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Wer studiert Kulturpublizistik und warum?

von Redaktion, IAM

Am Mittwoch, den 18. November, findet an der ZHdK Zürcher Hochschule der Künste eine Infoveranstaltung zur Mastervertiefung Kulturpublizistik statt, einer Kooperation mit dem IAM. Die Gelegenheit also, hinter die Kulissen zu schauen und  Fragen zu stellen. Hier erzählen schon mal Fabienne Schmuki und Stephanie Rebonati, zwei Absolventinnen des IAM Bachelor Kommunikation und des ZHdK Master Kulturpublizistik, was sie heute tun und wie sie auf ihre Studienzeit zurückblicken.


Die Qualität von Popmusik

Fabienne Schmuki
Fabienne Schmuki

Popmusik hat einen niederschwelligen Zugang. Jeder und jede kann Musik machen, wodurch sich eine extreme Spannweite musikalischen Schaffens ergibt. Woran lässt sich Qualität also messen? Diese Frage beschäftigt mich – sei es bei der Beurteilung oder bei der Vermarktung von Musik.

Als Kommissionsmitglied des Zürcher Popkredits nehme ich viermal jährlich an einer mindestens zweitägigen Sitzung teil. Im Vorfeld hören sich alle fünf Kommissionsmitglieder die durchschnittlich über 50 Gesuche aus den Bereichen Jazz und Pop an und beurteilen deren Qualität. Dabei geht es beispielsweise um Innovation, Ambitionen und den Gesamtauftritt der Musikschaffenden. Die Fachkommission kommt dann zusammen, diskutiert und entscheidet, welche Bands oder KünstlerInnen in welcher Beitragshöhe unterstützt werden. Diese Diskussionen erfahre ich als unglaubliche Bereicherung.

Vieles, was ich dabei einbringe, habe ich im Arbeitsalltag beim Musikvertrieb und der Musikagentur Irascible Music gelernt. In einer Co-Geschäftsführung leiten wir unser zehnköpfiges Team gemeinsam, wobei mein Geschäftspartner für den gesamten Vertrieb zuständig ist und ich mich um die gesamte Promotion, das A&R, die Künstler- und Labelbetreuung kümmere. Wir erbringen Dienstleistungen für Bands der unabhängigen Schweizer Musikszene, wozu natürlich viel Musikhören und -beurteilen, aber auch Büroarbeit, Networking, Lobbying und der Dialog mit diversen Kulturinstitutionen gehören.

Am meisten schlägt mein Herz für die Arbeit mit den Musikschaffenden: Bands entdecken, kennenlernen, betreuen, beraten, vernetzen und natürlich Konzerte anhören – das sind für mich die Schokoladenseiten des Jobs. Beispielsweise haben wir im 2014 mit dem Electro-Pop Duo Wolfman eine sehr intensive Zeit verbracht. Die Band gab nach ihrem ersten Album Unified über 50 Konzerte; Sie bespielten grosse Bühnen in der Schweiz und in Deutschland, was für eine Schweizer Newcomer-Band beachtlich ist. Nun arbeitet Wolfman am zweiten Album. Solche Schritte mit einer zuerst noch unbekannten Band zu machen, ist mindestens so interessant wie der Umstand, dass Irascible Music an den Erfolgen von Grössen wie Sophie Hunger beteiligt ist.

Als ich mein Bachelor-Studium in Journalismus und Organisationskommunikation an der ZHAW abschloss, wollte ich unbedingt Journalistin werden. Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Leben in der PR erfüllen würde. Ich betätige mich auch seit meinem Abschluss im Master Kulturpublizistik weiterhin als Publizistin, schreibe aber nur noch selten als Freischaffende für die NZZ oder die „Surprise„. Irascible Music füllt mich mehr als aus, und die Entwicklungen im Popmusik-Kontext bleiben spannend. Manchmal wünsche ich mir ein eigenes Medium – zum Beispiel einen Radiosender oder einen Blog – mit welchem wir guten Sound verbreiten könnten. Aber das ist zurzeit noch Zukunftsmusik.

Fabienne Schmuki, Jahrgang 1983, ist Absolventin Bachelor in Journalismus & Organisationskommunikation (ZHAW) und des Master Kulturpublizistik (ZHDK), Co-Geschäftsführung des Schweizer Independent Musikvertriebs Irascible und Kommissionsmitglied des Zürcher Popkredits. Sie schreibt als Freelancerin für diverse Print- und Onlinemedien.


