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Work-Life-Balance und Pflichtbewusstsein – ein Konflikt?

Prof. Dr. Mathias Schüz

Gestern wurde ich von einem deutschen Landesministerium angefragt, ob ich einen Vortrag zu dem Thema «Work-Life-Balance und Pflichtbewusstsein» halten könnte. Erst dachte ich, dass das Thema ja eigentlich schon lange ausdiskutiert sei. Doch im Kontext mit Pflichtbewusstsein erkannte ich plötzlich darin eine nachdenkenswerte Aufgabe.
Der Begriff «Work-Life-Balance» selbst ist schon eine Provokation. Denn hier wird Arbeit als ein Gegensatz zum Leben angenommen, als ob man bei der Arbeit eigentlich tot ist und nur ausserhalb davon lebt. Vielleicht liegt genau darin ein fundamentales Problem. Viele Arbeitnehmer fühlen sich bei ihrer Arbeit mehr tot als lebendig, funktionieren nur und erfüllen ihren «Dienst nach Vorschrift», um das nötige Auskommen für ein Leben ausserhalb der Arbeit zu erwerben.

Fusion von „fun“ und harter Arbeit
Im Rahmen meiner früheren Tätigkeit in der Versicherungswirtschaft war ich vor vielen Jahren dafür verantwortlich, die Fusion einer niederländischen mit einem deutschen Versicherungsunternehmen in Bezug auf die Harmonisierung ihrer unterschiedlichen Unternehmenskulturen zu begleiten. Dabei stellte sich damals (2002) ein Hauptunterschied heraus: Die lustvoll-hedonistischen Vorstellungen der Niederländer basierten auf der Forderung, dass Arbeit Spass («fun») machen sollte. Das preussisch-protestantische Arbeitsethos der eher lustfeindlichen Deutschen fand dafür kein Verständnis. Arbeit ist hart. Nur wer sich abmüht, Disziplin zeigt und seine Pflichten erfüllt, der kann Leistungen erbringen. Spasshaben, das ist eine Freizeitbeschäftigung. Wer z. B. bei der Arbeit lacht, der verhindert Leistungen.

Beide Seiten waren über die unterschiedliche Auffassung der anderen, wie Arbeit zu gestalten sei, höchst befremdet. Erst nachdem die eher hierarchiegewohnten Deutschen erlebten, wie die hierarchiearmen Niederländer sehr wohl leistungsfähig sein konnten, ja sogar nach dem Büroaufenthalt in Pubs bei gemeinschaftlichem Gesang und Gelächter durchaus noch tragfähige Entscheidungen für das Unternehmen treffen konnten, fand eine Annäherung der beiden Kulturen statt. Man sah ein, dass Arbeit durchaus lebendig sein und Freizeit durchaus auch der Arbeit dienen kann.

Die heutigen Arbeitsverhältnisse haben dank Digitalisierung und moderner Kommunikationsmittel die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer durchlässiger gemacht. Homeoffices, die Zusammenarbeit von Mitarbeitern in virtuellen Teams, deren Mitglieder manchmal über ganze Kontinente verstreut sind, oder globale Lieferketten haben die zeitliche Begrenzung von Arbeit auf täglich acht Stunden sowieso überholt. Sie verlangen Agilität in der Führung und Selbstorganisation. Damit wird die scharfe Trennung von Arbeit und Privatleben zunehmend hinfällig.

In dieser Entwicklung liegen aber nicht nur Chancen, sondern auch Risiken, die sich etwa auf die Gesundheit der Mitarbeitenden erheblich auswirken können. Wer Arbeit nach wie vor als ein notwendiges Übel und Zwangskorsett ansieht, der wird dann nicht einmal mehr in einer zeitlich klar definierten Freizeit Erholung finden. Deshalb nehmen ja überall die Burnout-Symptome in der Arbeitswelt zu.

Pflicht im Sinne von etwas pflegen
Hier kommt nun das «Pflichtbewusstsein» ins Spiel. Was ist überhaupt unter «Pflicht» zu verstehen? Pflicht stammt ursprünglich von «pflegen». Es gilt etwas zu pflegen, z. B. eine Regel soll eingehalten werden. Die Auffassung, dass das Einhalten von Arbeitsregeln weh tun muss, stammt noch aus der Zeit, als tatsächlich physische Arbeitsvorgänge etwa am Fliessband akribisch einzuhalten waren. Frederic Winslow Taylor berechnete die Effizienz der Arbeit noch an der Fähigkeit eines Arbeiters, eine bestimmte Menge an Material mit einer Schaufel transportieren zu können. Wer da viel leistete, der hatte auch viele körperliche Schmerzen auszuhalten.

Unsere heutige Arbeitswelt hat sich grösstenteils von physischer Arbeit verabschiedet. Arbeit wird immer weniger mit dem Körper ausgeführt. Sie findet im Kopf oder in gemeinschaftlicher Kommunikation statt. Hier bedeutet Pflichtbewusstsein nicht mehr, körperliche Schmerzen auszuhalten, sondern neue Ideen zu entwickeln oder einen guten Umgang mit sich und allen Stakeholdern zu pflegen.

Pflichtbewusstsein basiert ethisch auf einem «guten Auskommen miteinander», indem die Autonomie des anderen respektiert und neuen Ideen vorurteilsfrei begegnet wird. Pflicht bedeutet auch, eine Freude an der Arbeit zu entdecken. Das setzt voraus, dass man in ihr einen Sinn erkennt, nicht nur das eigene Auskommen zu sichern, sondern auch einen Beitrag für das Überleben unserer Gesellschaft und Natur zu leisten. Wer ein solches Arbeitsethos verantwortungsvoll pflegt, der lebt nicht nur in der Freizeit gut, sondern belebt freudvoller auch die Arbeit.

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