Teilnehmende der Agrobiodiversity Summer School 2026 im Austausch mit einem Landwirt auf einem vielfältig bewirtschafteten Feld in Galicien.

Agrobiodiversity Summer School 2026: Zukunft wächst an den Rändern

Wie kann Agrobiodiversität den Wandel zu nachhaltigen und resilienten Ernährungssystemen voranbringen? Die Agrobiodiversity Summer School 2026 führte Studierende nach Galicien – zu Bauernhöfen, Gemeinschaftsland, Weinbergen und Muschelsammlerinnen. Dort erlebten sie, wie Agrarökologie, Vielfalt und gemeinschaftliches Handeln neue Perspektiven für Landwirtschaft und Ernährungssysteme eröffnen.

Wer auf die globale Lage blickt, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass ein gerechter Übergang zu agrarökologischen Ernährungssystemen kaum zu schaffen ist. Klimakrise, wirtschaftlicher Druck und Biodiversitätsverlust nähren ein Gefühl der Perspektivlosigkeit.

Doch auf den Feldern, in Dörfern und an den Küsten entstehen längst Alternativen. Genau das erlebten wir während der Agrobiodiversity Summer School 2026 in Galicien. Zehn Tage lang lernten wir Betriebe und Gemeinschaften kennen, die neue Antworten auf ökologische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen suchen. Wir nahmen neue Perspektiven, praktische Impulse und wertvolle Kontakte mit nach Hause.

«In Galicien haben wir gesehen, dass agroökologische Alternativen längst keine abstrakten Zukunftsvisionen mehr sind. Viele von ihnen funktionieren bereits heute – wirtschaftlich, sozial und ökologisch.»
Manuel Alvarez Loureiro, Teilnehmer der Agrobiodiversity Summer School 2026

Agrobiodiversität in Galicien: Vielfalt als Geschäftsmodell

Unsere erste Station führte nach Irixoa zum Biobetrieb Lousada. Der Hof verbindet Tierhaltung mit Gemüse-, Getreide- und Obstanbau. Diese Vielfalt ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern Teil des Geschäftsmodells: Weil Kundinnen einen grossen Teil ihres Bedarfs direkt vom Hof beziehen können, benötigt der Betrieb weniger einzelne Abnehmerinnen. Das spart Zeit im Vertrieb und erhöht die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit.

Agrobiodiversität wird hier zum Erfolgsfaktor.

Ein anderes Bild zeigte sich bei Terras de Asorei im Val do Salnés. Der Weinbau basiert weitgehend auf Monokultur, benötigt Saisonarbeitskräfte und ist internationalen Marktschwankungen ausgesetzt. Gleichzeitig haben sich sechs kleine, familiengeführte Weingüter zusammengeschlossen, um gemeinsam konkurrenzfähig zu bleiben. Landbesitz und demokratisches Stimmrecht verbleiben bei den Familien.

Das Beispiel zeigt: Transformation kann auch bedeuten, innerhalb bestehender Systeme neue gemeinschaftliche Strukturen zu schaffen.

Teilnehmende der Agrobiodiversity Summer School 2026 besuchen den vielfältig bewirtschafteten Biobetrieb Lousada in Galicien.
Vielfalt als Betriebsmodell: Die Agrobiodiversity Summer School 2026 zu Besuch auf dem Biobetrieb Lousada in Galicien. Foto: David Fontán

Wenn Agrarökologie soziale Gesundheit stärkt

Was hat die Vielfalt eines Agrarökosystems mit der Gesundheit unserer Gesellschaft zu tun? Eine konkrete Antwort fanden wir beim Gemüsegarten Entrelampo. Der gemeinnützige Verein verbindet Gemüseproduktion mit der Arbeit von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen.

Agrarökologie, soziale Inklusion und psychische Gesundheit greifen hier ineinander. Rund 60 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Verkauf der eigenen Produktion auf Märkten und über Gemüsekisten-Abonnements. Entrelampo zeigt damit, dass Landwirtschaft nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern auch Teilhabe und soziale Beziehungen fördern kann.

Mariscadoras: Agrarökologie im Meer

Frauen, die in den atlantischen Rías zu Fuss Schalentiere sammeln, gehören zu den bekanntesten Bildern Galiciens. Doch hinter dem traditionellen Motiv steckt ein komplexes System gemeinschaftlicher Ressourcenbewirtschaftung.

In Muros lernten wir die Mariscadoras kennen. Die früher als Nebentätigkeit ausgeübte Arbeit wurde 1992 professionalisiert. Heute organisieren sogenannte Cofradías die Nutzung der Muschelbestände in partizipativen Strukturen. Sie verhindern Übernutzung, stärken die Arbeitsrechte der Frauen und setzen sich für die Anerkennung von Berufskrankheiten ein.

Ökologische Nachhaltigkeit, Selbstorganisation und soziale Gerechtigkeit werden hier miteinander verbunden.

Commons in Galicien: Gemeinschaft statt Einzelbesitz

Eine weitere Station führte zu einem Modell, das in weiten Teilen Europas nahezu verschwunden ist: gemeinschaftlich bewirtschaftetes Land. Rund ein Viertel des galicischen Territoriums befindet sich noch heute im Besitz von Nachbarschaftsgemeinschaften. Das Land ist weder öffentlich noch individuelles Privateigentum, sondern gehört kollektiv den dauerhaft im jeweiligen Dorf lebenden Haushalten.

Die Gemeinschaftsländereien von Baroña zeigen, wie aktuell dieses Modell ist. Eine vielfältige Bewirtschaftung schützt die Landschaft vor Waldbränden, schafft lokale Arbeitsplätze und gemeinschaftlichen Wohlstand und trägt dazu bei, dass Menschen in der Region bleiben.

