Long Covid verändert das Leben vieler Betroffener grundlegend. Häufig wird die Rückkehr ins Arbeitsleben zur Herausforderung – wegen der Krankheit selbst, aber auch wegen fehlender Strukturen und Unsicherheit. Forschende am ZHAW-Departement Gesundheit suchen nach Lösungen.
von Jessica Prinz
In der Schweiz leben Schätzungen zufolge zwischen 300 000 und 450 000 Menschen mit Long Covid: eine Erkrankung, die schwer zu fassen ist. Klare Diagnosetests oder ein einheitliches Testverfahren gibt es nicht – auch wenn Forschungsprojekte daran arbeiten. Die Diagnose erfolgt meist durch Ausschlussverfahren, wenn sich die Symptome wie extreme Erschöpfung oder Atemprobleme nicht anders erklären lassen und länger als drei Monate nach einer Infektion fortbestehen.
Für Betroffene bedeutet das: lange Ungewissheit und oft auch fehlendes Verständnis im sozialen und beruflichen Umfeld. Manche erleben, dass ihre Beschwerden infrage gestellt werden, weil objektive Nachweise fehlen. Doch die Einschränkungen sind real. Wer sich zu stark oder zu früh belastet, riskiert Rückfälle – sogenannte Crashes, bei denen sich die Symptome tage- oder sogar wochenlang verschlimmern können.
Ende 2023 meldeten sich rund 2900 Menschen mit Long Covid erstmals bei der Invalidenversicherung an. Das entspricht fast zwei Prozent aller Neuanmeldungen. Manche schaffen den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben mit reduziertem Pensum, viele erleben jedoch Rückschläge oder scheitern ganz, etwa weil selbst einfache Alltagsaufgaben überfordern oder das Pensum nicht reduziert werden kann.
Betroffene kommen zu Wort
An diesem Punkt setzt das Projekt «Return to work of people with Post-COVID Condition: A health equity project» von Michael Sy und Leah Reicherzer am ZHAW-Departement Gesundheit an. Es untersucht, wie Menschen mit Long Covid den Weg zurück ins Arbeitsleben finden – oder warum sie daran scheitern.
Für das zwölfmonatige Projekt führten die Forschenden elf ausführliche Interviews mit Betroffenen und ergänzten sie durch eine Q-Methodologie-Befragung mit 25 Teilnehmenden. Dieses Verfahren verbindet quantitative Daten mit subjektiven Einschätzungen und macht so nicht nur Fakten, sondern auch Erfahrungen und Wahrnehmungen sichtbar. «Uns war wichtig, den Betroffenen eine Stimme zu geben und gleichzeitig Arbeitgeber:innen und Institutionen aufzuzeigen, was sie verändern können», sagt Michael Sy, Forscher und Dozent am Institut für Ergotherapie.
Viele Betroffene berichteten nicht nur von gesundheitlichen Einschränkungen, sondern auch vom Gefühl, übersehen zu werden. Leah Reicherzer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Physiotherapie, erinnert sich an ein eindrückliches Gespräch: «Eine Teilnehmerin sagte: ‹Das ist das erste Mal, dass mich jemand so ausführlich zu meiner Geschichte befragt.› Das zeigt, wie selten Betroffene Gelegenheit haben, ihre Situation wirklich zu schildern.»
Die Bandbreite der Erfahrungen ist gross. Manche Betroffene erzählten laut den Forschenden von verständnisvollen Arbeitgeber:innen und flexiblen Lösungen, andere von fehlender Rücksicht oder mangelndem Bewusstsein für die Krankheit. «Eine Teilnehmerin musste genau planen, wann sie einkaufen geht, weil sonst die Energie für die Arbeit fehlte. Solche Dinge bleiben uns Aussenstehenden verborgen oder sind für gesunde Menschen schwer vorstellbar», sagt Reicherzer. «Deshalb müssen sich Betroffene ständig rechtfertigen.»
Diese Unsichtbarkeit hat Folgen. Betroffene fühlen den Druck, Leistung bringen zu müssen, oft ohne zu wissen, wie stark sie sich überhaupt noch belasten können. Wann ein Crash droht, weiss niemand: Weder sie selbst, noch Arbeitgeber:innen oder Kolleg:innen. Hinzu kommt, dass viele Ärzt:innen die Beschwerden unterschätzen und manche Versicherungen Leistungen verzögern oder komplett verweigern.
Es braucht Flexibilität
Aus den Interviews und der Befragung zeichnen sich drei zentrale Faktoren ab, die den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben erleichtern. Michael Sy betont die Wichtigkeit der sozialen Unterstützung – sowohl im privaten Umfeld als auch durch Versicherungen und Arbeitgeber:innen. Nicht weniger wichtig sei die Flexibilität am Arbeitsplatz: Teilzeitarbeit, Homeoffice und individuelle Rückkehrpläne seien entscheidend. «Das klingt banal, aber es ist wichtig, dass Arbeitgeber:innen nicht nur sagen, sie seien flexibel,» betont Sy. «Sie müssen verbindliche Regelungen für flexible Arbeitsmodelle schaffen, die Rücksicht auf unterschiedliche Belastungsgrenzen nehmen. Betroffene sollten sich zum Beispiel nicht schuldig fühlen müssen, wenn sie eine Pause brauchen oder weniger leistungsfähig sind.» Zu guter Letzt sei eine verlässliche, interdisziplinäre und kontinuierliche medizinische Begleitung entscheidend – ohne Vorbehalte gegenüber unsichtbaren Symptomen.
Grenzen neu definieren
Im November organisiert das interprofessionelle Projektteam der ZHAW Workshops, um gemeinsam mit Long-Covid-Betroffenen über Lösungen zu diskutieren. Ein Jobcoach wird über Versicherungsfragen sprechen, Expert:innen über medizinische Aspekte und auch die Betroffenen selbst kommen zu Wort. Ziel ist es, nicht nur Ergebnisse zu präsentieren, sondern auch konkrete und praxisnahe Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Am Ende soll ein «Community-Flyer» entstehen: eine kompakte, verständliche Informationsquelle für alle, die mit Long Covid und Arbeitsrückkehr zu tun haben.
Für die Forschenden steht fest, dass Long Covid nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch eine soziale Herausforderung ist. Diese betrifft die Arbeitskultur, die Teilhabe und den Umgang mit Unsicherheit. «Ein Thema, das in den Interviews aufkam, war auch die Leistungsorientierung der Schweizerinnen und Schweizer», sagt Reicherzer. «Viele haben den Anspruch ,wieder genauso leistungsfähig zu sein wie früher. Long Covid zwingt Menschen, ihre Grenzen neu zu definieren – und das passt oft nicht zu unseren Erwartungen an Arbeit.»//