«Wir arbeiten an alltagsrelevanten Verhaltensänderungen»

Dietlinde Arbenz-Purt und Maren Kneisner, Dozentinnen am Institut für Ergotherapie, haben ein Angebot für Erwachsene mit ADHS lanciert. Es soll die Betroffenen insbesondere bei Übergangsphasen unterstützen und mit dem Aufbau neuer Strukturen im Alltag helfen.

von Marc Bodmer

Wer ADHS hört, denkt meist an psychologische Unterstützung und Medikamente. Wie kann Ergotherapie helfen?
Dietlinde Arbenz-Purt: Im Zentrum der Ergotherapie steht die Handlungsfähigkeit und damit die Alltagsbewältigung. Menschen mit ADHS haben sehr oft genau damit Schwierigkeiten.
Maren Kneisner: Wir schauen mit jeder Person, wo sie steht, was ihr Probleme im Alltag bereitet und wo der Leidensdruck am grössten ist. Weiter klären wir ab, welche Ressourcen vorhanden und welche Strategien bereits bekannt sind. Wir behandeln nicht das Gehirn, sondern arbeiten an alltagsrelevanten Verhaltensänderungen.

Wie können solche Strategien aussehen?
Arbenz-Purt: Es werden zusammen mit den Klient:innen individuelle Ziele konkrete formuliert und wirksame Strategien dazu gesucht, evaluiert und versucht, diese erfolgreich in den Alltag zu integrieren. Es geht um Planung, Organisation, Zeit- und Energiemanagement, aber auch um Impulskontrolle und Selbstregulation. Ein Ziel hierbei ist, dass die Betroffenen Selbstwirksamkeit erleben.

Wenn man die News verfolgt, hat man den Eindruck, dass es immer mehr ADHS-Diagnosen gibt. Ist dem so?
Kneisner: Studien belegen, dass es nicht mehr Menschen mit ADHS gibt als früher. Aber die Leute sind sensibilisierter, vielleicht auch aufgeklärter. Wir haben den Eindruck, dass die Strukturen enger geworden und die Ansprüche gestiegen sind und die Akzeptanz für «Andersartigkeit» kleiner geworden ist. Arbeitswelt und Schulen fordern im digitalen Zeitalter mehr Selbstorganisation und Multitasking – da fallen Schwächen aufgrund von ADHS stärker auf.
Arbenz-Purt: Die mediale Aufmerksamkeit führt auch dazu, dass sich mehr Menschen abklären lassen. Viele Betroffene erkennen Symptome erst rückblickend und lassen sich erstmals im Erwachsenenalter abklären, nachdem zum Beispiel bei ihren Kindern ADHS diagnostiziert wurde.

Stereotype wie der chaotische, aber kreative Professor oder der Zappelphilipp halten sich hartnäckig.
Kneisner: Grundsätzlich können Menschen mit ADHS genauso erfolgreich sein im Leben wie neurotypische Menschen. Insbesondere dann, wenn sie gelernt haben, mit ihren Besonderheiten und Bedürfnissen gut zurechtzukommen oder sogar ihre Stärken wie Kreativität im Arbeitskontext gezielt einzusetzen.

Äussert sich ADHS bei Männern und Frauen unterschiedlich?
Arbenz-Purt: Verallgemeinert sind Männer eher körperlich unruhig und fallen mit ihrem Verhalten auf. Bei vielen Frauen äussert sich die Unruhe dagegen mehr innerlich: Sie neigen zu Gedankenkreisen, hinterfragen sich und anderes. Aber sie passen sich im Kindesalter oft besser den Normen und Strukturen an und fallen so weniger auf.
Kneisner: Darum werden Frauen oft später oder gar nicht diagnostiziert und entwickeln häufiger sekundäre psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen. Wenn diese behandelt werden, wird erst das ADHS erkannt. Versagensängste verursachen häufig weitere psychische Störungen. So liegt zum Beispiel bei Frauen mit ADHS das Risiko von Angststörungen fast fünf Mal höher, ähnlich stark ausgeprägt ist es bei Depressionen oder einer Suchterkrankung.

Wenn man jemanden mit ADHS kennt, kennt man bloss eine Ausprägung von  ADHS. Es gibt nicht eine Form von ADHS, die Symptomatik ist sehr individuell. Wie geht man damit therapeutisch um?
Arbenz-Purt: Wie wir es als Therapeut:innen immer machen: Wir sehen uns bei jeder einzelnen Person ihre Schwierigkeiten im Alltag an. Es gibt nie das eine Problem und die eine Lösung.

Ihr Projekt am Thetriz fokussiert auf Schwierigkeiten in Übergangsphasen. Warum tun sich Menschen mit ADHS besonders schwer damit?
Kneisner: Übergangsphasen, zum Beispiel der Wechsel von der Schule an die Hochschule oder von der Hochschule in die Praxis, sind geprägt von vielen neuen Eindrücken, die einer Priorisierung bedürfen. Eine solche «Was ist am wichtigsten»-Auswahl zu treffen, fällt Menschen mit ADHS aufgrund der mangelnden Impulskontrolle und «Filterfunktion» sehr schwer. Es gibt in solchen Situationen keine Routine, keine Tagesstruktur mehr, die helfen kann.
Arbenz-Purt: Viele Studierende ziehen nach der Matura von zu Hause weg. Plötzlich müssen sie einen ganzen Haushalt managen, Wäsche waschen, einkaufen, kochen etc. Sie verlassen auch schulisch ein viel strukturierteres Umfeld. Kurz: Es kommt zu einer Reizüberflutung, die es schwierig macht, Entscheidungen zu treffen. Dieser Prozess ist sehr anstrengend, macht müde und kann überfordern.

