«Beim Ultraschall wurde ich emotional»

In den Monaten rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett verändert sich das Leben beider Elternteile grundlegend. Ein Forschungsprojekt der ZHAW untersucht, wie Gesundheitsfachpersonen Väter stärker einbeziehen können.

Von Susanne Wenger

Die Peripartalzeit – die Phase rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett – ist für Mütter eine zutiefst bewegende Zeit, die Geburt selbst ein unvergleichlicher Kraftakt. Doch auch Väter erleben tiefgreifende Veränderungen. «Der Übergang zur Elternschaft fordert beide Elternteile heraus und macht sie verletzlicher», sagt Heike Edmaier vom ZHAW-Institut für Hebammenwissenschaften und reproduktive Gesundheit. Domenic Landolt, Vater von zwei Kindern, geboren 2020 und 2023, erinnert sich an diese Phasen. «Man trägt das Kind nicht selbst im Bauch», sagt der 35-jährige Maschinenbauingenieur über die Schwierigkeit die Schwangerschaft zu erfassen. Für ihn wurden die ersten Ultraschallbilder zum Schlüsselmoment. «Da war die Vaterschaft plötzlich real – und ich wurde emotional.» Während der beiden hebammengeleiteten Geburten sah er sich als Begleitperson: «Als Vater steht man nicht im Fokus – und das ist in Ordnung.» Umso dankbarer war er, dass die Hebamme ihn dennoch klar einbezog – deutlicher als zuvor die Ärztin, die spürbar unter Zeitdruck gestanden hatte. Die Hebamme nahm sich Zeit, sprach auch ihn an und gab ihm das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. «Dadurch konnte ich meine Partnerin besser unterstützen.»

Zwischen Glück und Überforderung

Ähnlich erlebte es Philipp Hunger, Vater eines 2024 geborenen Kindes. «Ich konnte überall dabei sein, wo ich wollte», erzählt der 39-jährige Spengler. Während der Schwangerschaft und der Geburt sei es ihm sehr gut gegangen, die erste Zeit danach habe er als intensiv und manchmal stressig empfunden. Schlafmangel und die «ganz neue Situation» forderten ihn. Dennoch beschreibt er diese Phase als «schönen Stress». Im noch laufenden Forschungsprojekt «Psychische Gesundheit für Väter in der Peripartalzeit» erhoben Heike Edmaier und ihr Team die Erfahrungen von rund 30 Vätern im Alter von 32 bis 50 Jahren. Die Männer, mehrheitlich aus dem Kanton Zürich, berichteten in Einzel- und Gruppeninterviews von einer breiten Palette an Emotionen. Ein Vater brachte es laut Edmaier auf den Punkt: «Er sprach von einem zuvor noch nie empfundenen Glücksgefühl – und von einer Überforderung, die er so noch nie erlebt hatte.»

Väter als Randfiguren

Die Väter erzählten von der Erfüllung, die das Kind brachte, und von der Freude, der Partnerin während der Geburt beizustehen. Gleichzeitig schilderten sie, wie verletzend es war, als Statist behandelt zu werden – etwa, als eine Gynäkologin einen Vater bei der Vorsorgeuntersuchung aus dem Raum schickte, um sich besser konzentrieren zu können. Manche verpassten Ultraschalltermine wegen beruflichen Verpflichtungen. Andere berichteten von beängstigenden Momenten während der Geburt und von Worten aus dem Kreisssaal, die nachwirkten, etwa «grünes Fruchtwasser» oder «Nabelschnur um den Hals». In der ersten Zeit mit dem Kind fühlten sich viele zerrissen: Sie wollten der Partnerin und dem Neugeborenen gerecht werden, vergassen dabei aber sich selbst. Sie kämpften mit unaufhörlichem Schreien des Babys und versuchten, der Vaterrolle gerecht zu werden – zwischen wachsender Verantwortung, ihrer Erwartung an sich, die Rolle des «Ernährers» zu übernehmen, langen Arbeitszeiten, gesellschaftlichen Erwartungen an männliche Stärke sowie dem Wunsch, für das Kind präsent zu sein. «Viele Väter wollen heute aktiv und gleichberechtigt sein», sagt Edmaier. Die Peripartalzeit legt dafür einen wichtigen Grundstein, doch in der Versorgung und Betreuung der jungen Familien gehen die Väter häufig vergessen.

