Der Placebo-Effekt gehört zu den interessantesten Phänomenen in der Medizin: Patient:innen spüren eine Verbesserung ihres Zustandes, obwohl ihnen dafür keine spezifischen Mittel verabreicht wurden.
von Prof. Dr. Hannu Luomajoki
Der Begriff Placebo hat seinen Ursprung im Mittelalter, als er in die lateinische Liturgie einging und bald etwas Scheinheiliges, eine unechte Ersatzleistung bezeichnete (das lateinische Verb «placere» steht für «gefallen», «angenehm sein»). Im 18. Jahrhundert fand der Begriff Eingang in den medizinischen Wortschatz und bezeichnete fortan vor allem den Einsatz eines Placebo-Mittels als Kontrollsubstanz in medizinischen Studien. So werden beispielsweise wirkungslose Kalktabletten einer Kontrollgruppe verabreicht, um den Wirkungsgrad des getesteten Medikaments festzustellen.
Doch auch die Scheinmedikamente haben einen Effekt – und der fällt nicht zu knapp aus. So hat beispielsweise eine Doppelblindstudie zur Wirkung von Paracetamol auf akute Rückenschmerzen aus dem Jahr 2014 Erstaunliches gezeigt: Gruppe 1 erhielt vier Gramm Paracetamol täglich. Gruppe 2 konnte bei Bedarf bis zu vier Gramm Paracetamol einnehmen. Gruppe 3 erhielt ein Placebo. Nach 17 Tagen waren bei allen drei Gruppen die Schmerzen massgeblich zurückgegangen, ohne dass sich Unterschiede zwischen den Gruppen zeigten. Studien belegen, dass rund 50 Prozent der Medikamentenwirkung auf dem Placeboeffekt beruhen. Das gilt übrigens auch für nicht-medikamentöse Behandlungen.
Hinter dem Effekt stecken komplexe neurobiologische Mechanismen, die durch Erwartungen, Konditionierungen und psychosoziale Kontextfaktoren ausgelöst werden. Ein massgebender Anteil entfällt auf die Erwartungshaltung: Endlich bekommt man einen Termin bei einem Arzt oder gar einer Spezialistin. Dieser entfaltet bereits seine Wirkung in dem Moment, in dem die Patientin davon überzeugt ist, in guten Händen zu sein. Angst und Verunsicherung prägen die psychosozialen Faktoren, ausgelöst zum Beispiel durch Schmerzen, die man nicht zuordnen kann. Wenn der Arzt oder die Therapeutin nun mit empathischen und beruhigenden Worten erklärt, dass die Beschwerden bekannt sind und sich gut behandeln lassen, geht es den Patient:innen oft schon besser, obwohl noch nichts gemacht wurde.
Das Placebo löst im Körper einen Ausstoss von Dopamin, Serotonin und körpereigenen Opioiden aus. Diese körpereigenen Wirkstoffe sind die gleichen wie in den entsprechenden Medikamenten. Der Placebo-Effekt ist damit etwas sehr Positives und keineswegs eine Lüge. Alle Massnahmen, an die der Mensch glaubt oder von denen er überzeugt ist, können eine Wirkung haben – dafür sind nicht zuletzt einige alternativmedizinische Anwendungen ein gutes Beispiel.//