Sich organisieren können, klare Strukturen schaffen: Wie kriegt man das hin, ohne eine entsprechende Verbindlichkeit oder einem Gefühl, von anderen gebraucht zu werden?
Arbenz-Purt: Verbindlichkeiten kann zum Beispiel «body doubling» schaffen, also wenn eine andere Person präsent ist, während man eine Aufgabe erledigt oder lernt. Die blosse Anwesenheit einer Person in einer Bibliothek kann helfen, fokussierter zu arbeiten. Dies kann auch virtuell über eine App wie «Focusmate» erfolgen, bei der man sich online mit einer Person verabredet.

Viele Erwachsene – mit und ohne Diagnose – erarbeiten sich über die Jahre Coping-Strategien. Wie können solche aussehen?
Arbenz-Purt: Das Arbeiten mit Kalendern oder Post-it-Zettelchen, die an die Wohnungstüre geklebt werden, können helfen, an die wichtigen Sachen zu denken. Nützlich ist es auch, Tasche oder Rucksack bereits am Vorabend zu packen, damit im Stress nicht die Hälfte vergessen geht, bewusst ein Umfeld ohne grosse Ablenkungen zu wählen oder Kopfhörer mit oder ohne Musik zu tragen, um nur ein paar Strategien zu nennen.
Kneisner: Ein erfolgreicher Ansatz aus der Psychoedukation ist das Setzen von Gegenreizen im Sinne einer sensorischen Übersteuerung. Lässt man beim Lernen Musik laufen, kann man sich gegen die Fülle der Sinneseindrücke besser «abschirmen».

In Zeiten der digitalen Dauerberieselung ist die von Ihnen beschriebene Stimulusreduktion mehr als schwierig, aber notwendig, will man im Hochschulumfeld reüssieren.
Arbenz-Purt: Es zeichnet sich ein Trend ab, der in eine andere Richtung geht. Viele Studierende sind sich der Problematik bewusst. Sie verzichten auf gewisse Apps oder komplett aufs Smartphone und benutzen besonders während der Prüfungszeit ein «Dumbphone», ein altes Tastenhandy.

Wird ADHS nicht erkannt, können sich mit der Zeit negative Muster entwickeln, wie das bereits erwähnte Hinterfragen der eigenen Person und damit einhergehend Minderwertigkeitsgefühle.
Kneisner: Tatsächlich werden Gefühle und Situationen häufiger negativ auf die eigene Person bezogen. Hier ist es wichtig, den Unterschied zwischen Wahrnehmung, Interpretation und Reaktion zu lernen.

Wie meinen Sie das?
Kneisner: Bei Menschen mit ADHS ist der Thalamus, eine zentrale Schaltstelle im Gehirn, die alle einströmenden Sinnesinformationen und Impulse filtert, nicht in der Lage, genügend Dopamin zu verstoffwechseln. Nahezu alle Menschen mit ADHS sind hypersensibel und mit permanenter Reizüberflutung konfrontiert. Wahrgenommenes von aussen, aber auch von innen, wie Gedanken, Wünsche und Impulse, können kaum gefiltert, priorisiert und bewertet werden. Eine häufige Folge davon sind Überforderungen und Generalisierungsmechanismen mit negativem Selbstbild und Glaubenssätzen wie «Ich schaffe es sowieso nicht» oder «Ich enttäusche immer wieder».

Wie entkommt man einer solchen Spirale?
Kneisner: Zum Beispiel durch Strategien zur besseren Impuls- und Selbststeuerung. Wichtig sind auch Copingstrategien, die eine positive Selbstannahme und Selbstwirksamkeit unterstützen. Eine Methode zur Selbststeuerung bietet das situative Entscheidungsmodell. Es hilft dabei, vorschnelle Interpretationen zu stoppen und unüberlegte Reaktionen zu verhindern. Erst bewusst wahrnehmen, danach bewerten, welche Reaktionen sinnvoll sind, anschliessend in Ruhe eine Entscheidung treffen und dann handeln. //

Vitamin G, S. 12-14


Kurzbiografien

Dietlinde Arbenz-Purt ist seit 2009 Dozentin am Institut für Ergotherapie der ZHAW und fachverantwortliche Ergotherapeutin am Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz. Ihr fachlicher Hintergrund ist die Neurologie – in diesem Bereich ist sie seit über 20 Jahren als selbstständige Ergotherapeutin tätig. Im Thetriz bietet sie seit einigen Jahren Energiemanagementschulungen für Menschen mit Fatigue an, ein Thema, zu dem sie sich eine grosse fachliche Expertise angeeignet hat.

Maren Kneisner ist Ergotherapeutin und Psychologin. Sie arbeitet seit 2011 als Dozentin am Institut für Ergotherapie an der ZHAW und ist Co-Leitende des Bachelorstudiengangs. Ihre Schwerpunktthemen sind Coaching, Mentoring, inter- und transkulturelle Kompetenz sowie Future Skills. Zudem wirkt sie in der Campuspraxis Thetriz am ZHAW-Departement Gesundheit mit.


Weitere Informationen

  • Neues Angebot für Erwachsene mit ADHS
    Das Ergotherapie-Angebot für Erwachsene mit ADHS fokussiert insbesondere auf Übergangsphasen. Der Wegfall von gewohnten Strukturen, die solche Phasen mit sich bringen, kann bei Menschen mit ADHS zu deutlich mehr Stress führen als bei neurotypischen Personen.
    Wer sich für das Angebot interessiert, kann eine Mail an empfang.thetriz@hin.ch schicken oder 058 934 40 00 anrufen.

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