Lücken und Chancen

«Der Fokus in der peripartalen Versorgung liegt traditionell auf der Mutter, die Bedürfnisse der Väter werden oft übersehen», erklärt die Forscherin. Internationale Studien zeigen, dass auch Väter in dieser Phase psychisch belastet sein können. Zwischen 4 und 25 Prozent entwickeln Depressionen oder Angststörungen – im Durchschnitt sind es etwa zehn Prozent, erklärt Edmaier.  Diese Belastungen treffen nicht nur die Väter selbst, sondern können auch die Beziehung zur Partnerin und die frühkindliche Entwicklung negativ beeinflussen.

Gleichzeitig belegen Studien, dass eine gute psychische Gesundheit und aktive Beteiligung der Väter die Familie als Ganzes stärken. «Geht es beiden Elternteilen gut, profitieren alle», sagt Edmaier. «Väter können ihre Partnerinnen besser unterstützen, die Partnerschaft wird stabiler und die Kinder wachsen in einem sicheren Umfeld auf, das ihre kognitive und emotionale Entwicklung fördert.»

Wissen, Anleitung, Teilhabe

Die ZHAW-Forscher:innen entwickeln nun Empfehlungen, um Väter in der Peripartalzeit besser einzubeziehen. Neben den Vätern befragte das Team dafür auch Gesundheitsfachpersonen und organisierte partizipative Workshops mit der Unterstützung von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. In diesen Meetings arbeiteten alle Beteiligten gemeinsam an Lösungen. Die Ergebnisse werden bald veröffentlicht. «Unser Modell basiert auf familienzentriertem Arbeiten», erklärt Edmaier. «Es umfasst die gesamte Peripartalzeit und berücksichtigt verschiedene Berührungspunkte mit dem Gesundheitswesen.»

Wichtig sind etwa eine direkte Ansprache der Väter – in Infomaterialien und bei Routineleistungen wie Vorsorgeuntersuchungen oder Wochenbettbetreuung –, eine Geburtsvorbereitung mit Kurszeiten und -formen, die Vätern die Teilnahme ermöglichen, ein stärkeres Bewusstsein für psychische Belastungen von Vätern in der Nachsorge und entsprechende psychosoziale Unterstützungsangebote. Besonders entscheidend sind die Begegnungen während der Geburt, so Edmaier: «Wie Fachpersonen Väter in dieser sensiblen Situation einbeziehen, ob sie Fragen beantworten und konkrete Anleitungen geben, prägt das Erleben der Väter nachhaltig.»

«Zeit wird kostbar»

Die Forscherin verweist auch auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die das Vatersein beeinflussen. Ob die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub in der Schweiz ausreichen, wird gerade wieder politisch diskutiert. Zum Vergleich: In Deutschland, wo Edmaier herkommt, hat jeder Elternteil Anspruch auf bis zu drei Jahre Elternzeit bis zum achten Lebensjahr des Kindes.
Was brauchen Väter, um den Übergang in die Elternschaft zu meistern? «Zuerst einmal Zeit, um alles zu realisieren», meint Philipp Hunger. «Die Bereitschaft, zurückzustecken», ergänzt Domenic Landolt. Mit Kindern sei der Freiraum nicht mehr derselbe: «Zeit für sich selbst wird kostbar.» Landolt plant, sein berufliches Pensum bald von 70 auf 50 Prozent zu reduzieren. Er und seine Partnerin wollen sich Kinderbetreuung, Haushalt und Erwerbsarbeit teilen. //

Vitamin G, S. 8-10


Weitere Informationen


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert