Bei der Entwicklung neuer Produkte steht oft die technische Umsetzung im Mittelpunkt – andere Aspekte wie Nutzerfreundlichkeit oder Wirtschaftlichkeit werden vernachlässigt. Das ZHAW-Zentrum GEKONT bündelt die an der Hochschule vorhandenen Kompetenzen, die für eine erfolgreiche Entwicklung und Implementierung von Gesundheitstechnologien notwendig sind.
von Tobias Hänni
Eine App, die kaum jemand herunterlädt. Eine Hightech-Prothese, die im Alltag nichts taugt. Eine Spitalsoftware, die beim Personal auf wenig Begeisterung stösst. Es gibt viele innovative Produkte, die zwar technisch tadellos sind, aber trotzdem nicht genutzt werden. Oder solche, die es nie über das Stadium eines Pilotprojekts hinaus schaffen und schliesslich in einer Schublade Staub ansetzen. «Eine gute technische Lösung reicht alleine nicht aus, damit ein Produkt bei den Endnutzer:innen ankommt», sagt Eveline Graf von GEKONT, dem Kompetenzzentrum für Technologien in der Gesundheitsversorgung an der ZHAW. Vielfach stehe die technische Umsetzung im Fokus der Produktentwicklung, fügt die Dozentin und Forscherin am Institut für Physiotherapie an – andere, genauso wichtige Aspekte würden dagegen oft vernachlässigt. Etwa die Bedürfnisse der Nutzer:innen, die Benutzerfreundlichkeit oder auch begleitende kommunikative Massnahmen.
«Das führt dazu, dass viele Produkte auf dem Technologiefriedhof landen», ergänzt Colette Schneider vom ZHAW Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM), die mit Eveline Graf zum Kernteam von GEKONT gehört.
Interdisziplinäres Kernteam
Um interne Projekte aber auch Produkte und Anwendungen privater Anbietender vor diesem Schicksal zu bewahren, wurde 2022 GEKONT ins Leben gerufen. «Das Zentrum bündelt die an der ZHAW bestehenden Kompetenzen, die mit Blick auf eine erfolgreiche Entwicklung, Implementierung und Anwendung von Gesundheitstechnologien notwendig sind», erklärt Eveline Graf. An der Fachhochschule gebe es zum Thema Technologien in der Gesundheitsversorgung sehr viel Know-how, Netzwerke und Infrastrukturen – die bislang aber häufig voneinander getrennt waren.
GEKONT vereint gezielt das Wissen der Ingenieurin, der Gesundheitsfachperson, des Ökonomen oder der Kommunikationsexpertin, um Fragestellungen umfassend beantworten zu können. Das Zentrum ist deshalb auch interdisziplinär organisiert: Im Kernteam sind mit Eveline Graf und Colette Schneider die Departemente Gesundheit und Angewandte Linguistik vertreten, dazu kommen Robert Vorburger (Departement Life Sciences and Facility Management) sowie Andrea Frick (Departement Angewandte Psychologie). Je nach Fragestellung, die an GEKONT herangetragen wird, vermittelt dieses Board Forschende aus allen ZHAW-Departementen. «Zum äusseren Kreis der Organisation gehören 15 bis 20 Expert:innen, deren Expertise genutzt werden kann – oder die wiederum andere Fachleute aus ihren Bereichen ins Boot holen können», so Colette Schneider. Die Idee sei nicht, dass das Zentrum selbst grössere Projekte durchführe, sondern je nach Anfrage die geeigneten Personen in Projektteams zusammenbringe. «Das Zentrum soll als Drehscheibe zwischen der ZHAW, Partner:innen und Endnutzer:innen agieren», schildert Graf die Hauptaufgabe von GEKONT. Ziel sei es, auf Anfragen schnell und agil zu reagieren und für die jeweilige Problemstellung möglichst rasch ein spezifisch zusammengesetztes Team bereitzustellen. «Das ist gerade in der Zusammenarbeit mit Start-ups wichtig, bei denen der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielt.»
Produkte evaluieren, Orientierung geben
Dank des Einbezugs unterschiedlicher Disziplinen kann GEKONT verschiedenste Fragestellungen bearbeiten, die sich bei der Nutzung neuer Technologien im Gesundheitswesen ergeben. Das Zentrum bietet Hand bei der Evaluation kommerzieller Produkte und Dienstleistungen, analysiert deren Nutzerfreundlichkeit, klinische Effektivität und Wirtschaftlichkeit oder prüft die Einhaltung regulatorischer und ethischer Vorgaben. Es hilft bei der Definition der Zielgruppe oder der Suche einer passenden Anwendung für bestehende Produkte. Oder es erstellt für Institutionen eine Auslegeordnung von Technologien – und prüft, ob deren Einsatz sinnvoll ist oder nicht. «Rehakliniken, Spitäler oder Pflegeheime sollen innovativ sein. Die Vielfalt und schnelle Weiterentwicklung technologischer Lösungen macht es jedoch schwierig, sich zurechtzufinden – hier kann GEKONT den Institutionen Orientierung geben, welche Technologien in ihrem spezifischen Ökosystem einen Nutzen bringen», sagt Colette Schneider.
Anfragen zur Unterstützung erhält das Kompetenzzentrum regelmässig auch mit Blick auf die Kommunikation. «Diese ist immer ein wichtiger Aspekt. Nicht nur, wenn es darum geht, ein neues Produkt bei der entsprechenden Zielgruppe bekanntzumachen. Sondern auch, um Mitarbeitende in einem Betrieb auf die Einführung neuer Technologien vorzubereiten», so die Expertin für Gesundheitskommunikation. Die strategische Kommunikation sei zentral, um das Vertrauen in die neuen Technologien zu schaffen, deren Akzeptanz und damit letztlich deren Nutzung zu fördern.
Nutzer:innen einbeziehen
Diese Nutzung hängt auch stark davon ab, ob ein Produkt den Bedürfnissen der Zielgruppe entspricht – ein weiterer Aspekt, der bei der Entwicklung häufig nicht genügend beachtet wird. Bei GEKONT werden die Nutzer:innen deshalb in die Bearbeitung der Fragestellung miteinbezogen. Dieser partizipative Ansatz wurde etwa im Rahmen eines Pilotprojekts verfolgt, das als Testlauf für die Organisation und die Arbeitsweise des Kompetenzzentrums diente. Das Projekt befasste sich mit Technologien und Produkten, die das selbstständige Wohnen im Alter unterstützen. Die Frage, wie sich ältere Menschen über neue Technologien informieren und sich für geeignete Produkte entscheiden können, stand dabei im Zentrum. Um sie zu beantworten, trat GEKONT mit Seniorinnen und Senioren, Angehörigen und Fachpersonen, die mit älteren Personen arbeiten, in einem Workshop in den Dialog.
Der Einbezug der Zielgruppe war auch zentral bei einer Anfrage des Bürgerspitals Basel. «Wir wurden beauftragt, den IST-Zustand der Digitalisierung in einem der Pflegezentren des Spitals zu analysieren und zusätzliche digitale Lösungen aufzuzeigen», sagt Schneider. Dafür hat das Projektteam mit Forschenden aus vier verschiedenen ZHAW Departementen unter anderem 22 kontextuelle Interviews mit Mitarbeitenden und Bewohner:innen des Pflegezentrums geführt. «Dank der Interviews haben wir Bereiche identifiziert, die mit digitalen Lösungen optimiert werden können.» GEKONT nutzt damit nicht nur die breite Expertise, die an der ZHAW zum Thema Gesundheitstechnologien besteht, sondern auch die jener Menschen, von denen die Akzeptanz und Anwendung einer neuen Technologie am stärksten abhängen: den Nutzer:innen. //