Mitarbeitende von Rettungsdiensten müssen ihre Gefühle regulieren, wenn sie im Einsatz sind. Um psychisch nicht auszubrennen, sind sie auf soziale Unterstützung angewiesen, wie Anna Chiara Gander und Delia Müller in ihrer preisgekrönten Bachelorarbeit aufzeigen.
von Eveline Rutz
Rettungskräfte haben mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun. Sie treffen auf Personen, die akut erkrankt oder verletzt sind und sich oft in einem Schockzustand befinden. Umso wichtiger ist es, dass sie empathisch auftreten. Sie leisten sogenannte Emotionsarbeit, für die sie ihre eigenen Empfindungen regulieren müssen.
Sie setzen ihre Stimme, ihre Mimik und Gestik bewusst ein, um Patient:innen und Angehörigen ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. So versuchen sie etwa Ruhe auszustrahlen, selbst wenn sie sich innerlich gerade gestresst fühlen. Um den beruflichen Anforderungen gerecht zu werden, müssen sie sich zuweilen ein Stück weit von sich selbst entfremden. «Dies kann psychisch erschöpfen und krank machen», sagen Anna Chiara Gander und Delia Müller, die am ZHAW-Departement Gesundheit Gesundheitsförderung und Prävention studiert und sich in ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
Eine hohe emotionale Dissonanz könne langfristig dazu führen, dass jemand ein Burnout entwickle, mit seiner Arbeit unzufrieden werde oder den Beruf verlasse, so die Bachelorabsolventinnen. Auch das private Umfeld und letztlich die Qualität der Gesundheitsversorgung könnten darunter leiden. Dies belegten Erhebungen bei Pflegekräften. Diese dokumentierten aber ebenso, was Mitarbeitende davor bewahre, emotional auszubrennen. So etwa ein unterstützendes soziales Umfeld. «Zur Emotionsarbeit von Rettungssanitäter:innen und Notärzt:innen fehlten bislang solche Erkenntnisse», sagen Delia Müller und Anna Chiara Gander. «Diese Wissenslücke wollten wir schliessen.»
Einsätze in Notfällen können Spuren hinterlassen
Nothelfende sind in ihrem Berufsalltag besonders hohen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt. Zwischen 10 und 14,6 Prozent entwickeln Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und übermässigen Alkoholkonsum. Zudem leiden sie vermehrt unter Schlafstörungen, chronischer Erschöpfung sowie stressbedingten Magen-Darm-Problemen.
Gerade im Rettungsdienst müsse die Emotionsarbeit daher genügend beachtet werden, finden Anna Chiara Gander und Delia Müller. «Eine bewusste Wahl der Emotionsregulationsstrategie kann für die langfristige psychische Gesundheit entscheidend sein.»
Der Fachkräftemangel macht das Thema zusätzlich relevant. So konnten 2023 im Schweizer Rettungsdienst 7,1 Prozent der Stellen nicht besetzt werden. Und ein Bericht von 2024 zeigt, dass 16,6 Prozent der erst gerade diplomierten Sanitäter:innen nach kurzer Zeit wieder aus dem Beruf aussteigen. Dabei ist die Schweiz – angesichts einer älter werdenden Bevölkerung – auf zusätzliches Personal angewiesen.
Zwei Strategien, die sich unterschiedlich auswirken
Wie die ZHAW-Absolventinnen in ihrer Abschlussarbeit darlegen, werden zwei Wege unterschieden, wie sich der Umgang mit Emotionen gezielt steuern lässt. Das Deep Acting (Tiefenhandeln) und das Surface Acting (Oberflächenhandeln). Beim Deep Acting bemüht sich eine Person, tatsächlich zu fühlen, was sie nach Aussen ausdrücken soll. Sie verändert ihre innere Gefühlslage, indem sie sich etwa aktiv an positive Erfahrungen erinnert oder negative Gedanken zur Seite schiebt. So nähert sie sich den geforderten Emotionen an und tritt authentisch auf.
Anders beim Surface Acting: Wählt man diese Strategie, täuscht man eine gewünschte Empfindung lediglich vor. Man zeigt zwar eine Köpersprache, die der Situation angemessen ist, empfindet im Innern jedoch unverändert. Dadurch entsteht eine Dissonanz, die emotional belasten kann.
Gefühle zu unterdrücken, kann riskant sein
Um mehr über die Emotionsarbeit von Rettungskräften zu erfahren, haben Anna Chiara Gander und Delia Müller eine Online-Befragung durchgeführt und schliesslich 633 Rückmeldungen ausgewertet. Sie bestätigten, dass Emotionsarbeit vor allem dann gesundheitsgefährdend ist, wenn Gefühle unterdrückt werden. Gleichzeitig haben sie tiefere Werte emotionaler Erschöpfung gemessen, als sie erwartet hatten. «Erfreulicherweise haben die befragten Teams bereits schützende Mechanismen etabliert», sagt Delia Müller. Emotionsarbeit werde als Leistung anerkannt, die zusätzlich erbracht werden müsse. «Mitarbeitende profitieren zudem davon, wenn sie belastende Erlebnisse im beruflichen oder privaten Umfeld besprechen können.» Rettungskräfte würden sorgfältig rekrutiert, was ebenfalls der Prävention diene. Im Bewerbungsprozess werde auch darauf geachtet, welche Ressourcen jemand mitbringe, um mit berufsbedingtem Stress umzugehen. Anna Chiara Gander spricht auch die Art und die Dauer der Einsätze an. «Nothelfer:innen behandeln Patient:innen relativ kurz, haben dabei klare Aufgaben und können die Betreuung danach abschliessen.» Dies im Gegensatz zu beispielsweise Pflegefachleuten, die Menschen über Wochen oder Monate begleiten und deren Gefühlslage über einen längeren Zeitraum einschätzen müssen.
Ein guter Teamgeist ist entscheidend
Die Deutschschweizer Rettungsdienste befänden sich in einer guten Ausgangslage, halten die Bachelorabsolventinnen fest. «Sie haben bereits positive Bedingungen, die sie weiter stärken können.» Fokussieren sollten die Rettungsdienste auf die soziale Unterstützung im Team. Diese könnten sie – anders als private Lebensumstände – direkt beeinflussen. Führungskräfte seien dafür verantwortlich, ein positives Arbeitsklima zu schaffen, Kolleg:innen könnten sich gegenseitig beraten und unterstützen. Aber auch Schulungen wirkten präventiv. Es lohne sich, partizipativ vorzugehen. «Wenn Mitarbeitende selbst in die Entwicklung und Umsetzung dieser Massnahmen eingebunden sind, steigen deren Akzeptanz und Wirksamkeit erheblich.»
Anna Chiara Gander und Delia Müller sind für ihre Bachelorarbeit ausgezeichnet worden: Der Berufsverband «Public Health Schweiz» kürte sie zur Besten ihres Jahrgangs. Inzwischen haben beide ein Masterstudium in Angriff genommen. Gander studiert in Genf «International & Development Studies», Müller in Luzern «Health Science». Um zu einem stärkeren Bewusstsein für Emotionsarbeit beizutragen, haben sie ihre Resultate auf einem Faktenblatt zusammengefasst. Dieses liege nun bei einigen Rettungsdiensten auf, erzählen sie. «Unsere Erkenntnisse kommen in der Praxis an. Das freut uns.»//