Gastbeitrag von Jaqueline Keller

Nach der Prüfungsphase im Juni 2018 begann mein ersehntes Praktikumsjahr bei den SBB. Bereits im Voraus haben Abklärungen bezüglich meinem Arbeitsort und meiner Arbeitstätigkeit stattgefunden. Daraus haben sich zuerst fünf Wochen in Bern und dann ein ganzes Jahr in Zürich Altstetten ergeben. In Bern war ich eigentlich dazu da, meinem Nachfolger aus der VS17 die Welt der SBB zu zeigen. Während diesen fünf Wochen durfte ich auch eine Woche ins Industriewerk nach Olten. Dort konnte ich zwei Tage lang bei Bremsprüfungen und beim Ersetzen von Türantrieben selbst Hand anlegen. Dass mir diese Türantriebe nur ein Jahr später das Leben schwer machen würden, hat wohl niemand geahnt…

Doch alles der Reihe nach.

Mitte August 2018 war es dann soweit. Fortan durfte ich nach Zürich Altstetten pendeln. In der Disposition der Serviceanlage Herden sollte ich einen Mitarbeiter ersetzten. Das freute mich, da mir so die Aufgaben und die Verantwortung eines «vollwertigen» Mitarbeiters in die Hände gelegt wurde.

In den ersten paar Tagen Instruktion hiess es erstmal viel zuhören, viel aufschreiben und möglichst schnell lernen. Die Arbeitsschritte mit SAP, CERES und den Exceldateien waren mir recht schnell klar und ich fühlte mich eigentlich bereit, allein eine Tour zu machen – wäre da nicht das Telefon. Das Telefonieren gehört nicht gerade zu meinem Lieblingstätigkeiten, daher zögerte ich die «Telefon-Instruktion» möglichst lange hinaus. Zumal es so ist, dass wenn das Telefon in der Dispo läutet, Arbeit auf einen zukommt oder man Auskunft geben muss. Als Neuling ist man sich seiner Sache eben doch nicht so sicher und kommt ins Schwitzen. Aber meine InstruktorInnen standen mir wacker zur Seite und so wurde aus mir doch noch eine brauchbare Mitarbeiterin.

Nach fünf Wochen Instruktion startete ich erstmals allein in einen Nachtdienst. Viele Dinge begegneten mir nun das erste Mal und mir blieb nichts anderes übrig, als irgendwas zu tun, das richtig erschien, oder bei der Übergabe mit der Ablösung nach dem richtigen Vorgehen zu fragen. So wurde im Verlaufe der Wochen aus der Studentin eine Disponentin.

Was tut ein Disponent den ganzen Tag lang? Die Aufgaben der Disposition Instandhaltung sind vielfältig. Es geht hauptsächlich darum, zu prüfen, welche Fahrzeuge für den Unterhalt geplant sind, Aufträge via SAP zu generieren, damit die Schichtleiter dem Instandhaltungspersonal Aufträge zuordnen können, und nach Zugsausfahrt das Ganze im SAP wieder rückzumelden.

Fahrzeuge folgen theoretisch einem im Jahresfahrplan festgelegten Umlauf. In Serviceanlagen werden Reinigung und leichte Instandhaltungsarbeiten durchgeführt. Diese Instandhaltung ist in den Umläufen festgelegt. Die Fahrzeuge können aber vom Umlauf abweichen. Das kann aus verschiedenen Gründen passieren. Beispielsweise bleibt nach einem Streckenunterbruch der für die Instandhaltung vorgesehene Zug in der Westschweiz liegen. Demzufolge kommt ein anderer Zug in den Unterhalt und schon stimmt die Planung mit der Realität nicht mehr überein. Die Dispo hat laufend zu prüfen, welche Fahrzeuge vorgesehen sind und ob sie dann tatsächlich kommen. Bei kurzfristigen Änderungen im Fahrzeugeinsatz wird die Dispo von der Lenkung telefonisch informiert.

Der Disponent muss immer ein offenes Auge haben, um Änderungen oder Unstimmigkeiten schnellstmöglich zu erkennen und entsprechend reagieren zu können. Es gehört auch zu den Aufgaben des Disponenten, die Lenkung über Unregelmässigkeiten zu informieren. Kann ein Zug im Unterhalt nicht ausreichend repariert werden oder treten sicherheitsrelevante Mängel auf, darf das Fahrzeug nur noch eingeschränkt oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr eingesetzt werden. Über solche Einschränkungen muss die Lenkung umgehend informiert werden, damit rechtzeitig Lösungen gesucht und Massnahmen getroffen werden können.

Die Arbeit hat mir Freude bereitet, da ich den operativen Betrieb von dieser Seite noch nicht gekannt habe. Es war eine Herausforderung in hektischen Situationen den Überblick zu behalten, niemandem eine falsche Information weiterzugeben oder gar eine Information zu unterschlagen. Das Telefonieren ist mit der Zeit zur Routine geworden und zum Schluss hat’s sogar begonnen Spass zu machen. Die mit diesem Job verbundene Schichtarbeit war zwar mit diversen Unannehmlichkeiten verbunden, hatte aber doch überwiegend gute Seiten.

Rund einen Monat vor Ende des Praktikums hatte ich noch die Gelegenheit, die Kollegen auf der Lenkung zu besuchen. Das Schöne daran war, dass ich so auch ein Bild zum Ton hatte und fortan nicht mehr mit Stimmen, sondern mit Menschen telefonierte. Vom Besuch konnte ich auch profitieren, da mir nun klar war, mit was für Dingen sich diese Leute rumschlagen müssen und weshalb das Telefon fast immer besetzt ist.

Das ganze Jahr hindurch hatten wir Disponenten untereinander immer wieder mal etwas zu lachen oder führten in ruhigen Minuten auch tiefgründige Gespräche. Richtig angekommen und integriert fühlte ich mich zwar erst, als mir gesagt wurde, man freue sich immer, wenn ich da sei. Nicht nur wegen meiner aufgestellten, fröhlichen, aber doch ruhigen Person, sondern auch der Kompetenz wegen. So hörte ich dann in der letzten Woche gleich mehrmals, dass man mich vermissen werde und dass man bei der SBB immer kompetente Leute suche, ich also jederzeit willkommen sei. Ob Schmeichelei oder Tatsache, den Abschied hat es mir jedenfalls nicht einfacher gemacht.

Es war ein interessantes und lehrreiches Jahr. Ich durfte viele Leute kennen und schätzen lernen und es sind Freundschaften entstanden, die wohl noch lange bestehen werden.