Mit seinem Lehrabschluss zum Fischwirt schreibt Patrick Erpen an der ZHAW ein kleines Stück Geschichte. Als erster Lernender der ZHAW im Bereich Aquakultur absolvierte er seine praktische Ausbildung in der Forschungsgruppe Aquakultursysteme. Seine Lehre führte ihn von der täglichen Arbeit in der Fischzucht über Forschungsprojekte auf dem Zürichsee bis zur selbstständigen Aufzucht von Seesaiblingen. Dieser Weg wird weitergeführt: die ZHAW bildet erneut einen Lernenden zum Fischwirt aus.
Fischzucht bedeutet weit mehr als Fische füttern und Becken kontrollieren. Das hat Patrick Erpen während seiner Ausbildung zum Fischwirt an der ZHAW jeden Tag erlebt. Biologie, Tierhaltung, Wasserqualität, Technik, Forschung und Nachhaltigkeit greifen in der Aquakultur eng ineinander. Genau diese Vielfalt machte für ihn den Reiz des Berufs aus.
Dass er überhaupt zur Fischzucht kam, war zunächst eher Zufall. Ein guter Freund betreibt in Deutschland einen Familienbetrieb, in dem unter anderem bedrohte Fischarten gezüchtet werden. Drei Monate arbeitete Patrick dort mit und sammelte erste praktische Erfahrungen. Kurz darauf stiess er auf die Lehrstelle am ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR).

Zwischen Fischzucht und Forschung
Als erster Lernender der ZHAW im Bereich Aquakultur absolvierte Patrick seine praktische Ausbildung in der Forschungsgruppe Aquakultursysteme. Die Gruppe entwickelt nachhaltige Lösungen für die Fischzucht sowie für die Produktion von Pflanzen und Mikroalgen. Zum Arbeitsalltag gehören dabei unter anderem Kreislaufanlagen, Aquaponik und innovative Produktionssysteme.
Einen klassischen Arbeitstag gab es für Patrick trotzdem kaum. Gewisse Aufgaben wiederholten sich: Futter auffüllen, Wasserparameter kontrollieren, die Gesundheit und das Verhalten der Fische beobachten und die Funktion der Anlagen sicherstellen. Was darüber hinaus anstand, zeigte sich oft erst vor Ort.
Gerade diese Mischung aus Routine und Unvorhergesehenem gefiel ihm. Besonders gerne wog er die Fische. Dabei konnte er unmittelbar beobachten, wie sich die Tiere entwickelten und an Gewicht zulegten. Noch stärker in Erinnerung blieben ihm die Einsätze auf dem Zürichsee. Beim Seesaibling-Monitoring konnte er draussen auf dem See mitarbeiten und gleichzeitig Einblick in ein laufendes Forschungsprojekt gewinnen.
«Draussen auf dem See zu arbeiten und gleichzeitig einen Beitrag zu einem Forschungsprojekt zu leisten, war eine tolle Erfahrung.»
Patrick Erpen
Wenn Fischzucht zum Forschungsfeld wird
Die Arbeit an einer Forschungsinstitution unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von jener in einem klassischen Fischzuchtbetrieb. Während in der Produktion die effiziente Haltung und Aufzucht der Fische im Zentrum stehen, geht es in der Forschung darum, Versuche durchzuführen, Daten zu erheben und Zusammenhänge zu untersuchen. Auch das Verhalten und das Wohlbefinden der Fische spielen eine zentrale Rolle.
Patrick lernte während seiner Ausbildung beide Perspektiven kennen. Seine Einsätze in konventionellen Fischzuchtbetrieben zeigten ihm, wie unterschiedlich Fischzucht organisiert sein kann. Gleichzeitig wurde deutlich, wie breit das Berufsfeld ist. Diese Vielfalt spiegelte sich auch in den Projekten wider, an denen er mitarbeiten konnte. Im AWACS-Projekt beschäftigte er sich mit dem Verhalten und Wohlbefinden von Fischen in Kreislaufanlagen. Beim Seesaibling-Projekt auf dem Zürichsee sammelte er Erfahrungen in der Feldarbeit. Im Phosphor-Recycling-Projekt ging es darum, den im Fischfutter enthaltenen Phosphor aus dem Kreislaufwasser zurückzugewinnen.
Für Patrick waren gerade diese unterschiedlichen Aufgaben ein wesentlicher Teil seiner Ausbildung.

