Die steigenden Absenzen vom Arbeitsplatz sind ein heisses Thema. Gemäss Bundesamt für Statistik sind sie seit 2012 um über 30% gestiegen. Wer ist schuld? Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften streiten sich über die Ursachen.
Aber in diesem Beitrag geht es um etwas anderes: Die Absenzen sind nur ein Teil der Produktionsverluste – also der gesamten Kosten der durch Krankheit verlorenen Arbeitsfähigkeit. Das zeigt unsere kürzlich veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit, die erstmals die gesamten krankheitsbedingten Produktionsverluste in der Schweiz quantifiziert.

Verschiedene Arten von Produktionsverlusten
In der Studie haben wir vier Arten von Produktionsverlusten über die zehn Jahre von 2012 bis 2022 geschätzt:
- Absentismus-Kosten: Diese Verluste entstehen durch krankheitsbedingte Absenzen vom Arbeitsplatz. Über die zehn Jahre der Studienperiode sind sie um 7.6 Milliarden Franken oder 73.1% gestiegen. Dies liegt nicht nur an den zusätzlichen Fehltagen, sondern auch am gestiegenen Wert pro verlorenen Arbeitstag. Im Jahr 2022 lagen diese Kosten bei 18.0 Milliarden Franken.
- Präsentismus-Kosten: Dabei handelt es sich um den Wert der verlorenen Produktion, wenn erkrankte Personen zwar am Arbeitsplatz anwesend, aber aufgrund ihrer Krankheit weniger leistungsfähig sind. Mit 33.7 Milliarden Franken übertreffen die Präsentismus-Kosten die Absentismus-Kosten deutlich. Hauptgrund ist die wesentlich höhere Anzahl von Personen, die von Präsentismus betroffen sind. Bemerkenswert ist auch, dass der Präsentismus zwischen 2012 und 2017 anstieg und dann bis 2022 wieder auf das Ausgangsniveau von 2012 fiel.
- Produktionsverluste durch Invalidität: Sie entstehen, wenn erkrankte Personen dauerhaft arbeitsunfähig sind. Diese Kosten haben wir basierend auf Daten der Invalidenversicherung (IV) berechnet. Sie sind während des Studienzeitraums leicht gesunken.
- Produktionsverluste durch frühzeitigen Tod: Sie messen den Wert der verlorenen Produktion von Personen, die im Erwerbsalter versterben. Auch diese Kosten sind leicht gesunken, obwohl der Wert pro verlorenen Arbeitstag gestiegen ist. Grund ist, dass weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter verstorben sind – eine erfreuliche Entwicklung.
Wieso die Produktionsverluste «unsichtbar» sind
Die gesamten Produktionsverluste lagen 2022 bei 70.5 Milliarden Franken. Das ist sehr viel, denn sie liegen mit 8000 Franken pro Kopf in der Grössenordnung der Gesundheitskosten von über 10’000 Franken pro Kopf. Und die sind in der Schweiz ein ganz grosses Thema.
Aber wieso bleiben die Produktionsverluste im Vergleich fast unsichtbar?
Da kann ein Vergleich mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP) helfen, das dem gesamten jährlichen Einkommen entspricht. Die Gesundheitskosten bezahlen wir direkt oder wir finanzieren sie indirekt via Krankenkassenprämien, Steuern und Sozialversicherungen. Die Gesundheitskosten spüren wir alle und sind auch im BIP enthalten.
Die Produktionsverluste betreffen hingegen primär Unternehmen und Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können. Dieses verlorene Einkommen ist aber nicht Teil des BIP. Ohne Produktionsverluste wäre das BIP deutlich grösser.

Und das sind immer noch nicht alle Kosten
Gesundheitskosten und Produktionsverluste sind monetäre Kosten. Hinzu kommen weitere Kosten ausserhalb des Gesundheitswesens, etwa bei der Betreuung und Pflege von Kranken durch Angehörigen und Freunde.
Und schliesslich gibt es auch die für die Betroffenen wohl wichtigsten Kosten: die verlorenen Lebensjahre und die verringerte Lebensqualität. Auch dazu liefert unsere erwähnte Studie im Auftrag des BAG umfassende Informationen.
Simon Wieser ist Institutsleiter am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie.