Neustart im Gesundheitswesen

Was bewegt Menschen dazu, ihren Beruf aufzugeben und noch einmal von vorne zu beginnen? Was motiviert sie, eine Zweitausbildung zu absolvieren?
Fünf Quereinsteiger:innen erzählen von ihren Beweggründen, Zweifeln und Plänen.

von Tobias Hänni

Es ist ein Schritt hinaus aus der Komfortzone. Weg vom sicheren Arbeitsplatz, dem geregelten Lohn, dem vertrauten Umfeld. Und zurück auf die erste Sprosse der Karriereleiter, auf der es heisst: nochmals die Schulbank drücken, als Praktikant:in in der Hierarchie ganz unten stehen, den Lebensunterhalt mit wenig Geld bestreiten. Ein Berufswechsel ist kein Spaziergang – weshalb nicht allzu viele Menschen diesen im Laufe ihres Arbeitslebens wagen. Doch es gibt sie, die Quereinsteiger:innen, gerade auch im Gesundheitswesen. Denn wie andere Branchen mit einem ausgeprägten Fachkräftemangel bietet dieses gute Chancen für einen Neustart.
Auf den folgenden Seiten stellen wir fünf Personen vor, die sich nach einer Erstausbildung neu orientiert und ein Bachelorstudium am ZHAW-Departement Gesundheit in Angriff genommen haben. Ihre Werdegänge zeigen die unterschiedlichen Gründe für den Quereinstieg, aber auch die Hürden und die Erwartungen, die damit einhergehen.

«Ich kann jetzt mehr bewegen»

Olivia von der Crone
28, Gesundheitsförderung und Prävention

Olivia von der Crone ist gerne in Bewegung. Ob beim Reiten, als Fitnesstrainerin, als Ski- und Snowboardinstruktorin oder als Yogalehrerin – die 28-Jährige hat Freude am Sport. Und daran, andere Menschen in Bewegung zu bringen. Da erstaunt es wenig, dass sie sich an der ZHAW zur Physiotherapeutin ausbilden liess. «Der Beruf ist sehr spannend. Und in einer idealen Welt wäre er eigentlich auch sinnstiftend», sagt Olivia von der Crone. Eigentlich. Denn im Berufsalltag fand sie selbst keine Erfüllung. Zu oft fühlte sie sich ausgebremst: Weil Zeit und Ressourcen fehlten, um Patient:innen ganzheitlich zu unterstützen, oder weil der Austausch mit Ärzteschaft und Versicherungen schwierig war. «Ich bin immer wieder gegen eine Wand gelaufen.» Sie wechselte die Stelle – doch der Frust blieb. «Die Arbeit wurde zunehmend zur Belastung», blickt sie zurück.
Zwei Jahre nach dem ersten Abschluss kehrte sie 2022 an die ZHAW zurück, um in Teilzeit Gesundheitsförderung und Prävention zu studieren. Derzeit absolviert sie ein Praktikum im Betrieblichen Gesundheitsmanagement bei der Post – und fühlt sich dort in ihrem Entscheid bestätigt, den Quereinstieg gewagt zu haben. «In der Gesundheitsförderung herrscht ein wertschätzender Umgang. Was vermittelt wird, wird auch gelebt.» Und ihr gefällt es, dass sie nicht nur beim Verhalten ansetzen, sondern auch die Verhältnisse beeinflussen kann. «Jetzt kann ich fast mehr bewegen als in der Physiotherapie – und das nicht nur bei Einzelpersonen, sondern bei ganzen Gruppen.»

«Dass ich selbst Klient war, ist eine grosse Ressource»

Julien Schudel
30, Ergotherapie

Julien Schudels Weg zum Ergotherapiestudium beginnt vor zwölf Jahren – mit einem schweren Arbeitsunfall. 2013, im zweiten Jahr der Landwirtschaftslehre, verliert er beim Holzen seine linke Hand. Nach dem Spitalaufenthalt verbringt der damals 17-Jährige fünf Monate in der Reha, wo er auch mithilfe von Ergotherapie in den Alltag zurückfindet. «Dabei habe ich erlebt, wie umfassend das Therapiefeld ist», erinnert sich Julien Schudel. Damals weiss er noch nicht, dass er dereinst Ergotherapie studieren würde. Was ihm aber klar wird: Er will bei der Arbeit mehr soziale Kontakte. «Als Bauer arbeitet man meistens allein.» Deshalb, und weil die Arbeit als Landwirt nach dem Verlust seiner Hand nicht mehr realistisch ist, absolviert der heute 29-Jährige die Lehre zum Fachmann Betreuung in einem Wohnheim für Menschen mit psychischen Erkrankungen, arbeitet danach mehrere Jahre dort und ist heute noch als Springer tätig. Nach vier Jahren Festanstellung regt sich der Wunsch nach etwas Neuem. Er holt die BMS nach – noch ohne fixe Pläne. Dann erinnert er sich an die Reha zurück, daran, wie sich die Therapeut:innen auf ihn eingelassen, wie sie sein Umfeld und seinen Alltag kennengelernt und Lösungen für seine Herausforderungen gesucht haben. «Da dachte ich: Das könnte etwas für mich sein.» Als einstiger Klient könne er die Ergotherapie authentisch vermitteln. «Ich sehe das als eine grosse Ressource.» Derzeit ist Julien Schudel im fünften Semester – und zufrieden mit seiner Studienwahl. «Mir gefällt die Vielfalt der Ergotherapie. Und ich empfinde es als sehr sinnhaft, Menschen bei der Heilung zu unterstützen und ihre Lebensqualität zu steigern.»

«Ich habe mich in die Idee verliebt»

Natalia Zapiórkowska-Blumer
36, Hebamme

«Könntest du dir vorstellen, diesen Job zu machen?»: Die Frage ihrer Hebamme brachte bei Natalia Zapiórkowska-Blumer während ihrer zweiten Schwangerschaft 2020 etwas in Bewegung. Sie arbeitete damals in einer Biotechfirma und spielte schon länger mit dem Gedanken eines Neuanfangs. «Ich wollte nicht bis zur Pensionierung im Labor arbeiten», erzählt die ausgebildete Biotechnologin. Dort hatte sie für klinische Studien Medikamententests durchgeführt. «Ich wusste nie, ob die Medikamente auf den Markt kommen, hatte keinen Bezug zur Zielgruppe. Auf Dauer fehlte mir die Sinnhaftigkeit.»
Die Vorstellung, Frauen vor, unter und nach der Geburt eng zu begleiten, begeisterte die gebürtige Polin hingegen. «Ich habe mich in die Idee verliebt.» Und so hängte sie 2022 den Laborkittel für das Hebammenstudium an den Nagel. Nicht ohne dabei gelegentlich von Zweifeln geplagt zu werden. «Ich war plötzlich finanziell von meinem Mann abhängig. Das hat mich am Anfang gestört.» Schwer getan hat sich die 36-Jährige auch mit dem Wechsel von der Fachfrau zur Praktikantin. «Ich musste mich erst daran gewöhnen, im Spital in der Hierarchie ganz unten zu sein.» Eine weitere Herausforderung: die Vereinbarkeit von Studium und Familie. «Unsere Kinder waren bei Studiumsbeginn zwei und vier Jahre alt. Im ersten Jahr habe ich noch 30 Prozent gearbeitet. Das war eine sehr strenge Zeit», sagt Natalia Zapiórkowska-Blumer. Allen Hürden zum Trotz zog sie das Studium durch und absolviert derzeit das Abschlusspraktikum. «Als Hebamme habe ich grossen Einfluss auf das Geburtserlebnis.» Zu wissen, dass sie mit ihrer Arbeit einen Unterschied machen könne – das sei ein starker Antrieb.

«Ich habe gemerkt, dass ich nicht allein bin»

Marc Bischofberger
28, Physiotherapie

Als Marc Bischofberger seinem Chef eröffnete, dass er kündigen werde, war dieser nicht besonders glücklich. «Wir hatten eine gute Arbeitsbeziehung», sagt der ausgebildete Automatiker, der vor dem Physiotherapie-Studium bis 2024 im Bereich Gebäudeautomation im Verkaufsinnendienst gearbeitet hat. Auch wenn der Vorgesetzte ihn nicht gerne gehen liess, bestärkte er Bischofberger in dessen Entschluss. Auch sonst wurde er von seinem Umfeld unterstützt: «Mitarbeitende, Freunde und Familie – niemand hat versucht, mich davon abzubringen.» Der 28-Jährige war froh über diesen Rückhalt. Denn er selbst zweifelte zwischendurch durchaus daran, den gut bezahlten Job aufzugeben, um drei Jahre lang Vollzeit zu studieren. «Ich fragte mich, ob ich nicht zu alt dafür bin. Oder ob mir das Studium überhaupt gefällt.» Auch der Gedanke, wieder täglich die Schulbank zu drücken, beschäftigte Marc Bischofberger. Inzwischen ist er im dritten Semester – und die Zweifel sind verflogen. «Ich war positiv überrascht, wie viele andere Quereinsteigende es gibt.» Das habe ihm den Studienbeginn erleichtert. «Ich habe gemerkt, dass ich mit meinem Background nicht allein bin.» Überrascht war er auch davon, was alles zur Physiotherapie gehört. Er hatte die Therapie nach einem Meniskusriss zwar bereits kennengelernt – aber primär in Form von Übungsprogrammen und Trainingseinheiten. «Dass ein so breites und tiefes Fachwissen dahintersteckt, hat mich beeindruckt.» Als leidenschaftlicher Unihockeyspieler und -trainer würde er nach dem Abschluss gerne im Sportbereich tätig sein – etwa ein Profiteam im Eishockey oder Fussball betreuen oder einzelne Sportler:innen in einer Praxis. «Ich lasse mich nun zunächst mal auf die kommenden Praktika ein. Vielleicht lerne ich noch weitere Bereiche kennen, die mich reizen würden.»

«Das ist nicht nur Small Talk»

Sabrina Decasper
32, Pflege

«Mach das KV, das ist eine super Grundlage». Sabrina Decasper erinnert sich noch gut an den Rat ihrer Eltern, als sie als Teenager vor der Berufswahl stand. «Und sie hatten recht», sagt sie und lacht. So habe sie als Kauffrau bei einer Topfpflanzenfirma einiges gelernt, das sich auf ihrem späteren Weg als nützlich erwies. Etwa strukturiertes Arbeiten oder der Umgang mit verschiedenen Softwares. Diese Skills nimmt die heute 32-Jährige mit, als sie 2017 dem Büro den Rücken kehrt und die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau HF beginnt. Denn das KV mag eine solide Basis sein, doch für Decasper war es auf die Dauer nichts. «Ich war unzufrieden mit meinem Job.»
In der Pflege dagegen findet sie Erfüllung. «Der enge Kontakt mit den Patient:innen ist sehr faszinierend. Man macht nicht nur Small Talk, sondern baut eine vertrauensvolle Beziehung auf.» Sabrina Decasper merkt aber auch: Dieser faszinierende Aspekt kommt häufig zu kurz. «Mir wurde oft gesagt: Sabrina, du brauchst zu viel Zeit.» Zur Freude an der Arbeit gesellt sich deshalb Frust über die strukturellen Probleme in der Pflege. Dieses Gefühl treibt sie an, von 2021 bis 2023 den Bachelor in Pflege an der ZHAW zu absolvieren. «Ich wusste: Wenn ich etwas verändern und mitreden möchte, muss ich mich weiterentwickeln.» Das Studium habe ihr die Pflegewissenschaft vermittelt und ihren Berufsstolz gestärkt – wichtige Faktoren, um mit den schwierigen Bedingungen besser umgehen und Veränderungen anstossen zu können. In welche Richtung es für sie selbst weitergeht, lässt Sabrina Decasper im Moment offen. Seit 2024 ist sie am Institut für Pflege als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Lehre und Forschung tätig. Die Anstellung hat sie auch ihrem alten Beruf zu verdanken: «Mit meiner Pflegeexpertise und dem KV-Knowhow entsprach mein Profil genau den Anforderungen für die Stelle.» //

Vitamin G, S. 21-23


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Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


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