The Golden Tree – journalistischer Aufwand mit Herz

Es gibt Aufträge, Artikel und Beiträge, die Journalisten machen, um ihre Wohnung zu bezahlen. Und es gibt Beiträge, die sie machen, weil sie genau wegen solchen Dingen Journalisten werden wollten. Dieses Projekt gehört definitiv zur zweiten Kategorie.

von Florian Schweer und Olivia Gähwiler, Absolventen des BA Journalismus und Organisationskommunikation

In einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, über einen Rohstoff zu recherchieren, der schweizerischer fast nicht sein kann, ist eine Herausforderung. Die Rede ist von Kakao. Der Kakao, der die Grundlage bildet für unsere berühmte Schweizer Schoggi. Während drei Wochen sind wir im Oktober 2015 auf eigene Kosten quer durch Ghana gereist, um herauszufinden, weshalb der Kakao immer knapper wird, während die Nachfrage stetig steigt. Unser Ziel war es, mit Kleinbauern zu sprechen, die nicht Teil eines Vorzeigeprojekts von Grosskonzernen sind und dabei herauszufinden, wo ihre Probleme liegen.

Kakaobauern-Dorf in Ghana (Foto: Florian Schweer)
Kakaobauern-Dorf in Ghana (Foto: Florian Schweer)

Kurzfristige Tendenzen und das grosse Ganze
In der erste Woche trafen wir Landwirtschafts-Technologen, Geologen sowie Bio-Dünger-Produzenten. Der Tenor war klar: Der Klimawandel sei die grösste Ursache für die Stagnation der Kakao-Produktion. Doch nachdem wir mehrere Tage verschiedene Kakaobauern begleiten konnten, unterschiedlichste Plantagen sahen, mit Zertifizierern und Kakaohändler sprachen – immer mit einem Fahrer und Dolmetscher an unserer Seite – erhielten wir eine Ahnung davon, wie gross die Verknüpfung der Probleme ist und welch ein Trugschluss es wäre, alles auf den Klimawandel zu schieben.

Um die Vielfalt der Probleme aus einem bereits seit Jahren bekannten Diskurs attraktiv aufzubereiten, wurde für uns bereits während der kalten Recherche vor der Reise schnell klar, dass wir die Geschichten der Akteure multimedial erzählen wollten. Ob beim Treffen mit Universitätsprofessoren, Aktivisten, Bauern oder Beamten –Fotoapparat, Kamera und Kugelschreiber waren immer parallel im Einsatz, um jeden Aspekt der Geschichte in dem für ihn passenden Format aufzubereiten. Wir wollten den Problemen Gesichter geben.

Medienresonanz auf unsere Arbeit
Zurück in der Schweiz nahmen wir uns die Zeit, sämtliches Interviewmaterial (insgesamt ca. 20 Stunden) durchzusehen, uns nochmals mit einigen Schweizer Kakao-Akteuren zu treffen und unsere Ergebnisse zu einem multimedialen Stück zusammenzufügen. Mit einer ersten Version (bestehend aus sechs Porträts, einem Video und verschiedenen Bildern) kontaktierten wir diverse Medien. Von vielen haben wir bis heute kein Feedback erhalten. Einige dankten und wollten das ganze Produkt ohne Entlohnung übernehmen. Wir waren uns von Anfang an bewusst, dass unser Aufwand finanziell niemals gedeckt werden könnte, doch wir hofften zumindest auf eine Rückmeldung und Anerkennung der geleisteten Arbeit.

Diese erhielten wir bei der Reportagen-Leitung der Annabelle. Obwohl unsere Reportage ein Online-Produkt ist, erhielten wir von der Printredaktion eine so tolle Unterstützung, dass sie ihr Budget mit dem noch kleineren der Onlineredaktion zusammenlegten, um uns entgegenzukommen. Durch gemeinsames Brainstorming entstand der Mix aus Interviews mit uns Machern in der Printausgabe sowie einem Ausschnitt des gesamten Multimediaprojekts auf annabelle.ch.

„Die journalistische Produktion kostet fast genau so viel Aufwand, wie das journalistische Arbeiten an sich.“

Für junge Freischaffende ohne einen direkten Draht in die Redaktion ist es ungemein schwierig nur schon ein Feedback auf vorgeschlagene oder wie in unserem Fall bereits produzierte Geschichten zu erhalten. Der Verkauf und die Platzierung der journalistischen Produktion kostet fast genauso viel Aufwand wie das journalistische Arbeiten an sich. Dessen müssen sich junge Journalisten, welche als Freie hochwertige Geschichten produzieren möchten, bewusst sein.

Olivia Gähwiler interviewt einen Kakao-Kleinbauern in Ghana (Foto: Florian Schweer)
Olivia Gähwiler interviewt einen Kakao-Kleinbauern in Ghana (Foto: Florian Schweer)

Beitrag zum öffentlichen Diskurs
Aus Überzeugung, dass es Geschichten gibt, die nicht kalt und aufgrund von Medienmitteilungen geschrieben werden können, die vielleicht nicht massenhaft Klicks ergeben aber doch eine hohe Relevanz haben, werden wir auch weiterhin solche aufwendigen Produktionen realisieren, in der Hoffnung, dass Medienhäuser oder neue Publikations-Plattformen in Zukunft vermehrt auf Qualität und Inhalt setzen und diese angemessen entlohnen und vermarkten. So dass es in Zukunft möglich wird von einem qualitativ aufwändig betriebenen freischaffenden Journalismus zu leben. Im öffentlichen Interesse dürfte es liegen. Das zeigt die Geschichte unserer Kollegin aus Deutschland, die sich dem selben Thema annahm wie wir. Aufgrund der knappen Ressourcen musste sie ihren Artikel noch vor der Rückreise aus Afrika ihrer Redaktion abliefern. Die Botschaft ihres Artikels lautete: Der Klimawandel ist das Problem.

Mehr zum Thema:
Die Multimedia-Reportage The Golden Tree by Annabelle Stories
Florian Schweer, Kameramann an der JO-Diplomfeier

 


2 Kommentare


Schreibe einen Kommentar zu Ursula Hess Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.