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Donald Trumps Wirtschaftspolitik: Vertrauen oder Voodoo?

von Roland Waibel, Professor für systemisches Management und Gastdozent im CAS Wirtschaftskompetenz am IAM

Was ist von der Trumpschen Wirtschaftspolitik zu erwarten? Die Börse jubelt ob der geplanten Deregulierungen, Infrastrukturmassnahmen und Steuersenkungen. Die optimistische Reaktion der Märkte hat sich bisher noch nicht in harten Wirtschaftsdaten niedergeschlagen. Insbesondere die protektionistische Handelspolitik nach dem Motto «America first!» widerspricht zentralen ökonomischen Erkenntnissen.

Gute Wirtschaftspolitik ist komplex
Wir alle hätten es in unserer hyperkomplexen Welt gerne eindeutiger, klarer, reduzierter, einfacher. Dies wird ein Wunschtraum bleiben: Politik ist die Kunst des Machbaren, und machbare Lösungen sind heute meist ebenso komplex wie deren Ursprungsprobleme. W. Ross Ashby hat sein Gesetz der erforderlichen Varietät (Law of Requisite Variety) bereits vor 60 Jahren formuliert: Einer zunehmenden Umfeldkomplexität kann nur mit einer adäquaten Binnenkomplexität begegnet werden. Wie ist in diesem Licht Donald Trumps bisherige Wirtschaftspolitik zu beurteilen? Als Politnovize scherte er sich keinen Deut um umfassende, vernetzte Analyse und daraus abgeleitete Lösungsvorschläge. Sein Markenzeichen sind einfache Fixes. Der amerikanische Arbeiter wird durch chinesische Konkurrenten bedroht? Ausstieg aus dem transpazifischen Handelsabkommen TTP! Strafzölle werden die Chinesen abprallen lassen. Wie können Öl, Gas- und Kohleabbau gefördert werden? Durch Abbau von Umweltschutzregeln! Und ohnehin und immer wieder: «America first!»

Vertrauen als wichtiges wirtschaftliches Asset
Das Management komplexer Systeme, wie z.B. eine Wirtschaft oder eine Nation, setzt nicht nur gutes Handwerk in Form von stimmiger Analyse und adäquater Politik voraus, sondern auch das Verständnis in die Bedeutung von flüchtigen Werten wie Berechenbarkeit und Vertrauen. Eine Politik der ruhigen Hand heisst, Personen, Unternehmen und Märkte mit konsistenten, nachvollziehbaren Massnahmen zu überzeugen. Stimmung und Konsumentenvertrauen schlagen sich in entsprechenden Wirtschaftsentwicklungen nieder. Die Forschung zeigt beispielsweise: Respekt und Vertrauen hält nicht nur Familien zusammen, sondern macht auch Unternehmen erfolgreich und beschert Staaten ein höheres Wohlstandsniveau, z.B. der Schweiz ebenso wie den skandinavischen Ländern.

Brunnenvergifter Trump
Der Ökonom Dennis Snower hat analysiert, was das Anfachen von Ressentiments ökonomisch für die USA bedeutet. Er kommt zum Schluss, dass die Stimmung in Amerika seit der Amtszeit von George W. Bush und dem Aufstieg der Tea Party vereist. Präsident Trump verabschiedet den gegenseitigen Respekt nun endgültig, indem er politisch Andersdenkende, chinesische Firmen oder Mexikaner verleumdet. Die Kultur des Hasses hat eine ganz grundsätzliche Wirkung: Das Schüren von Ressentiments kollidiert mit einem Wirtschaftssystem, das auf Vertrauen basiert. Wer andauernd Misstrauen gegen Migranten, ausländische Firmen und politische Entscheidungsträger anfacht, verfinstert das Denken und prägt eine Gesellschaft. Er vergiftet den Brunnen, aus dem alle trinken. Wenn Trump sich aus der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) zurückzieht und mit seinen Twitter-Stürmen China permanent provoziert, nimmt er damit Amerikas grössten und mächtigsten Handelspartner ins Visier. Er verkennt, dass Amerika und China sich in einer kodependenten Partnerschaft befinden. Zwar ist China von der amerikanischen Nachfrage nach seinen Exporten abhängig, doch die USA hängen gleichzeitig am chinesischen Tropf: China hält US-Schatzanleihen und Vermögenswerte im Wert von über 1,5 Bio. US-Dollar. Zudem ist China Amerikas drittgrösster und wachstumsstärkster Exportmarkt.

Protektionismus ist schlechte Wirtschaftspolitik
Nur ein Präsident in der Filterblase der eigenen Allmacht kann verkennen, dass eine Kodependenz eine sehr reaktive Verbindung ist. Yale-Professor Stephen Roach hat darauf hingewiesen, dass amerikanische Strafzölle auf chinesische Waren mit hoher Wahrscheinlichkeit analoge chinesische Vergeltungsmassnahmen nach sich ziehen – und am Ende dieser Eskalation ein potenzieller Handelskrieg steht. Dieser wird nicht nur die amerikanischen Verbraucher mit deutlich höheren Kosten empfindlich treffen, sondern über die intensive Verflechtung der globalen Weltwirtschaft uns alle. Harvard-Professor Larry Summers, der in den Regierungen Clinton und Obama gedient hat, bezeichnete denn auch die Trumpsche Handelspolitik als unrealistische «Voodoo-Ökonomie». Protektionismus, eine Politik der Abschottung macht viele arm und erhöht die Gefahr von feindseligen Auseinandersetzungen. Wer miteinander Handel treibt, hat deutlich weniger Anlass, sich gegenseitig auf die Mütze zu geben. Ob Präsident Trump die immense Bedeutung von intensiven Handelsbeziehungen, wechselseitigem Vertrauen und Zusammenarbeit für das Gedeihen der eigenen Nation wie aller anderen Menschen auf unserer Erde noch rechtzeitig erkennen kann?

Roland Waibel ist Professor für systemisches Management an der Fachhochschule St. Gallen und leitet dort das Institut für Unternehmensführung. 

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«Was mir dieser CAS konkret gebracht hat, merke ich, wenn ich den VWL-Ausblick und den Anlageausblick unserer Ökonomen lese. Jetzt verstehe ich endlich, was sie genau meinen.» – Dajan Roman, Mediensprecher bei Swiss Life (bis 2016, heute Kommunikationsleiter Kantonsspital Graubünden)

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