Alte Eigentumsformen liefern damit überraschend moderne Antworten auf die Frage, wie ländliche Räume resilienter werden können.

Weniger produzieren, besser wirtschaften

Auch Casa Bértolo in Friol stellte vermeintliche Gewissheiten infrage. Der familiengeführte Milchviehbetrieb reagierte auf Arbeitskräftemangel nicht mit Intensivierung, sondern mit einer Reduktion der Produktion.

Die Kühe werden nur noch einmal täglich gemolken. So entfällt ein zusätzlicher Weg von den Rotationsweiden zum Melkbereich. Das spart Arbeit und wirkt sich positiv auf Tierwohl, Produktqualität und finanzielle Margen aus.

Das Modell ist eng mit Agrobiodiversität verbunden: Wäldchen, Hecken, Steinmauern sowie Eichen, Kastanien und Birken bieten den Kühen Schatten und Futter und schaffen gleichzeitig Lebensräume für Vögel, Kleinsäuger und Insekten. Dass Irea, die älteste Tochter der Familie, den Betrieb weiterführen möchte, zeigt eine weitere Dimension der Nachhaltigkeit: Zukunft entsteht auch dort, wo die nächste Generation bleiben will.

Teilnehmende der Agrobiodiversity Summer School 2026 besuchen den Milchviehbetrieb Casa Bértolo in Galicien und tauschen sich über nachhaltige Landwirtschaft aus.
Weniger intensiv, vielfältiger wirtschaften: Die Agrobiodiversity Summer School 2026 zu Besuch auf dem Milchviehbetrieb Casa Bértolo in Galicien. Foto: Anna Marion

Klimawandel und Biodiversitätsverlust als Treiber des Wandels

Was bedroht diese Projekte? Die häufigste Antwort war der Klimawandel. Hinzu kommen begrenzte staatliche Unterstützung, schwieriger Zugang zu Fördermitteln, Arbeitskräftemangel und Vertriebssysteme, die stark von der Grossindustrie geprägt sind.

Doch während unserer Reise zeigte sich ein Paradox: Viele Probleme, die diese Projekte heute bedrohen, waren zugleich Auslöser für ihre Entstehung. Klimawandel, Wirtschaftskrisen, der Verlust von Agrobiodiversität und Traditionen, Arbeitskräftemangel, psychische Gesundheit oder Frauenrechte haben Menschen dazu gebracht, neue Lösungen zu entwickeln.

Die Herausforderungen des Überlebens werden damit zugleich zu Treibern von Innovation.

Vom Eukalyptuswald zur agrarökologischen Zukunft

Am ersten Tag fragte ein Studierender, ob die industriellen Eukalyptusplantagen, die sich für die Zellstoffproduktion über Galicien ausbreiten, biologisch seien.

Die Frage führte zu einer grundlegenderen Überlegung: Kann eine industrielle Monokultur überhaupt «biologisch» werden – oder liegt das Problem bereits in der Monokultur selbst?

Wer nur auf grossflächige industrielle Systeme blickt, kann schnell ein Gefühl von Ohnmacht entwickeln. Nach zehn Tagen in Galicien sahen wir die Landschaft anders.

Wir hatten Landwirtinnen und Landwirte, Muschelsammlerinnen, Familienbetriebe, soziale Initiativen sowie Dorfgemeinschaften kennengelernt. Ihre Produkte und Strategien unterscheiden sich – gemeinsam ist ihnen die Bereitschaft, Alternativen praktisch auszuprobieren.

«Agrobiodiversität braucht Beziehungen – zwischen Pflanzen, Tieren, Landschaften und Menschen. Gleichzeitig schafft sie neue Beziehungen. Genau darin liegt für mich eine der stärksten Erfahrungen dieser Summer School.»
Manuel Alvarez Loureiro

Teilnehmende der Agrobiodiversity Summer School 2026 diskutieren in Gruppen über Agrobiodiversität und den Wandel zu nachhaltigen Ernährungssystemen.
Vom Praxisbesuch zur gemeinsamen Reflexion: In Gruppen vertiefen die Teilnehmenden der Agrobiodiversity Summer School 2026 ihre Erkenntnisse zu Agrobiodiversität und agrarökologischem Wandel. Foto: Hanna Della Casa

Der Hockeyschläger-Effekt des agrarökologischen Wandels

Nach zehn Tagen fühlten wir uns als Gruppe gestärkter und hoffnungsvoller. Wir hatten erlebt, dass Polykultur funktionieren kann – und dass Agrobiodiversität nicht nur biologische Vielfalt bedeutet, sondern ebenso Kooperation, Wissen und soziale Beziehungen.

Selbst dort, wo industrielle Plantagen dominieren, entstehen an den Rändern andere Modelle. Viele dieser Initiativen sind auf globaler Ebene noch kaum sichtbar. Doch sie wachsen, lernen voneinander und bilden Netzwerke.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Erkenntnis der Agrobiodiversity Summer School 2026: Grosse Veränderungen beginnen nicht zwangsläufig gross.

Am letzten Tag diskutierten wir über einen möglichen Hockeyschläger-Effekt des agrarökologischen Wandels. Viele kleine Initiativen entwickeln sich zunächst langsam und beinahe unsichtbar. Wenn Wissen, Erfahrungen und Netzwerke jedoch eine kritische Masse erreichen, könnte sich die Entwicklung beschleunigen.

Ob das geschieht, wissen wir nicht. Galicien hat uns aber gezeigt, dass die Grundlagen dafür längst wachsen.

Autor: Manuel Alvarez Loureiro, Teilnehmer der Agrobiodiversity Summer School 2026
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR


Agrobiodiversity Summer School 2026


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