowie AkteurInnen der Gesundheits- und Pflegeberufe) zu den Gästen in Hamburg. Jede Profession beleuchtete das Feld aus ihrer je eigenen Perspektive.

Gesten und Gespräche untersuchen

So beobachtete eine Psychologin mit Videoaufnahmen, dass Gesten oft mehr über den inneren Zustand und das Selbstbild von PatientInnen aussagen als die geäusserten Worte – beispielsweise, wenn diese, sobald sie von «ich» sprechen, auf ihren Bauch, nicht wie wir erwarten würden auf die Brust. Oder innere Konflikte kommen zum Vorschein, wenn zwar von «Offenheit» die Rede ist, aber gleichzeitig die Arme verschränkt werden. Werden TherapeutInnen kommunikativ so geschult, dass sie solche redebegleitenden Gesten bewusst wahrnehmen, können sie diese für präzisere Diagnosen nutzen. Dies zeigt, was die Untersuchung von Sprache im Gesundheitsbereich bringen kann.

Ein weiteres Beispiel zeigte, wie die Untersuchung der Kommunikation bei der Behandlung von Kindern helfen kann: Von Bauchschmerzen betroffene Kinder beschrieben einem Arzt ihre ersten, letzten und schlimmsten Schmerzen und wurden gebeten, ihre Beschwerden zu malen. Die gesprächsanalytische Untersuchung der begleitenden Unterhaltung kann Aufschluss darüber geben, ob die Schmerzen der Kinder psychosomatischen oder körperlichen Ursprungs sind. Auch dies eine Chance für die bestmögliche Behandlung.

Was bringt die Erforschung von Gesundheitskommunikation?

Eine Untersuchung der Gesundheitskommunikation schafft aber nicht nur Grundlagen für bessere Behandlungen, sondern kann auch Defizite aufzeigen: Sei es, wenn Eltern beim Gespräch mit dem Arzt anstelle ihrer Kinder sprechen oder wenn mangelnde Deutschkenntnisse im Krankenhaus die Kommunikation zwischen PatientInnen, ÄrztInnen und Pflegepersonal behindern.

Nächste Tagung in Winterthur

Sprache spielt in der medizinischen Versorgung eine wesentliche Rolle. Dringender Handlungsbedarf besteht in vielen Bereichen des Gesundheitssystems. Beides wurde an der Hamburger Tagung deutlich. Deshalb organisiert das Netzwerk Gesundheitskommunikation am 1./2. September 2019 in Winterthur eine zweite Tagung. Diese widmet sich den Themen Digital Literacies, Mehrsprachigkeit und Multimodalität im Gesundheitswesen. Organisiert wird die Tagung von Ulla Kleinberger, Leiterin Forschungs- und Arbeitsbereich Angewandte Text- und Gesprächslinguistik an der ZHAW, zusammen mit Kristin Bührig, Universität Hamburg, und Stephan Schlickau, Universität Hildesheim.

Anmelden kann man sich noch bis zum 15. Juli 2019 unter: gesundheitskommunikation.linguistik@zhaw.ch

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