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Gut getarnt

Die Kommunikationswissenschaft hat den Anspruch, auch in der Öffentlichkeit präsent zu sein. In Deutschschweizer Massenmedien wird der Begriff jedoch kaum erwähnt. Notwendig ist eine aktivere Enttarnung durch Öffentlichkeitsarbeit.

von Mirco Saner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Journalistik des IAM

Die Fachdisziplinen Kommunikations-, Publizistik- und Medienwissenschaft sowie die Journalistik beschreiben, wie sich auf öffentlicher, organisationaler und privater Ebene soziale Kommunikation wandelt. Sie produzieren dazu jährlich einen beachtlichen Stapel an Forschungsergebnissen. Doch wie viel davon gelangt durch Massenmedien in die Öffentlichkeit? Das Team des Forschungsprojekts Radar Medienkritik Schweiz ist dieser Frage nachgegangen und hat mithilfe einer automatisierten Inhaltsanalyse der Suchmaschine webLyzard herausgefunden: Die Disziplinbezeichnungen selbst kommen in der Online-Berichterstattung der Deutschschweizer Massenmedien so gut wie nicht vor. Insgesamt 189 Erwähnungen waren von Januar 2015 bis Februar 2016 auf 185 Medien-Websites zu finden – aufgerundet durchschnittlich eine Nennung pro Medium und Jahr. Das Forschungsprojekt „Radar Medienkritik Schweiz“ ist eine Kooperation des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur. Es untersucht unter anderem, inwiefern kommunikationswissenschaftliche Hochschul-Institute mit medienkritischen Inhalten in den Massenmedien vertreten sind.

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Abbildung 1: Anteil pro Disziplin an der Gesamtanzahl Nennungen. Ein Ergebnis, das wohl eher der zufälligen Ereignislage zuzurechnen ist und kaum Rückschlüsse auf die inhaltlich-gesellschaftliche Bedeutung der Disziplinen zulässt.

Zwei Drittel der Nennungen stammen von nur neunzehn Medien-Websites. Ein Großteil der Deutschschweizer Massenmedien scheint sich mit den vier Disziplinen also zunächst gar nicht zu beschäftigen. Unerwartet: In Qualitätsmedien und Medien, die über Medienkritikformate in Form von Ressorts oder personellen Themenzuständigkeiten verfügen, sind sie nicht häufiger anzutreffen als in Boulevardmedien oder solchen, ohne entsprechende Redaktionsstrukturen. Medienwissenschaft wird mit einem Anteil von 38 Prozent dabei von den vier Disziplinen noch am häufigsten genannt, gefolgt von Publizistikwissenschaft mit 28 Prozent, Journalistik mit 19 Prozent und Kommunikationswissenschaft mit 16 Prozent. Der Begriff Journalistik ist in der deutschsprachigen Schweiz kaum bekannt und eher in Deutschland verbreitet. Wie wir sehen werden ist die restliche Rangliste wohl eher der zufälligen Ereignislage geschuldet und sagt wenig über die jeweilige gesellschaftliche Bedeutung dieser Disziplinen aus.

Ergebnisse ja, Disziplinen nein
Aus den seltenen Disziplinnennungen lässt sich nicht schließen, dass auch entsprechende Inhalte medial wenig präsent sind. So fand eine Studie aus dem Jahr 2013 in drei deutschsprachigen Qualitätszeitungen über zehn Jahre hinweg alle drei Tage einen Beitrag aus der Kommunikationswissenschaft. Und wie das im Radar-Projekt analysierte Fallbeispiel des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft fög der Universität Zürich zeigt, fand 2015 nennenswerte Berichterstattung zu Forschungsergebnissen statt, ohne dass diese in Verbindung mit ihren Wissenschaften gesetzt wurde. Die im Deutschschweizer Medienraum aktuell dominante Präsenz des fög ist auch zurückzuführen auf die jährliche Publikation von kontrovers diskutierten Ergebnissen zur Qualität der Schweizer Medienlandschaft und einer regelmäßigen Auflistung medialer Berichterstattungsschwerpunkte wie der Flüchtlingsproblematik oder nationalen Abstimmungsvorlagen. Hier beschränken sich die Journalisten jedoch überwiegend auf Formulierungen wie „Jahrbuch Qualität der Medien“, „das fög“, „die Zürcher Forscher“, „Studienautoren“ oder „Soziologen“. Zudem: Zunehmender redaktioneller Zeitdruck führt zwar bei Kommunikationswissenschaftlern aktuell vermehrt zu Anfragen nach Experten-Statements. Aber auch die interviewten Wissenschaftler nennen die Disziplinnamen kaum.

