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Vom Sichtbarmachen und Zeigen. Storytelling heute

von Prof. Dr. Wibke Weber, Dozentin und Verantwortliche für den Lernbereich Fachwissen am IAM

Data Stories, Storymaps, 360°-Videos, Virtual Reality (VR) – Begriffe, die das Storytelling in den Berufsfeldern Journalismus und Organisationskommunikation neu definieren. Früher genügte ein Text, dem man zur Illustration ein Foto beifügte. Heute begegnet Storytelling zunehmend visuell, datenbasiert, interaktiv: als Bewegtbild, Animation, VR-Video, Datenvisualisierung. Während sich das Erzählen mit VR und 360° noch in der Experimentierphase befindet und Erzähltechniken und –dramaturgien dafür noch entwickelt werden müssen, ist man beim Format der Datenvisualisierung schon weiter. Befeuert durch Big und Open Data sind Datenvisualisierungen dabei, sich im Journalismus als visuelles Erzählformat zu etablieren.

Show, don’t tell
Dabei sind Datenvisualisierungen keineswegs neu. Die vermutlich älteste Datenvisualisierung stammt aus der Jungsteinzeit. Seit jeher wurden Daten und Informationen gestaltet und in Form gebracht, um etwas zu zeigen, was so nicht sichtbar ist, nämlich Daten, Strukturen, Proportionen, Relationen – ganz im Sinne eines Show, don’t tell.

Genau das machte John Snow 1854, als im Londoner Stadtteil Soho die Cholera ausbrach. Der Arzt sammelte alle Daten zum Cholera-Ausbruch. Er vertrat nämlich die Theorie, dass nicht üble Ausdünstungen aus Abwasserkanälen die Cholera-Epidemie verursachten, sondern verunreinigtes Trinkwasser. Um das zu zeigen, zeichnete er in den Londoner Stadtplan alle Todesfälle ein: jeder Cholera-Tote ein Balken. Schnell wurde sichtbar, dass sich die Todesfälle um die Wasserpumpe in der Broad Street häuften. Seine Karte zeigte aber auch Ausnahmen, sog. statistische Ausreißer. Nicht alle Anwohner in der Nähe der Pumpe erkrankten offensichtlich an Cholera; andere dagegen schon, obwohl sie weiter weg wohnten. Seine Recherchen ergaben, dass manche eigene Wasserpumpen besaßen und daher nicht die Broad Street-Pumpe benutzen. Es gab aber auch Leute, die aus anderen Stadtteilen extra in die Broad Street kamen, um genau dort ihr Wasser zu holen, weil es als das beste in Soho galt.

Snows Karte, die das Verbreitungsmuster der Seuche visualisierte, überzeugte letztendlich die Behörden davon, dass verunreinigtes Wasser und nicht Luft der Infektionsherd für die Cholera war. Die Karte war ein visuelles Argument gegen die damals gängigen kulturellen und wissenschaftlichen Vorstellungen von Krankheitsursachen, und es gelang Snow, die Politiker zum Handeln zu bewegen, nämlich zur Sanierung der Abwassersysteme.

John Snows Cholera-Karte von 1854.
(Quelle:  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Snow_(Arzt)#/media/File:Snow-cholera-map.jpg)

Praxis im Umbruch
Nichts anderes machen heute die Storytelling-Teams von New York Times, Washington Post, Die Zeit, Spiegel online, NZZ, SRF oder Tagesanzeiger: Sie recherchieren, sammeln Daten, ordnen, filtern, kombinieren, suchen nach Mustern in den Daten, visualisieren. Was sich geändert hat: Storytelling ist heute dynamischer, interaktiv, explorierbar – getrieben durch eine sich ständig verändernde Medientechnologie. Das hat Auswirkungen auf die Tools und Softwareprogramme in Redaktionen (etwa R, CartoDB, Infogr.am oder selbst entwickelte Tools und Templates), die Zusammensetzung der journalistischen Teams und die erforderlichen Skills. Storytelling-Teams bestehen heute aus Codern, Designern, Bild- und Textredaktoren, die neben recherchieren und schreiben auch scrapen, coden und visualisieren. Immer neue Formen entstehen wie etwa Storymaps und interaktive Datenquiz.

Doch was kommt gut an beim Publikum? Was wird angeschaut, was weggeklickt? Wie sieht es mit der „visual literacy“ aus – der Fähigkeit der User, Visualisierungen zu lesen und zu verstehen? Wie viel Interaktivität oder Virtual Reality braucht es, um die Botschaft effektiv und effizient zu vermitteln? Wie müssen Visualisierungen gestaltet sein, damit sie den öffentlichen Diskurs bewegen, vielleicht ein Umdenken bewirken und am Ende zu demokratischem Handeln befähigen?

Forschung im Aufbruch
Antwort geben auf diese Fragen will das interdisziplinäre Forschungsprojekt Innovative Data Visualization and Visual-Numeric Literacy (INDVIL, www.indvil.org), das vom Norwegian Research Council gefördert wird. In diesem Projekt arbeiten Hochschulen aus Norwegen, England und der Schweiz zusammen. Untersucht werden Datenvisualisierungen aus verschiedenen Perspektiven etwa als digitale Metapher, als semiotische und ästhetische Ressource, und in verschiedenen Kontexten (Journalismus, Schulunterricht, Universal Design). Wibke Weber, Dozentin an der Professorenstelle Medienlinguistik des IAM, ist Projektpartnerin in diesem Projekt und erforscht dort Datenvisualisierungen im europäischen Nachrichtendiskurs. Das Projekt startete 2016 und läuft noch bis 2019.

Podiumsdiskussion – IAM live
Visuelles Storytelling ist auch das Thema beim nächsten IAM live am 3. Mai 2017. Diskutiert werden an Fallbeispielen aus Journalismus und Organisationskommunikation Trends, Herausforderungen und Chancen des visuellen Storytellings.


*Titelbild: Big_Data_Prob von KamiPhuc, Flickr

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