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Von der Sehnsucht nach Gemeinschaft

Als wissenschaftlicher Programmentwickler bin ich stark involviert bei der Konzeption und Durchführung des neuen Zertifikatlehrgangs am IAM, CAS Community Communication (siehe Infobox). Ich bin quasi für die wissenschaftliche Erdung des Programms verantwortlich. Doch was um Himmels Willen bringt einen Professor für Journalistik dazu, sich in einem Kurs für Kommunikationsverantwortliche zu engagieren? Das fragen mich immer wieder Kollegen aus der Wissenschaft und aus dem Journalismus. Ich will hier gerne antworten.

Prof. Dr. Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik
Prof. Dr. Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik

Wir sind Kinder der Aufklärung und leben in einer Welt, in der es den Drang gibt, alles zu „vergesellschaften“, d.h. Individuen werden zu Gesellschaftsmitgliedern und unser Zusammenleben ist geprägt von klar definierten Rollen, Hierarchien, Verträgen, Vereinbarungen und Verfahren. Vergesellschaftung bedeutet aber auch Entzauberung, Rationalisierung und Bürokratisierung. Es gibt für alles ein Formular. In einer solchen Welt wächst die Sehnsucht nach „Vergemeinschaftung“, nach dem emotional erlebten „Wir-Gefühl“ beispielsweise in der Familie, der Bruderschaft, der Techno-Szene, der erotischen Beziehung oder eben auch auf der Suche nach einem Zugehörigkeitsgefühl in einer (virtuellen) Community – flüchtig, temporär und auch mal anonym. Gemeinschaften haben für mich etwas wohltuend Irrationales.

Unsere ausdifferenzierte Gesellschaft zeichnet sich zudem durch eine Abnahme gemeinsamen Wissens aus. Je weniger Wissen geteilt wird, umso mehr muss kommuniziert werden. So versichern sich Kommunikationsgemeinschaften fortwährend ihrer Gemeinsamkeiten, was zu einer Art Geschwätzigkeit führt, die sich in sozialen Medien all zu leicht verselbstständigen können. Dies stellt Kommunikationsverantwortliche von Organisationen jeglicher Art vor neue Herausforderungen. Etwa dann wenn beispielsweise Milizsoldaten einer Rekrutenschule zum Besuchstag spontan eine Facebookseite erstellen, wenn sich in der Stadtbibliothek ein Leserzirkel zu pornographischer Literatur herausbildet, wenn empörte Kunden in einem Shitstorm über ein neues Produkt lästern oder wenn Freidenker halböffentlich gegen das Singen von Weihnachtsliedern in der Primarschule vorgehen.

Der Geschwätzigkeit auf der Spur
Diese neuen Entwicklungen rufen danach, solche schillernden Sozialstrukturen zu beobachten, zu begleiten und vielleicht auch kommunikativ zu steuern. Genau dies macht Journalismus, wenn er als Fremdbeobachter – zuweilen auch geschwätzig – zur gesellschaftlichen Selbstbeobachtung beiträgt und das öffentliche Gespräch moderiert. Die strategische Organisationskommunikation, welche Communitys bewusst begegnen will, kann also von den Erkenntnissen der Journalistik profitieren; nicht zuletzt dann, wenn es um die Frage geht, wie Narrationen statt Argumentationen unsere Wahrnehmung prägen, wie relevante Geschichten aufgespürt werden können oder wie durch mediale Inszenierung öffentliche Aufmerksamkeit generiert wird.

Communitys sind immer stärker mediatisiert. Als Professor für Journalistik, der selbst eine Sehnsucht nach Vergemeinschaftung erlebt, fühle ich mich deshalb bei der Entwicklung des CAS Community Communication wie ein Fisch im Wasser. Und ich freue mich wie ein kleines Kind auf dessen Start und die Gemeinschaft der Kursteilnehmenden aus den unterschiedlichsten Bereichen.

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P.S. Ich hätte den CAS Community Communication gerne über die Domain www.community-communication.ch kommuniziert. Gemäss ZHAW Domain-Reglement ist eine solche URL jedoch unzulässig, was aus OK-Perspektive durchaus nachvollziehbar ist. Deshalb propagieren wir nun den CAS über die offizielle Domain http://www.zhaw.ch/de/linguistik/institute-und-zentren/iam/weiterbildung/zertifikatslehrgaenge-cas/cas-community-communication.html, womit uns die Verfahren der vergesellschafteten Welt wieder eingeholt haben. 🙂

 

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