Ob die Quasi-Inexistenz der vier Disziplinen durch Print- und Radioberichterstattung, hauseigene Hochschulpublikationen oder Social Media-Kanäle deutlich abgeschwächt wird, ist unklar. Zentral ist die Frage, ob es relevant ist, Disziplinnamen zu integrieren. Es liegt auf Wissenschaftsseite an den Hochschulinstituten oder am Fachverband SGKM zu entscheiden, ob eine häufigere Nennung einen Mehrwert bringt für die Organisationen oder das Fach. Aus qualitätsjournalistischer Sicht aber ist offen: Weiss das Publikum bei Beiträgen ohne Disziplinbezeichnungen zu welchen Fachgebieten Forschungsergebnisse gehören und, dass es sich um wissenschaftlich produziertes Wissen handelt? Kommunikationswissenschaftliche Berichterstattung findet kaum in Wissenschaftsressorts statt, sondern in Medienressorts. Eine noch unveröffentlichte qualitative Studie des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur zeigte zudem unlängst auf, dass sich das Publikum von Wissenschaftsjournalismus klarere Hinweise darüber wünscht, ob sie wissenschaftlich hergestellte Befunde vor sich haben und zu welcher Disziplin diese gehören. Die Nennung von Disziplinbezeichnungen kann damit der inhaltlichen Verständlichkeit, der redaktionellen Einordnungsleistung und somit der gesellschaftlichen Orientierung dienlich sein.

Drei Ereignisse führten 2015 zu Anstieg der Disziplinnennungen
Wissenschaft soll den öffentlichen Diskurs mit nachprüfbaren Forschungsergebnissen und sachlichen Argumenten rationalisieren. Kommunikationswissenschaftliche Disziplinen sollten unter anderem als konstruktive Medienkritiker in Erscheinung treten und damit die gesellschaftlich breit geforderte Medienmündigkeit erhöhen. Und aus demokratietheoretischer Perspektive sollte auch über die Disziplinen selbst mit ihren Theorien und Forschungssträngen oder über Methodenfragen diskutiert werden. Davon sind wir jedoch weit entfernt. Wie sich zeigt, sind nicht inhaltliche Aspekte, sprich Forschungsergebnisse, professionelle Einschätzungen oder Theorien zentral, wenn Disziplinnamen auftauchen, sondern die formale Information, dass eine handelnde Person in einer dieser Disziplinen oder verwandten Praxisfeldern arbeitet oder eine entsprechende Ausbildung darin absolviert hat. Kommunikationswissenschaft wird damit öffentlich primär in einem Professions- und Qualifikationskontext dargestellt. Als rationale Stimme bei gesellschaftlich relevanten Themen, Wissensherstellerin oder Ideenlieferantin ist sie kaum erkennbar.

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Abbildung 2: Häufigkeitsverteilung der Anzahl Nennungen. Zu erkennen sind drei Peaks, die sich den folgenden drei Ereignissen zuordnen lassen: Dem Tod von Soziologe und Medienwissenschaftler Kurt Imhof (März 2015), der Volksabstimmung zur Revision des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen (Juni 2015) sowie der Publikation einer nationalen Internet-Nutzungs-Studie des IPMZ der Universität Zürich (Dezember 2015).

