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Der Querschreiber im Ruhrgebiet

Mein Austauschsemester im Pott verlief anders als erwartet: Neben der bedingungslosen Liebe für Fussball traf ich in Gelsenkirchen auf ungekünstelte Menschen, trinkfeste Professoren und wider Erwarten keinen Kohlenstaub.

von Urs Kilchenmann, Student JO12

Meine Mutter meinte vor meinem Auslandsemester, dass ich keine weissen Klamotten mitnehmen solle: „Urs, Gelsenkirchen ist eine Industriestadt im Ruhrgebiet, dort bauen sie Kohle unter Tage ab.“ Wegen dem Kohlenstaub sei alles mit einer schwarzen Schicht bedeckt.

Ich hatte ja keine Ahnung von dieser Region um Köln. Gelsenkirchen kannte ich bis anhin nur durch den Fussballverein Schalke 04. Als uns die Partnerhochschulen für das Auslandsemester präsentiert wurden, fand ich den Studiengang ganz verlockend: Wie am IAM wird auch die Verzahnung zwischen Journalismus und Public Relations gelehrt und dabei die zwei unterschiedlichen Berufsfelder klar getrennt. Kohlestaub hin oder her: Das wollte ich mir näher ansehen:

 

Familiär, fundiert und facettenreich
Das Institut für Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule ist familiär: Studierende und Professoren begegnen sich auf Augenhöhe. Auch ausserhalb des Studienbetriebs trifft man die Professoren am Stammtisch oder an der legendären „Night of the Profs„, wo Dozierende einmal pro Jahr an den Turntables stehen und für die Studierenden auflegen.

Urs Kilchenmann
Urs Kilchenmann

Der Querschreiber
Im Seminar „Lehrredaktion Print“ haben wir ein neues Magazin „den Querschreiber“ entwickelt und betrachteten Geschichten aus einem anderen Blickwinkel. Besonders fasziniert hat mich an diesem Magazin, dass wir hartnäckig andere Themen und Fokusse suchten, um uns klar von herkömmlichen Storys in Printmedien abzugrenzen.

Abseits des Spiels – Der Ticker, aber nicht zur Partie
Ben Held, Student aus dem 5. Semester und ich, verfassten einen Liveticker zumFussballspiel Schalke gegen Hamburg. Der Fokus lag nicht wie gewöhnlich bei den Akteuren auf dem Spielfeld, sondern auf den Leuten (Ordner, Platzwart, Imbissverkäufer etc.), die solche Veranstaltungen erst möglich machen. Hier einen Auszug aus unserem Ticker:

  1. Minute. Mittlerweile kommen auch die Elbestädter in der Partie an, denn es geht langsam um die Wurst. Genau wie bei der Imbissverkäuferin Jasmin: „Fans mit einer genussfreudigen Statur stehen schon vor der Halbzeitpause bei mir, um eine Bratwurst im Brötchen zu bekommen.“
  2. Minute. Sanitäter Gezim steht vor dem Westeingang und sucht Schutz vor dem Wind, der gnadenlos über das Revier zieht: „Irgendwas passiert bei jedem Spiel – und wenn nur einer wieder zu viel getrunken hat!“
  3. Minute Herbert der Platzwart stürmt nach dem Pausenpfiff das Feld und präpariert es für die nächste Halbzeit. „Was schmeissen die denn alle ihre Feuerzeuge auf’n Platz. Hab schon genug mit den Löchern zu tun!“, meckert er. Würde er alle Feuerzeuge verkaufen, könnte er sich eine Dauerkarte für die nächste Saison kaufen.

FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V. ist der Stolz der Stadt
Die Jungs aus dem Pott nahmen mich mit in die Nordkurve der Arena auf Schalke, um die Königsblauen lautstark anzufeuern. Ein kompaktes Stadion mit knapp 62‘000 Zuschauern, kein Vergleich zum Letzigrund in Zürich. Es war Liebe auf den ersten Blick für diesen Verein. Die aussergewöhnliche Hingabe der Fans auf Schalke hat mich sehr berührt.

 

Ausserdem besuchten wir Partien in Bochum, Düsseldorf, Essen, Gladbach und auf der Südtribüne der verbotenen Stadt (Dortmund). 25‘000 hüpfende Zecken (Dortmund-Fans) lösten bei mir widerwillig Gänsehaut und Faszination für die europaweit grösste Stehplatztribüne aus.

Jeder, der was Echtes erfahren, Menschen aus dem Pott erleben und altehrwürdige Industriekultur entdecken möchte, sollte sein Auslandsemester in Gelsenkirchen verbringen.

Meine Mutter musste nach ihrem Besuch ihre Meinung revidieren und war begeistert von dieser einzigartigen Region: Die Zechen sind nicht mehr aktiv, die Halden sind begrünt und der Himmel strahlt wieder blau über dem Ruhrgebiet.

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