Im Kosmos der Bücher

Stephanie Rebonati
Stephanie Rebonati; Foto: Filipa Peixeiro

Gestern feierten wir in der Edition Patrick Frey die Vernissage von «Falsche Fährten», dem neuen Buch von Künstler und ZHdK-Dozent Peter Radelfinger. Peter sammelt Texte und Bilder, die er in Zeitungen, Zeitschriften und im Netz findet. Es sind Gedichte, es sind Diagramme. Es können aber auch mathematische Formeln sein, Anzeigen für Herren-Pyjamas, auch viele Aufnahmen von Schimpansen und Gorillas. Dieses Künstlerbuch ist ein Monolith, ein 500-Seiten-Konvolut, der uns die Welt erklärt – die Welt aus der Sicht eines obsessiv sammelnden Künstlers. Von November bis April habe ich dieses Buch als Lektorin begleitet, was gleichermassen herausfordernd wie spannend war. Nun halten wir das druckfrische Buch in unseren Händen und diskutieren bereits über das nächste gemeinsame Projekt.

Erstmals in den Kosmos der Bücher eingetaucht bin ich während meines Praktikums beim selben Verlag. Später verbrachte ich einige Monate in New York, wo ich die Edition Patrick Frey an der „NY Art Book Fair“ vertreten durfte und als freischaffende Journalistin Texte für Tages-Anzeiger, SonntagsZeitung, Basellandschaftliche Zeitung und NZZ am Sonntag geschrieben habe. Von meinem Studium in Journalismus und von meiner Tätigkeit als freischaffende Schreiberin profitiere ich, wenn ich heute Vorschau-Texte für den Katalog des Kunstbuchverlags verfasse. Diese schreibe ich im Rezensionsstil, weil ich mich auch bei der Verlagsarbeit in der Rolle der Journalistin sehe – und weil Redakteurinnen und Redakteure, die hier unter anderem mein Publikum sind, werberische PR-Texte links liegen lassen.

Als freischaffende Journalistin schreibe ich vorwiegend über junge Frauen in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Erst kürzlich habe ich für den Tages-Anzeiger ein Portrait über die Zürcher Regisseurin Rahel Grunder verfasst, die einen Dokumentarfilm über das traurige Schicksal von Emilie Kempin-Spyri, der ersten Anwältin der Schweiz, gedreht hat. Solche Frauengeschichten faszinieren mich einfach! Es klingt makaber, aber über Männer schreibe ich oftmals nur, wenn es sich um tote Künstler wie Ettore Sottsass oder Robert Mapplethorpe handelt.

Im letzten Halbjahr entstand „U-30“ des Schweizer Architektur und Designmagazins „Hochparterre“, das Heft erschien im Oktober. Das Team bestand aus einem Architekten, einer Textildesignerin, einem Grafiker und mir als Journalistin und Produzentin.

Aufgrund meines flexiblen Lebensentwurfes kann ich mich für solche einmaligen Projekte bewerben und sie passen zu meinem Interesse an Kultur und Gesellschaft. Alle Sachen, die ich mache sind inhaltlich verwoben, sie treiben mich an und bringen mich weiter. Mit meinem Label „Oh Johnny Zurigo“ lanciere ich demnächst neben neuem Schmuck meine erste Kissenkollektion.

Bis heute ist es für mich unvorstellbar einen Beruf erlernen und diesen dann zu 100% ausüben zu müssen. Die 60%- Anstellung bei Edition Patrick Frey, die Projekte und Aufträge als freischaffende Journalistin und mein Schmuck- und Textil-Label „Oh Johnny Zurigo“ – das alles ergibt für mich ein stimmiges Ganzes. Mein Leitmotiv: „Whatever works!“

Stephanie Rebonati hat an der ZHAW den Bachelor in Journalismus & Organisationskommunikation gemacht und 2013 den Master Kulturpublizistik abgeschlossen. Sie arbeitet beim Kunstbuchverlag Edition Patrick Frey, schreibt als freischaffende Journalistin für diverse Zeitungen und führt das Schmuck- und Texillabel „Oh Johnny Zurigo“.

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