Bei der Häufigkeitsverteilung zeigt sich, dass es 2015 drei Ereignisse gab, die zu einem Anstieg der Disziplinnennungen führten: Der überraschende Tod von Soziologe und Medienwissenschaftler Kurt Imhof (März 2015), die Volksabstimmung zur Revision des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen (Juni 2015) sowie die Publikation einer nationalen Internet-Nutzungs-Studie des IPMZ der Universität Zürich (Dezember 2015). Davon ist lediglich die Volksabstimmung mit ihrer vorangehenden Debatte um den Service Public und die Mediensteuer einem gesamtgesellschaftlich akuten Themenfeld zuzuordnen. Ähnliche aktualitätsbezogene Debatten wie die Diskussion um ausländische Professoren an Schweizer Universitäten, die Qualität der massenmedialen Berichterstattung oder der jüngste „Lügenpresse“-Diskurs fanden weitgehend unter Ausschluss der Disziplinbezeichnungen statt.

Ob die Kommunikationswissenschaft wirklich der öffentlichen Bedeutungslosigkeit entgegensteuert, wie es EJO-Direktor Stephan Russ-Mohl anlässlich des 100. Geburtstages der deutschen Kommunikationswissenschaft formulierte, ist zu bezweifeln. Wenn die genannten Disziplinen aber weiterhin Tarnkappen tragen und das Publikum nicht namentlich erfährt, welche Leistungen dem Fachgebiet zuzuordnen sind, dann mag dies ein Schritt in die von Russ-Mohl prognostizierte Richtung sein. Wir können an Journalisten und Publikum erst dann den Anspruch stellen, das Fach bewusster und in seiner thematischen Vielfalt wahrzunehmen, wenn die Wissenschaftler selbst dazu in der Lage sind. Dazu gehört, dass sie den Wissensaustausch mit der Öffentlichkeit suchen und klarmachen, welche Leistungen ihre Disziplin, aber auch verwandte Fachgebiete für die Gesellschaft erbringen. Gegenseitige Enttarnung für die gemeinsame Sache ist erwünscht.

Mirco Saner doktoriert an der Universität Zürich zum Themenfeld Medienkritik und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAM Institut für Angewandte Medienforschung der ZHAW in Winterthur. Im Rahmen des Projektes „Radar Medienkritik“ Schweiz“ trainiert er gemeinsam mit IT-Spezialisten der HTW Chur die Software webLyzard, automatisiert medienjournalistische Online-Beiträge aufzuspüren. Die hier diskutierten Befunde wurden an der Jahrestagung 2016 der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Leipzig präsentiert.

Die Software webLyzard liefert automatisiert Antworten auf grundlegende Forschungsfragen: Mediale Präsenz eines Themas, zeitlicher Verlauf bzw. Lebensdauer der Berichterstattung (Themen-Frequenzanalyse), involvierte Diskurs-Akteure bzw. Akteurs-Anteil an einem Diskurs (Quellen-Frequenz-Analyse) oder auch Framing von Akteuren (Begriffswolken-Analyse). WebLyzard bietet damit die Basis zur Weiterentwicklung tiefergehender Fragestellungen.

Dieser Artikel wurde am 3. Mai 2016 im EJO-Blog erstpubliziert.

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Ein Kommentar

  1. Roger Blum Roger Blum

    Interessanter Text! Das Ergebnis der Studie überrascht allerdings nicht. Ähnliche Medienabsenz würde man wahrscheinlich bei vielen Disziplinen finden, etwa bei Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft, Sprachwissenschaft usw. Das Schweigen der Medien kann zunächst mal positiv gelesen werden: Es gibt offensichtlich kaum Skandale in diesem Fach. Und dann müsste man die Gegenprobe machen: Wie oft sind Kommunikationswissenschaftler als Personen in den Medien? Über Personen lassen sich ja bekanntlich wissenschaftliche Erkenntnisse noch leichter popularisieren als über Studien. Und was die Personen betrifft, stehen wir vermutlich nicht so schlecht da.

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