
Von Sina Berger
Im Rahmen einer gemeinsamen Initiative des WIG und der Universität Zürich (UZH) wurde ein dreimonatiger Kurs für Senior:innen zur Innovationsmethode «Design Thinking» durchgeführt. Das Projekt entstand im Kontext eines durch die Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) geförderten Programms zum lebenslangen Lernen 60+. Ziel war es zu untersuchen, wie Menschen nach ihrem Berufsleben neue Lernräume nutzen, um aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen aktiv mitzugestalten, und wie Lernen dabei über den reinen Wissenserwerb hinaus in konkrete Projekte mit Wirkung mündet. Der Beitrag greift damit ein Thema auf, das wichtig ist, da lebenslanges Lernen, aktive Teilhabe und Innovation zentrale Voraussetzungen für gesundes Altern darstellen.
An der Studie nahmen Personen zwischen 60 und 66 Jahren teil, die neugierig waren, lernen, gestalten und ihre Erfahrung für gesellschaftlich relevante Projekte einsetzen wollten. Im Zentrum stand Design Thinking – ein menschenzentrierter, iterativer Ansatz zur innovativen Problemlösung, der Nutzerbedürfnisse ins Zentrum stellt und darauf abzielt, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Die Teilnehmenden arbeiteten in kleinen Teams entlang des Design-Thinking-Prozesses und durchliefen dabei die Phasen des Verstehens, der Ideenfindung, des Prototypings und des Testens, um Lösungen weiterzuentwickeln.
Angesichts einer alternden Gesellschaft gewinnt die Frage an Bedeutung, wie ältere Erwachsene ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Gestaltungskraft weiterhin in Gesellschaft und Gemeinschaft einbringen können. Forschung zu lebenslangem Lernen zeigt, dass Lernen im späteren Lebensalter nicht nur individuelle Entwicklung fördert, sondern auch soziale Teilhabe, Sinnhaftigkeit und aktives Mitwirken unterstützt. Genau hier setzt das Projekt an: Es versteht ältere Erwachsene nicht als passive Zielgruppe, sondern als aktive Gestalter:innen gesellschaftlicher Innovation.
«Ich will dranbleiben» – Motivation jenseits von Karriere
Die Teilnehmenden, zwischen 60 und 66 Jahre alt, kamen nicht, weil sie mussten. Sie kamen, weil sie wollten. Ihre Motivation war klar: geistig aktiv bleiben, Neues lernen, sich austauschen und vor allem etwas Sinnvolles bewirken.
Viele beschrieben den Wunsch, ihr Wissen aus dem Berufsleben nicht einfach «abzulegen», sondern gezielt für neue Projekte zu nutzen – sei es im freiwilligen Engagement, in gesellschaftlichen Initiativen oder in eigenen Ideen. Design Thinking wurde dabei nicht als abstrakte Methode wahrgenommen, sondern als Werkzeug, um Ideen endlich strukturiert umzusetzen. Genau dafür war der Kurs da: um Design Thinking nicht nur kennenzulernen, sondern die Methode direkt auf eigene, selbstgewählte Projekte anzuwenden (Design-Thinking-Blended-Learning-Kurs für 60+: https://info.wise-learn.com/en/innovation-entrepreneurship/).
Was sie konkret gemacht und gelernt haben
Im Kurs arbeiteten die Teilnehmenden in kleinen Gruppen an selbstgewählten Projekten (z. B. Förderung von Kindern) Sie identifizierten gesellschaftliche Herausforderungen, führten Interviews mit relevanten Zielgruppen, entwickelten Ideen und testeten erste Lösungsansätze. Design Thinking diente dabei als strukturierter Rahmen, um von der Problemdefinition bis zur Umsetzung zu gelangen.
Das Kursformat war bewusst als Blended Learning konzipiert. Blended Learning bedeutet hier die Kombination aus selbstständigem Online-Lernen und gemeinsamen Austausch- und Arbeitsphasen in virtuellen und persönlichen Treffen. Online-Lerneinheiten zum Selbststudium wurden mit virtuellem Austausch und Präsenztreffen kombiniert. Die Teilnehmenden schätzten diese Mischung sehr. Die Lernformate wurden für unterschiedliche Aufgaben eingesetzt:
- E-Learning eignete sich gut, um sich theoretische Grundlagen im eigenen Tempo anzueignen.
- Präsenztreffen eignet sich besser, um Ideen weiterzuentwickeln, zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.
Das selbstständige Online-Lernen bot Flexibilität und erlaubte individuelle Vertiefung. Gleichzeitig wurde sehr deutlich: Innovation entsteht nicht allein vor dem Bildschirm. Die Präsenzphasen spielten eine Schlüsselrolle, wenn es darum ging, Ideen greifbar zu machen, gemeinsam zu reflektieren und unterschiedliche Erfahrungen zusammenzubringen. Besonders das Arbeiten mit Post-its, das gemeinsame Nachdenken und das informelle Gespräch wurden als wertvoll erlebt. Lernen war hier nicht nur Wissensaufnahme, sondern soziale Erfahrung.
Vom Lernen zum Handeln: Projekte mit echtem Impact
Besonders eindrücklich war, wie konsequent die Teilnehmenden das Gelernte in die Praxis überführten. Design Thinking blieb nicht Theorie, sondern wurde gezielt eingesetzt, um reale Herausforderungen zu bearbeiten und konkrete Lösungen zu entwickeln. Aus dem Kurs heraus entstanden Projekte mit sehr unterschiedlichem Fokus, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie setzen dort an, wo gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht:
- WiseListening – ein Podcast für neugierige Seniorinnen und Senioren, der ausgehend von Interviews und Nutzerfeedback entwickelt wurde und heute online verfügbar ist.
- Ein praxisnaher Leitfaden zur Frühförderung, der sich an politische Entscheidungsträger in Gemeinden richtet.
- Eine Initiative zur Stärkung der Studierendenfreundlichkeit einer Schweizer Stadt, die neue Perspektiven für den Hochschul- und Bildungsstandort eröffnen soll.
Diese Projekte zeigen: Ältere Erwachsene sind nicht nur Lernende, sondern Gestalter:innen und unternehmerisch Denkende, deren vorhandene Erfahrung und Kompetenzen durch strukturierte Innovationsmethoden noch weiter entfaltet werden können.
Fazit: Ein unterschätztes Innovationspotenzial
Richtig gestaltet, kann lebenslanges Lernen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Selbstwirksamkeit, gesellschaftliche Teilhabe, ein gesundes Altern und Innovationskraft fördern. Ältere Menschen gelten oft als Zielgruppe für Betreuung oder Freizeitangebote – weniger häufig als Quelle für Innovation. Unsere Ergebnisse zeigen ein anderes Bild: Mit passenden Lernformaten und relevanten Themen bringen Senior:innen Erfahrung, Motivation und Gestaltungswillen zusammen. Vielleicht ist es an der Zeit, Design Thinking nicht nur für die nächste Generation von Gründer:innen zu denken – sondern auch für jene, die bereits ein ganzes Berufsleben hinter sich haben und trotzdem (oder gerade deshalb) noch etwas bewegen wollen (Wissenschaftliche Studie: https://doi.org/10.1080/03601277.2025.2543921).
Sina Berger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Management im Gesundheitswesen am WIG.