
Von Marc Höglinger und Miro Gächter
Notfallstationen behandeln längst nicht nur Notfälle. Ein beträchtlicher Teil der Patient:innen kommt mit Beschwerden, die keine akute Spitalversorgung erfordern – sogenannte Bagatellfälle. Sind sie ein echtes Problem? Wie gross ist das Ausmass dieses Phänomens? Und welche Merkmale haben diese Fälle? Unsere eben im Journal “Notfall + Rettungsmedizin” erschienene Studie geht diesen Fragen am Beispiel des Kantonsspital Uri nach. Es zeigt sich: Über die Hälfte der Notfallkonsultationen könnten auch in einer Hausarztpraxis versorgt werden.
Uri: Wo Hausärztinnen und Hausärzte Mangelware sind
Der Kanton Uri ist klein, ländlich und liegt bei der hausärztlichen Versorgung pro Hausarzt im schweizweiten Vergleich im hinteren Mittelfeld. Für Kinder sieht es noch schlechter aus: Im
gesamten Einzugsgebiet des Kantonsspitals gab es zum Erhebungszeitpunkt lediglich zwei Pädiatriepraxen.
Das macht Uri zu einem interessanten Untersuchungsgebiet für eine Frage, die Gesundheitspolitik und Spitalverantwortliche gleichermassen umtreibt: Wie viele Patient:innen kommen mit Anliegen auf die Notfallstation, die eigentlich in einer Hausarztpraxis behandelt werden könnten?
Jede zweite Konsultation ist ein Bagatellfall
Wir haben dazu 1’247 Notfallkonsultationen aus dem Jahr 2023 analysiert. Das Ergebnis: 56 Prozent waren Bagatellfälle. Es handelt sich um sog. Low-Acuity Presentations (LAP), die keine Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT), invasive Diagnostik oder Operation benötigten. Es sind also Fälle, die auch eine gut ausgestattete Hausarztpraxis hätte behandeln können. Unsere LAP-Definition ist bewusst eng gefasst: Erst wenn Leistungen, die nur in einem Spital durchgeführt werden können – etwa erweiterte Bildgebung oder stationäre Aufnahme – nötig werden, zählt ein Fall nicht als LAP. Wichtig ist: Nicht alle LAPs sind ungerechtfertigt im Spital. Multimorbidität, funktionelle Einschränkungen oder fehlende soziale Unterstützung können auch scheinbar einfache Fälle zu Notfallpatienten machen – unsere Definition berücksichtigt diese (schwer messbaren) Kontextfaktoren nicht.
Jung, Selbsteinweiser und mit Schmerzen
Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren liegt der LAP-Anteil bei 80 Prozent, bei jungen Erwachsenen (18–29 Jahre) sind es 72 Prozent, bei 30- bis 49-Jährigen 66 Prozent. Ab 50 Jahren sinkt der Anteil auf 46 Prozent, bei über 80-Jährigen auf 37 Prozent. Die LAP-Anteile unterscheiden sich je nach Zuweiser, also wer die Patient:innen in den Notfall schickt. Selbsteinweiser haben mit 67 Prozent den höchsten LAP-Anteil, Zuweisungen durch den Rettungsdienst (38 Prozent) oder Hausärzt:innen (45 Prozent) sind deutlich seltener LAPs. Symptome mit hohem LAP-Anteil sind unspezifische Schmerzen (71 Prozent), gefolgt von Traumata und Hautausschlägen (je 63 Prozent).
Wenn die Praxis zu ist
Von Freitag bis Montag ist der LAP-Anteil deutlich höher als unter der Woche. Am Wochenende, wenn Hausarztpraxen geschlossen sind, wird die Notfallstation zur Auffangstation. Im Tagesverlauf zeigen sich hingegen keine grossen Unterschiede – morgens liegt die Quote bei 59 Prozent, nachts bei 50 Prozent.
20 Fälle pro Tag: Wo liegt die Grenze?
Wie kommt das Kantonsspital Uri mit den vielen Patient:innen klar? Akut bedrohlich ist die Situation nicht. Die Notfallstation des Kantonsspitals Uri verzeichnet durchschnittlich 20 Konsultationen pro Tag, an 95 Prozent der Tage bleiben es unter 29. Doch bei 56 Prozent LAP-Anteil bedeutet das: täglich gibt es rund elf Fälle, die – sofern Alternativen existierten – hausärztlich behandelbar wären.
Lückenbüsser wider Willen
Der hohe LAP-Anteil ist kaum nur eine Frage des Patientenverhaltens, sondern Symptom einer Versorgungslücke. Wo Hausärzt:innen rar sind, übernimmt die Notfallstation eine Doppelrolle: Akutversorgung und Grundversorgung zugleich. Paradoxerweise können diese Bagatellfälle auch für eine gute Auslastung der Spitalinfrastruktur sorgen. Dennoch braucht es langfristig Alternativen: besseren Zugang zu Hausärzt:innen ausserhalb der Sprechstundenzeiten, telemedizinische Angebote, digitale Triage-Tools oder „Care at HomeKonzepte für Ältere.
Fazit: 56 Prozent der Notfallkonsultationen sind Bagatellfälle. Eine teilweise Entlastung wäre möglich – indem die Lücken geschlossen werden, die die Notfallstation heute füllen muss.
Der ganze Artikel von Miro Gächter, Antonia Gächter, Georg Mang und Marc Höglinger in der Zeitschrift Notfall und Rettungsmedizin: https://link.springer.com/article/10.1007/ s10049-026-01692-y
Miro Gächter ist Rettungssanitäter am Kantonsspital Uri und hat die Masterarbeit, auf der die Studie basiert, verfasst.
Marc Höglinger ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Co-Leiter des Teams Versorgungsforschung am Winterthurer Institut für Gesundheitswissenschaften.