Gastbeitrag der Klasse VS19

Ist es denkbar, dass in Zukunft Lastwagen auf der Schiene mit 100 km/h am Gotthardstau vorbeifahren? Dies ist heute schwer vorstellbar. Die RoLa gilt als veraltet und weckt negative Emotionen. Egal ob kurz oder lang, eine RoLa wird aktuell als langsam und teuer wahrgenommen.

Aber: Mit einem neuen, innovativen Angebot und richtiger Kommunikation kann der Begriff RoLa neu geprägt werden! Dieser Herausforderung stellte sich die Klasse VS19 der ZHAW School of Engineering.

Abbildung 1: Die Rollende Landstrasse, Quelle: Alpeninitiative

Industrie beauftragt VS-Studierende

Ein Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) beauftragte im Rahmen des Moduls „Praxisprojekts 2“ das Studierendenteam, das Potenzial einer Kurz-RoLa durch den Gotthard zu ermitteln. Gemäss dem EVU ist die RoLa attraktiv, weil am Stau vorbeigefahren werden kann. Bei einer RoLa werden Lastwagen inklusive Personal auf Züge verladen. Bisher hat sie jedoch im Güterverkehr kaum Relevanz.

Speditionen und Experten sehen kaum Potenzial in Kurz-RoLa

Um die Nachfrage nach einer Kurz-Rola in der Logistikbranche zu verstehen, führten die Studierenden Telefoninterviews mit Speditionen und Fachleuten in der Schweiz durch. Es stellte sich heraus, dass die Branche einer solchen Idee gegenüber skeptisch eingestellt ist. Häufig fielen die Worte: «Ich möchte Sie nicht demotivieren, aber …». Trotzdem liessen sich alle Interviewten auf spannende Gespräche ein. Dabei wurden mögliche Standort- und Streckenvorschläge gesammelt.

Als weiterer Input konnte von Rail Cargo Austria mehr über die bestehende Kurz-RoLa am Brenner erfahren werden. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren in Österreich sind Restriktionen auf der Strasse und die sehr grosszügige Subventionierung.

Konkrete, innovative Angebote sollen es richten

Um den Schweizer Speditionen die RoLa schmackhaft zu machen, muss Ihnen das Konzept eines neuen konkreten Angebots vorgelegt werden. Die Studierenden definierten, dass ein Angebot primär die Faktoren Standorte, Rollmaterial und Preis berücksichtigen muss. Dabei sollten zwei unterschiedliche Strecken entwickelt werden.

Zwei attraktive Strecken als Grundgerüst

Mit den von den Speditionen erhaltenen Standortvorschlägen wurde eine Nutzwertanalyse durchgeführt. Gute Lage und betriebliche Machbarkeit im Norden bieten die Standorte Brunnen und Rotkreuz. Im Tessin sind dies Lugano Vedeggio und Cadenazzo.

Aus diesen Standorten wurden zwei Strecken gebildet. Die längere Strecke Rotkreuz – Lugano Vedeggio hat eine Fahrzeit von zwei Stunden. Bei der kürzeren Strecke Brunnen – Cadenazzo beträgt sie 80 Minuten.

Modernes oder günstiges Rollmaterial

Die wichtigsten Kriterien für die Wahl des Rollmaterials sind die Verladezeit sowie die Anschaffungs- und Unterhaltskosten. Die Wahl fiel auf zwei unterschiedliche Systeme. Einerseits das innovative, aber unerprobte Flexiwaggon-System (siehe Bild unten), andererseits das klassische System mit Flachwagen und Kopframpe. Flexiwaggons sind teuer, aber mit nur 15 Minuten Verladezeit viermal schneller in der Abfertigung als Flachwagen. Die Flexiwaggons setzen auf ausschwenkbare Plattformen. Diese sind direkt im Wagen verbaut und benötigen keine spezielle Infrastruktur.

Abbildung 2: Eine Animation des Flexiwaggon-Systems. Quelle: flexiwaggon.se

Flachwagen können verhältnismässig günstig beschafft werden, jedoch dauert das Verladen der LKW sehr lange.

Für beide Strecken wurde je ein schnelles «Priority»-Angebot mit Flexiwaggons und ein günstiges «Economy»-Angebot mit Flachwagen erstellt.

Preis für eine RoLa-Fahrt zwischen CHF 95 und 170

Zur Berechnung der Fahrtpreise wurde ein Rechenmodell entwickelt, in dem die wichtigsten finanziellen Aspekte berücksichtigt wurden. Dazu gehören beispielsweise die Anschaffungs- und Instandhaltungskosten des Rollmaterials sowie die Einnahmen durch Subventionen. Betreffend der Subvention einer RoLa wird erst im Herbst 2021 ein neuer Entscheid des Bundes erwartet. Deshalb wurden für diese Berechnung Annahmen basierend auf anderen RoLa-Angeboten getroffen. Die «Priority»-Angebote würden CHF 125 und CHF 170, die «Economy»-Angebote CHF 95 und CHF 115 kosten.

Speditionen lassen sich von den zeitgemässen Angeboten überzeugen

An 75 Schweizer Speditionen wurde ein Online-Fragebogen verschickt. In diesem wurden anhand eines Flyers die erarbeiteten Angebote (siehe Bild unten) vorgestellt.

Abbildung 3: Ein Ausschnitt aus dem Flyer, welcher die Angebote im Online-Fragebogen illustrierte. (eigene Darstellung)

Das Projektteam erhielt von 21 Speditionen eine Rückmeldung (siehe Bild unten). Alle Varianten stiessen auf Interesse, wobei jeweils die längere Strecke Rotkreuz – Lugano Vedeggio und das «Priority»-Angebot favorisiert wurden. Das schnelle Verladen und die daraus resultierende Zeiteinsparung des «Priority»-Angebotes scheint den Aufpreis wert zu sein.

Abbildung 4: Wie viele Unternehmen sagen JA zu einem der Angebote? (eigene Darstellung)

Die Nutzung der Angebote ist schlussendlich eine Preisfrage. Wenn das Angebot kostenlos wäre, würden es mit einer Ausnahme alle Unternehmen nutzen. Eine Kurz-RoLa muss also einen attraktiven Preis bieten können.

Potenzial für Mikro-RoLa da, aber Wirtschaftlichkeit offen

Heute können die Studierenden die Einführung einer Kurz-RoLa dem EVU nicht empfehlen. Einerseits ist die Situation mit den Subventionen unklar. Andererseits ist die innovative Flexiwaggon-Lösung unerprobt. Hier müssten weitere Abklärungen in Bezug auf die Markttauglichkeit vorgenommen werden. Ein grundsätzliches Potenzial ist aber vorhanden.

Für eine wirtschaftlich betreibbare Kurz-RoLa sind genügend Subventionen und passendes innovatives Rollmaterial,wie zum Beispiel Flexiwaggons entscheidend.

Der Erfolg eines Angebotes basiert auch auf der richtigen Kommunikation und Technologie. Nur mit dieser kann der negativ behaftete Begriff der RoLa neu geprägt werden.