Eine Ausbildung zwischen der Schweiz und Deutschland
Auch der schulische Teil der Ausbildung führte über die Schweizer Grenze. Da es in der Schweiz bislang kein entsprechendes Berufsschulangebot für die Ausbildung zum Fischwirt gibt, besuchte Patrick die Berufsschule im deutschen Starnberg. Die regelmässigen Schulblöcke bedeuteten zwar zusätzlichen Reiseaufwand. Gleichzeitig erhielt er dadurch Einblicke in die Ausbildung und Fischereiwirtschaft Deutschlands und konnte Unterschiede zur Schweiz kennenlernen.
Vom Ei bis zum fertigen Fisch
Besonders prägend war für Patrick seine Abschlussarbeit. In der Anlage der Forschungsgruppe plante und realisierte er selbstständig die Aufzucht von Seesaiblingen – von der Produktions- und Futterplanung über die Betreuung der Fische bis hin zu Schlachtung, Verarbeitung und Vermarktung.
Als er schliesslich seinen ersten selbst produzierten Seesaibling in den Händen hielt, wurde ihm die Dimension dieser Arbeit bewusst.
«Da wurde mir bewusst, wie viel Arbeit, Wissen und Verantwortung hinter der Produktion eines Fisches steckt.»
Patrick Erpen
Die Abschlussarbeit war gleichzeitig eine der grössten Herausforderungen seiner Ausbildung. Viele Arbeitsschritte und Faktoren mussten aufeinander abgestimmt werden. Gleichzeitig liess sich eine Aufzucht nicht bis ins Detail planen. Entwicklungen und unvorhergesehene Situationen verlangten immer wieder Anpassungen.
Für Patrick war das eine wichtige Erfahrung: Gute Planung ist in der Fischzucht entscheidend – ebenso wie Flexibilität, Eigeninitiative und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.


Fischzucht braucht Beobachtungsgabe
Wer Fischwirt werden möchte, sollte deshalb nicht nur Interesse an Fischen, Gewässern und Natur mitbringen. Auch eine gute Beobachtungsgabe ist entscheidend. Eine zentrale Aufgabe besteht darin, Veränderungen im Verhalten der Tiere früh zu erkennen und richtig einzuordnen.
Gleichzeitig verbindet die Fischzucht unterschiedlichste Fachgebiete und praktische Arbeiten. Biologie und Tierhaltung treffen auf Wasserqualität und Technik, ergänzt durch Fragen der Nachhaltigkeit und des Ressourcenmanagements.
Für Patrick hat die Ausbildung auch den Blick auf Lebensmittel verändert. Fischzucht kann in sehr unterschiedlichen Systemen stattfinden – von extensiver und naturnaher Karpfenteichwirtschaft über Durchflussanlagen und Netzgehege bis zu technisch anspruchsvollen Kreislaufanlagen.
Wohin der Weg führt
Nach dem Lehrabschluss stehen für Patrick zunächst Zivildienst und eine mehrmonatige Auszeit auf dem Programm. Was danach kommt, ist noch offen. Eine Richtung zeichnet sich allerdings bereits ab: Langfristig möchte er im Gewässerschutz arbeiten und sich für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der Gewässer einsetzen.
Die Ausbildung zum Fischwirt hat ihm dafür eine wichtige Grundlage gegeben. Sie hat ihm zugleich gezeigt, wie eng Fischzucht, Gewässerökologie und der Schutz aquatischer Lebensräume miteinander verbunden sind.
Mit seinem Lehrabschluss endet damit nicht nur eine Ausbildung. Für die ZHAW markiert er einen besonderen Anfang: Nach Patrick Erpen gibt es inzwischen erneut einen Lernenden im Bereich Aquakultur. Damit bleibt seine Lehrzeit nicht nur als erster Abschluss in Erinnerung – sie ist zugleich Teil einer Ausbildungstradition, die gerade erst entsteht. Die Verbindung von beruflicher Ausbildung, Forschung und praktischer Aquakultur wird damit weitergeführt – und mit ihr die Möglichkeit, Fachwissen für die Zukunft der Schweizer Aquakultur aufzubauen.
Kontakt:
Mathias Sigrist
Forschungsgruppe Aquakultursysteme,
Fischwirtschaftsmeister,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR