Das Ziel: Weihnachten zu Hause feiern

Die Amputation eines Arms oder Beins ist ein schwerer Schicksalsschlag. Doch Zuversicht, Resilienz und eine unterstützende Rehabilitation ermöglichen einen Neustart und ein erfülltes Leben.

von Marc Bodmer

«Ich schmücke meinen Christbaum selbst», hat sich Susanne Kramer im Juli 2023 nach der Teilamputation ihres rechten Beins vorgenommen – und auch gemacht. «Man muss ein Ziel haben und vorwärtsschauen. Das ist wichtig», sagt die 79-Jährige mit Überzeugung.
Vor zwölf Jahren wurde in ihrem rechten Knie ein kleiner Knoten entdeckt und entfernt. Doch der bösartige Tumor kehrte zurück – auch nach vier Operationen. Nach einer Hüftoperation vor drei Jahren wurde aufgrund erneuter Schmerzen im Knie eine Punktion vorgenommen: Ein Liposarkom hatte sich eingenistet. Eine weitere Operation hätte eine Transplantation von viel «Material» – wie es die Ärzte nannten – aus dem gesunden Knie erfordert, doch für Susanne Kramer war klar: «Dann sind beide Beine kaputt.» Ihr Hausarzt riet ihr, sich von ihrem kranken Bein zu verabschieden. Eine Woche später war es so weit.
Während ihrem Aufenthalt in der Universitätsklinik Balgrist in Zürich hat Susanne Kramer die Physiotherapeutin Karin Läubli kennengelernt, die an der ZHAW das Wahlpflicht-Modul «Bein weg? Arm dran? Hilfe!» im Bachelor Physiotherapie durchführt. «Es ist mir ein grosses Anliegen, dass das Wissen zu dieser Thematik vorhanden ist. Denn Erfahrung im Umgang mit Patient:innen nach einer Amputation ist nicht weit verbreitet», sagt die Dozentin.

Schicksale verstehen

Diese Ansicht teilt auch Physiotherapie-Studentin Céline Zürcher: «Das Modul bietet eine der wenigen Möglichkeiten, mit dem Thema in Kontakt zu kommen.» Doch einfach ist es bei weitem nicht. «Als ich meine erste amputierte Patientin sah, war ich ziemlich geschockt», gesteht sie. «Doch das Wahlpflichtmodul hat mir sehr geholfen. Ich konnte mit rund zehn Patient:innen sprechen. Sie haben mir ihre Geschichte erzählt und erklärt, wie sie ihre Therapie und Rehabilitation gestalten. Die Schicksale zu hören, war sehr hilfreich.»
Marco Mächler hat mit seinem Schicksal nicht lange gehadert. Bereits mit 14 Jahren wurde bei ihm Knochenkrebs in der Wachstumsfuge beim Knie diagnostiziert. Kurz vor seinem 15. Geburtstag erhielt er eine komplette Knieprothese. «Danach bekam ich Probleme mit der Wadenmuskulatur – ein Teil davon musste entfernt werden. Am Schluss war mein Bein so dünn wie mein Arm.» Das hinderte den Teenager allerdings nicht, alles «Verbotene» zu tun, wie er sagt: Moped fahren, auch mal stürzen: «Halt alles, was dazugehört.»

Die Entscheidung treffen

Jahre später begannen die Schmerzen. Eine Untersuchung zeigte, dass sich das Kniegelenk gelöst hatte und ersetzt werden müsste. Marco Mächler war damals selbstständig berufstätig. Er hatte eine Sattlerei mit zwei Angestellten und als Lehrmeister einen Lernenden in der Ausbildung. Dann ging es 2019 Schlag auf Schlag: Seine Werkstatt brannte ab, und an der Uniklinik Balgrist präsentierte man dem 37-Jährigen zwei Optionen – entweder Kniegelenk ersetzen oder amputieren. Die Prognosen, dass eine neue Knieprothese halten würde, waren nicht rosig. Für Mächler war die Entscheidung einfach: «Das Knie muss weg.»
Doch dann kam Corona und damit der Lockdown. Marco Mächler musste fast ein Jahr auf seine Amputation im Oktober 2020 warten. «Einen Monat behielten sie mich im Spital, um sicherzugehen, dass es keine Komplikationen gab. Danach begann die Rehabilitation im Balgrist, was heute leider nicht mehr möglich ist, weil diese Station geschlossen wurde», erinnert er sich. Die Reha wollte Mächler kurzhalten. Auch sein Ziel: an Weihnachten zu Hause sein.
Karin Läubli und das Behandlungsteam nannten dem ungeduldigen Patienten eine Bedingung: «Sie müssen selbstständig und sicher mit ihrer Prothese über den Platz vor dem Rehabilitationstrakt gehen können. Wenn Sie das schaffen, dann können Sie nach Hause.» Ein solches Angebot macht man einem wie Marco Mächler nur einmal. Und so feierte er Weihnachten nicht im Spital.

Hinfallen und wieder aufstehen

Was es genau heisst, ein Bein, einen Arm oder eine Hand zu verlieren, ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar. Während Marco Mächler gleich nach der Operation unter die Decke schaute und den Stumpf betrachtete, nahm sich Susanne Kramer etwa drei Tage Zeit, bis sie einen Blick auf die Wunde wagte.
Nach den vier Wochen im Spital folgte für sie der Aufenthalt in der Rehaklinik Zollikerberg. Im Anschluss daran fuhr sie weiterhin zweimal pro Woche von Kreuzlingen nach Zürich, um im «Balgrist» die ambulante Physiotherapie fortzusetzen. «Obschon ich eine vollelektronische Prothese habe, musste ich wieder gehen lernen. Ich fühlte mich wie zu Hause und habe bei jedem Termin etwas von Karin Läubli gelernt. Die Therapie hat mir sehr viel gebracht», sagt Susanne Kramer und: «Auch die Betreuung der Orthopädietechnik in der Klinik war hilfreich, und dafür bin ich sehr dankbar», erklärt sie. Das Gleichgewicht spielt heute noch manchmal Streiche. Und ein Augeninfarkt im Jahr vor der Amputation erschwert ihr das Sehen: «Aber dann fällt man halt hin und steht wieder auf. Das gehört dazu.»

«Es ist mein Bein»

Mit der Prothese hat sich Susanne Kramer mehr als abgefunden: «Ich spreche nicht von Prothese. Das wäre ein Fremdkörper. Für mich ist es mein Bein.» Wenn es hin und wieder schmerzt, weil es eine Druckstelle gibt, dann wendet sie sich an die Techniker im «Balgrist». Von seiner mit einem lernfähigen Mikroprozessor ausgerüsteten High-Tech-Prothese lässt sich Marco Mächler ebenfalls nicht bremsen. Er arbeitet wieder in seinem angestammten Beruf und ist seit August dieses Jahres selbstständig als Sattler, Fachrichtung Automöbel und Boote, in Siebnen-Wangen tätig. Um Plachen für Boote zu vermessen, ist er gelegentlich selbst auf dem Wasser unterwegs. «Dabei ist mir im Sommer die Prothese in den See gefallen», sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Und dann? «Dann bin ich getaucht und habe sie wieder hochgeholt. Sie lief einwandfrei.» Der Blick nach vorne sowie Resilienz sind entscheidend für eine Genesung und erfolgreiche Rehabilitation. «Während meines Praktikums habe ich gelernt: Es geht weiter», sagt Céline Zürcher. «Es ist ein tolles Gefühl zu erleben, dass Patient:innen dank guter Rehabilitation und Beratung ihre Situation akzeptieren und als einen Neustart erkennen.» Wohl nicht zuletzt deshalb würde sie das Wahlpflichtmodul ihren Mitstudierenden weiterempfehlen. Einziger Haken: Von den 150 Student:innen können nur 24 teilnehmen –  «aber es ist mit Abstand das beste Praxismodul, weil es tatsächlich sehr praxisnah ist.»//

Vitamin G, S. 18-20


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


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