Rund um Bialowieza in Polen werden Wiesen zunehmend sich selbst überlassen – mit Folgen für die Biodiversität. Doch wie lassen sich diese Veränderungen untersuchen, ohne jahrzehntelang Daten zu sammeln? Während der Summer School «Biodiversity Monitoring» 2026 lernten Studierende aus fünf Ländern einen wissenschaftlichen Ansatz dafür kennen und erfassten über 380 Arten.
Die Wiesen im Schatten des «letzten Urwalds Europas»
Wer Bialowieza besucht, kommt meist wegen des Waldes. Der ursprüngliche, wilde Wald an der Grenze zu Belarus gilt als einer der letzten grossflächigen Tiefland-Urwälder Europas. Die Wiesen rund um den Ort wirken daneben wenig spektakulär. Doch gerade sie erzählen eine spannende Geschichte darüber, was geschieht, wenn sich der Mensch aus der Bewirtschaftung einer Landschaft zurückzieht.
Über Jahrzehnte ist die landwirtschaftliche Nutzung in der Region zurückgegangen. Heute liegen noch bewirtschaftete Wiesen unmittelbar neben Flächen, die seit unterschiedlich langer Zeit brachliegen. Während auf manchen Wiesen weiterhin gemäht wird, wachsen anderswo bereits Sträucher und junge Bäume. So ist ein kleinräumiges Landschaftsmosaik entstanden, in dem sich verschiedene Stadien der natürlichen Sukzession – der allmählichen Veränderung der Vegetation – direkt nebeneinander beobachten lassen.
Was passiert, wenn Wiesen nicht mehr bewirtschaftet werden?
Für die Biodiversitätsforschung ist das besonders interessant. Denn die Aufgabe einer landwirtschaftlichen Nutzung kann die Artenvielfalt verändern: Typische Wiesenarten verlieren möglicherweise ihren Lebensraum, während andere Arten von neu entstehenden Strukturen profitieren. Doch wie lassen sich solche Entwicklungen untersuchen, wenn Daten aus der Vergangenheit fehlen?
Dieser Frage gingen 16 Studierende und sieben Dozierende aus fünf Ländern während der Summer School «Biodiversity Monitoring» 2026 nach.
Die internationale Summer School gehört zum ZHAW-Masterstudium Umwelt und Natürliche Ressourcen (ENR) und zählt zu den Höhepunkten der Vertiefung «Biodiversität und Ökosysteme». Organisiert wird sie gemeinsam mit der Universität Warschau und dem Kholodny Institute of Botany in Kiew. Bei freien Plätzen können auch Studierende anderer Hochschulen teilnehmen.

Wie sich Jahrzehnte auf benachbarten Wiesen untersuchen lassen
Die Forschenden nutzen dafür einen Ansatz namens «Space-for-time substitution» – auf Deutsch Raum-für-Zeit-Ersatz. Anstatt dieselbe Fläche über Jahrzehnte zu beobachten, vergleichen sie Standorte mit möglichst ähnlichen Umweltbedingungen, die sich jedoch hinsichtlich der Dauer ihrer Nutzungsaufgabe unterscheiden. So lassen sich Hinweise darauf gewinnen, wie sich Lebensräume im Laufe der Zeit verändern.
Rund um Bialowieza bietet das kleinräumige Nebeneinander verschiedener Wiesentypen dafür besonders günstige Voraussetzungen. Während der Summer School untersuchten die Studierenden drei Stadien: regelmässig gemähte Wiesen, seit kürzerer Zeit ungenutzte Wiesen und länger aufgegebene Flächen, auf denen bereits Gehölze aufkommen.
Was nach einem überschaubaren Forschungsdesign klingt, bedeutete in der Praxis intensive Feldarbeit auf zahlreichen Untersuchungsflächen. Madoka aus Polen war besonders von der grossen Anzahl dieser sogenannten Plots überrascht. Auf jeder Fläche erfassten die Studierenden systematisch Gefässpflanzen, Moose, Heuschrecken und Kleinsäuger – jede Artengruppe mit den passenden Methoden.
Über 3500 Erfassungen – und viele neue Entdeckungen
Nach einer Woche Feldarbeit konnte sich die Bilanz sehen lassen: Insgesamt dokumentierten die Studierenden 3515 Erfassungen von 384 Arten. Darunter waren 297 Gefässpflanzenarten, 60 Moosarten, 22 Heuschreckenarten und fünf Kleinsäugerarten.
| Gefässpflanzen | Moose | Heuschrecken | Kleinsäuger | Total | |
| Beobachtungen | 1964 | 309 | 1206 | 36 | 3515 |
| Arten | 297 | 60 | 22 | 5 | 384 |
Erfasste Beobachtungen nach Arten: Summer School «Biodiversity Monitoring» 2026




Hinter diesen Zahlen steckt viel Geduld und Artenkenntnis. Gerade bei der Bestimmung bislang unbekannter Pflanzen und Tiere machten die Studierenden grosse Fortschritte. Für Olha aus der Ukraine war die Pflanzenbestimmung zuvor eine besondere Herausforderung.
«Die neu erworbenen Fähigkeiten haben mich motiviert, auch nach meiner Rückkehr im Bereich Biodiversitätsmonitoring weiterzuforschen.»
Olha, Teilnehmerin Summer School «Biodiversity Monitoring» 2026
Von Moosen und anderen Lieblingsfunden
Auch Sarah aus der Schweiz fand in der Feldarbeit genau das, was sie besonders begeistert: Moose.
«Mein persönliches Highlight war, dass ich gemeinsam mit einer Gruppe von anderen Moosbegeisterten Feldarbeit machen und Moosproben sammeln konnte.»
Sarah, Teilnehmerin Summer School «Biodiversity Monitoring» 2026
Dass auch unscheinbare Arten Begeisterung auslösen können, zeigte sich bei den persönlichen Favoriten der Teilnehmenden. Neben der Hänge-Birke (Betula pendula) und dem Hasen-Klee (Trifolium arvense) gehörten auch die Feldmaus (Microtus arvalis) und das Silber-Birnmoos (Bryum argenteum) zu den Lieblingsfunden.

