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„Africa is everywhere“ oder: Über die Höhen der interkulturellen Zusammenarbeit

von Christoph Spurk, Projektleiter Forschungsprojekte Medien und Journalismus in Entwicklungsländern und Dozent am IAM

Seit vielen Jahren sind IAM Medienforscher und -forscherinnen in Afrika tätig. Das derzeit grösste Projekt läuft unter dem vom Schweizer Nationalfonds (SNF) und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) gemeinsam finanzierten Programm „Research for Development“ (R4D). Darin untersucht das IAM seit zwei Jahren in einem interdisziplinären Projekt (Agronomie, Soziologie und eben Medien/Kommunikation), warum afrikanische Bauern die vielen Techniken, die zur Verfügung stehen, um die sinkende Bodenfruchtbarkeit in Afrika wieder zu stärken, nicht oder nicht richtig, auf jeden Fall in zu geringem Ausmass anwenden. Ausser dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick und uns sind an dem Projekt insgesamt zwölf afrikanische Universitäten und Forschungseinrichtungen in insgesamt vier Ländern (Sambia, Mali, Ghana und Kenia) beteiligt.

Wie läuft nun diese Zusammenarbeit nicht nur über disziplinäre Grenzen, vor allem auch über kulturelle Barrieren hinweg?

Wahrscheinlich hat sich jede(r), der/die in Afrika unterwegs ist oder mit Afrika zu tun hatte, schon mal bei dem Gedanken erwischt, warum sich afrikanische Kollegen (Dozierende, Forschende, Studierende)  bisweilen so verhalten, als wollten sie die gängigen Vorurteile zu Afrika  in vollem Umfang  bestätigen. Auf konkrete Fragen per Email kommt als Antwort ein dürres „Noted. Regards…“ und dann wochenlang nichts. Aus unserer Sicht fest vereinbarte Termine zum Start konkreter Untersuchungen verzögern sich langfristig, und Begründungen gibt es erst auf mehrmaliges Nachfragen hin. Die eigens eingerichtete Web-Plattform ist bisweilen monatelang im Winterschlaf versunken… Uff. Schwierig. Wie erwähnt, bestens geeignet, gängige Vorurteile zu bestärken.

Nun, Sozialwissenschaftlern geht es natürlich gegen die Berufsehre, sich auf den eigenen Vorurteilen auszuruhen, und der Anspruch gewinnt die Überhand, Verhalten zumindest nachvollziehen zu können. Dabei helfen aus meiner Sicht unterschiedliche Ansätze. Erstens gibt es ja ganz generell viele denkbare Gründe für Verhalten, auch wenn es uns erstmal unverständlich erscheint. Auf jeden Fall ist es der Mühe wert, Erklärungen für ein bestimmtes Verhalten zu suchen. Wenn diese Perspektive eingeschaltet ist, sind fruchtbare Erklärungen nicht weit, wie z.B. in unserem Fall:

Möglicherweise ist das sehr stark von Schweizern initiierte Projekt noch längst nicht das der afrikanischen Kollegen: Sie machen mit, weil ihre PhD-Studenten in Afrika finanziert werden können (die sonst gar keine Finanzierung erhalten würden), und weil die Kollegen selbst auch eine finanzielle Entschädigung erhalten. Aber es ist nicht ihr Projekt, in dem sie mit Herzblut dabei wären. Sie würden möglicherweise etwas ganz anderes erforschen wollen, aber für das laufende Projekt gibt es halt Geld, und aus Sicht der Afrikaner weiss das Schweizer Forschungsteam wahrscheinlich am besten, wofür in der Schweiz Forschungsgelder aufzutreiben sind. Auf Entwicklungs-Chinesisch heisst das, dass das „ownership“ für das Projekt fehlt.

Eine andere Variante zur Erklärung ist die: Es gibt, was die konkreten Methoden der empirischen Sozialforschung angeht, bei einigen Kollegen in Afrika ein gewisses Defizit an praktischer Erfahrung. Theoretisch sind sie auf gleichem Stand, schliesslich haben wir die gleichen amerikanischen Lehrbücher gelesen. Praktisch jedoch eher nicht. Aber eine gewisse Schwäche einzugestehen, ist für einen Kollegen im afrikanischen Kontext schwierig, zumal, wenn rangniedrigere Assistentinnen oder Studenten anwesend oder im cc sind. „Face-saving“ ist ein absolutes Muss. Auch nur partielle Unkenntnis einzugestehen, würde die Reputation drastisch gefährden. Also, wird eben wenig nachgefragt, oder auf kritische Emails nicht inhaltlich reagiert.

Perspektivenwechsel kann nützlich sein: Fast jeder interkulturelle Stolperstein lässt einen nach einiger Zeit auch darüber nachdenken, wie es denn bei „uns“ ist. Ist das inkriminierte Verhalten tatsächlich so ungewöhnlich? Ist die Kluft zwischen uns und den afrikanischen Kollegen tatsächlich so gross? Wie viele kritische Nachfragen per Email pflege ich selbst gerne zu übersehen?  Wie oft pflegen wir in Sitzungen zu sagen, dass wir etwas nicht verstanden haben, was wir „eigentlich“ verstehen sollten, müssten, könnten. Der Bedarf nach „face-saving“ ist uns jedenfalls nicht fremd, auch wir haben an einer Kultur der Offenheit sicher noch viel zu arbeiten. Das ist dann das Schöne an der interkulturellen Zusammenarbeit, dass es das eigene Verhalten stärker reflektieren lässt.

Und was machen wir nun in unserem Projekt konkret, um Abhilfe zu schaffen, schlaue Erklärungen hin oder her?  Was hilft: das direkte Gespräch. Es ist immer wieder erstaunlich, was sich erreichen lässt, wenn wir mit afrikanischen Kollegen direkt vor Ort sprechen und agieren. Was über Monate unklar blieb, im Emailverkehr oder per Skype vergeblich auszuhandeln versucht wurde, das lässt sich in drei Tagen „face-to-face“ verbindlich klären und regeln. Zum Beispiel, wie die Feldversuche in der Agronomie im Detail auszusehen haben, und wie die erste Umfrage unter Bauern tatsächlich durchzuführen ist. Und dann passiert etwas, was wir in der Schweiz nicht gewohnt sind: Es geht rasend schnell. Mittwochs wird der Fragebogen für die Baseline-Umfrage verabschiedet, am Donnerstag fahren wir zum Üben ins „Feld“ ( in dem Falle Busch, 200 km weg von der Stadt ), proben den Random Walk (eine bestimmte Art, die Teilnehmer für eine Umfrage zufällig auszuwählen) und am Freitagmorgen sind zehn Studenten unterwegs, und haben am Abend die ersten 50 Interviews im Sack. Voilà, Chapeau.

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