Zwischen Autonomie und Fürsorge

Die Zahl älterer Menschen wächst, der Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen bleibt. Doch wann ist es Zeit für welche Unterstützung? Das Institut für Pflege und die Winterthurer Wohnbaugenossenschaft gaiwo entwickeln ein Instrument zur Einschätzung der Wohnkompetenz von älteren Menschen.

von Marion Loher

Die Bevölkerung wird immer älter und viele Menschen möchten so lange wie möglich selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben. Alterswohnungen bieten hier gute Möglichkeiten, doch sie garantieren nicht automatisch Stabilität. Denn Faktoren wie Gesundheit, Mobilität, soziale Kontakte, Barrierefreiheit oder finanzielle Ressourcen beeinflussen, ob jemand langfristig selbstständig wohnen kann. Anbieter von Alterswohnungen müssen deshalb immer häufiger beurteilen, ob eine Wohnsituation stabil und sicher ist. Noch fehlt ein Hilfsmittel, um diese Voraussetzungen systematisch einzuschätzen.
Damit diese Lücke geschlossen werden kann, führt das Institut für Pflege der ZHAW zusammen mit der Winterthurer Genossenschaft für Alters- und Invalidenwohnungen gaiwo ein Forschungsprojekt zur Stabilität von Wohnsituationen im Alter durch. Das Projekt «StAWo – Entscheidungsprozesse zur Beurteilung der Stabilität von Wohnsituationen in Alterswohnungen» wird von Tina Quasdorf, Professorin für Gerontologische Versorgung am Institut für Pflege, und Franzisca Domeisen Benedetti, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflege, geleitet. «Gemeinsam mit der gaiwo möchten wir ein Tool entwickeln, mit dem Mitarbeitende von Anbietern für Alterswohnungen frühzeitig erkennen können, ob eine Wohnsituation älterer Menschen stabil und sicher ist oder ob Risiken bestehen, Unterstützung erforderlich wird oder gar eine andere Wohnform nötig ist», sagt Tina Quasdorf.

«Reagieren, bevor es kritisch wird»

Die gaiwo bringt viel Erfahrung ein: Seit den 1950er-Jahren stellt sie im Raum Winterthur Alters- und Invalidenwohnungen bereit. Heute umfasst ihr Portfolio 710 Wohnungen in über 20 Siedlungen, die rund 800 Personen ein Zuhause bieten. Betreut werden die Siedlungen aktuell von 14 Siedlungsleiterinnen, die im Alltag immer häufiger vor komplexen Fragen stehen: Wie lässt sich beispielsweise einschätzen, ob eine Wohnsituation auch dann noch stabil ist, wenn die körperliche oder psychische Verfassung der Mietenden nachlässt? Welche Schritte sind nötig, um angemessen und verantwortungsvoll auf mögliche Anzeichen von Selbst- oder Fremdgefährdung zu reagieren, ohne dabei die Autonomie der Betroffenen zu untergraben? «Durch das Forschungsprojekt erhoffen wir uns ein Instrument zu bekommen, das uns künftig bei der Beantwortung solcher Fragen systematisch unterstützt», sagt gaiwo-Geschäftsführer Samuel Schwitter. Entscheidend sei, dass alle Beteiligten bei der Beurteilung einer Person oder Situation von denselben Kriterien ausgehen und eine gemeinsame Sprache verwenden. «Mit einem standardisierten Instrument lassen sich zudem Veränderungen im Verhalten oder in der Selbstständigkeit der Mietenden besser erkennen. So können wir reagieren, bevor eine Situation kritisch wird.»
Finanziell unterstützt wird das Forschungsprojekt von der Age-Stiftung. «Die Betreuung von vulnerablen und fragilen älteren Menschen, die autonom wohnen, ist im Wandel und stellt eine demografische Herausforderung dar», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Karin Weiss. Deshalb seien solche praxisnahen und -geleiteten Forschungsprojekte sehr wertvoll. «Das Arbeitsinstrument hat das Potenzial, auch für andere Organisationen eine Inspiration und Unterstützung zu sein.»

Eine Vielfalt an Erfahrungen

Der Projektstart erfolgte 2024. Zu Beginn analysierte das Forschungsteam den aktuellen Wissensstand rund um stabile Wohnsituationen im Alter. Parallel dazu wurden Interviews mit allen 14 Siedlungsleiterinnen, dem Leitungsteam sowie den Mitarbeitenden des Unterhalts der gaiwo geführt. Das Ziel war herauszufinden, wie Stabilität von Wohnsituationen in der Praxis wahrgenommen wird, welche Faktoren als besonders kritisch gelten und welche Unterstützung es braucht, um in schwierigen Situationen angemessen reagieren zu können. «Spannend war zu sehen, dass jede Siedlungsleiterin ihre ganz eigene Perspektive auf die Stabilität hat», sagt Tina Quasdorf. Während die eine vor allem mit Mietenden mit psychischen Problemen Herausforderungen erlebte, die teilweise zu sogenannten Messi-Situationen führten, berichtete eine andere von Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen mit dementiellen Erkrankungen. Wieder andere schilderten Fälle, in denen körperlich stark eingeschränkte Personen ihre Wohnung kaum noch verlassen konnten und dadurch zunehmend vereinsamten. Diese Vielfalt an Erfahrungen zeige, so die Projektleiterin, wie unterschiedlich sich Instabilität im Alltag äussern könne. Die Ergebnisse der Interviews wurden dem gaiwo-Team im Sommer 2025 präsentiert.

Ein Instrument für strukturierte Beurteilungen

Auf Basis dieser Erkenntnisse erarbeitet das Forschungsteam derzeit das Instrument für eine strukturierte Beurteilung einzelner Wohnsituationen. Diese soll in verschiedene Themenbereiche wie körperliche Beeinträchtigung, kognitive Einschränkung, Ordnung, Hygiene und soziales Netzwerk eingeteilt werden. Das Tool wird in einer Pilotphase über mehrere Monate bei der gaiwo getestet. Dabei wird geprüft, wie gut es im Alltag anwendbar ist, wo Anpassungen nötig sind und wie es sich in bestehende Abläufe integrieren lässt. Nach Abschluss der Testphase – dies wird voraussichtlich Mitte 2026 der Fall sein – soll das Instrument weiterentwickelt, validiert und langfristig auch anderen Anbietern von Alterswohnungen zur Verfügung gestellt werden. Begleitet und ergänzt wird das Forschungsprojekt von einer Masterarbeit. Manuela Schmidt, Studentin im Masterstudiengang Pflege, führt unter anderem Interviews mit Mietenden der gaiwo sowie mit Personen aus deren privatem und institutionellem Umfeld durch. Manuela Schmidt interessiert vor allem die Sicht der Betroffenen, also wie ihr Verständnis von Stabilität ist und welche Faktoren ihrer Meinung nach eine langfristige Stabilität fördern respektive behindern. «Am Ende geht es darum, dass die Mitarbeitenden und Leitungspersonen der gaiwo zusammen mit den Mietenden und deren Angehörigen eine gute Lösung finden», sagt Tina Quasdorf.//

Vitamin G, S. 25-26


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