Was die Wiesen über die Artenvielfalt verraten
Doch was bedeuten die zahlreichen Beobachtungen für die ursprüngliche Forschungsfrage? Nimmt die Biodiversität ab, wenn Wiesen nicht mehr bewirtschaftet werden?
Eine abschliessende Antwort steht noch aus. Erste Beobachtungen deuten darauf hin, dass eine langfristige Nutzungsaufgabe mit einem Rückgang der Artenvielfalt einhergehen könnte. Kurzfristig entstehen durch aufkommende Sträucher und andere neue Strukturen jedoch auch Lebensräume, von denen bestimmte Arten profitieren.
Dass sich die Vegetation nicht nur durch die veränderte Bewirtschaftung wandelt, zeigen die wiederholten Erhebungen auf den dauerhaft angelegten Untersuchungsflächen. Überraschenderweise liessen sich bereits 2026, nach nur vier Jahren, statistisch signifikante Veränderungen feststellen: Pflanzenarten, die feuchte Standorte bevorzugen, sind deutlich zurückgegangen. Die vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass die geringen Niederschläge der Vorjahre und eine damit verbundene Austrocknung der Landschaft eine Rolle spielen könnten.
Damit wird deutlich, wie wichtig es ist, die Artenvielfalt über längere Zeit zu beobachten. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Arten auf einer Wiese vorkommen, sondern auch, welche Arten es sind und wie sich ihre Zusammensetzung verändert. Für den Naturschutz könnte ein Mosaik aus unterschiedlich bewirtschafteten und sich natürlich entwickelnden Flächen besonders wertvoll sein. Welche Rolle dabei die Nutzungsaufgabe und die klimatischen Veränderungen jeweils spielen, sollen die weiteren Auswertungen zeigen.
Zwischen Forschungsalltag und internationalem Austausch
Neben der wissenschaftlichen Arbeit prägte die internationale Zusammenarbeit die Summer School. Studierende und Forschende aus verschiedenen Ländern brachten unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven ein – auf den Untersuchungsflächen ebenso wie beim gemeinsamen Kochen und Essen.
Die Tage waren lang und intensiv, doch die kleine Gruppe wuchs rasch zusammen. Henrike aus Österreich war besonders vom hohen Forschungsniveau und davon beeindruckt, wie viel sich in kurzer Zeit erreichen liess. Auch sprachlich nahm sie Neues mit:
«Ich habe meine Fähigkeiten in den Bereichen Artenbestimmung, Forschungsdesign und Statistik sowie mein Wissen über Schweizer Dialekte verbessert.»
Hendrike, Teilnehmerin Summer School «Biodiversity Monitoring» 2026
Für Olha fühlte sich die Gruppe wie eine grosse europäische Familie an. In Erinnerung blieben neben den gemeinsamen Velofahrten zu den Plots auch internationale Kochabende und eine frühmorgendliche Exkursion zu wildlebenden Wisenten. Dafür klingelte der Wecker bereits um 3.40 Uhr – ein früher Start, der sich gelohnt hat.

Von Bialowieza nach Preda: Die Forschung geht weiter
Die Erhebungen in Bialowieza begannen 2022 und fanden 2026 zum dritten Mal statt. Damit werden erste zeitliche Vergleiche möglich – auch wenn vier Jahre wenig sind gegenüber den mehreren Jahrzehnten, die sich mithilfe des Raum-für-Zeit-Ansatzes untersuchen lassen.
Langfristig sollen die dauerhaft angelegten Untersuchungsflächen als Grundlage für weitere Erhebungen dienen. So könnten sich Veränderungen der Artenzusammensetzung nachvollziehen und die Ergebnisse des Raum-für-Zeit-Ansatzes mit tatsächlichen Entwicklungen vergleichen lassen. Zunächst sollen die Daten der drei bisherigen Durchgänge in Bialowieza gemeinsam wissenschaftlich ausgewertet und publiziert werden.
2027 führt die internationale Summer School turnusgemäss wieder nach Preda im bündnerischen Parc Ela. Dort steht die Biodiversität alpiner Lebensräume im Mittelpunkt. Die Landschaft ist eine andere, die wissenschaftliche Herausforderung bleibt: Artenvielfalt erfassen und verstehen, wie sie sich verändert.
Kontakt & Links:
Jürgen Dengler
Pascal Reutimann (Co-Autor)
Marjalena Seipp (Co-Autorin)
Forschungsgruppe Vegetationsökologie,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR
Reports von vergangenen Summer Schools zum Downloaden
Report from the 7th Master «Summer School Biodiversity Monitoring», Preda, Switzerland, 18–29 August 2025
Report from the 6th Master «Summer School Biodiversity Monitoring», Białowieża, Poland, 16–27 August 2024
Report from the 5th Master «Summer School “Biodiversity Monitoring», Preda, Switzerland, 14–25 August 2023
