Im Unterengadin ist Wasser kostbar für die Natur, die Landwirtschaft und den Tourismus. An der 18. Jahrestagung der Bergsteigerdörfer vom 23. bis 25. Oktober 2026 diskutierten 115 Teilnehmende, wie sich die Ressource gemeinsam schützen und verantwortungsvoll nutzen lässt. Die Praxisbeispiele zeigen: Entscheidend ist, Interessen frühzeitig aufeinander abzustimmen.
Ein Trockental, viele Ansprüche an das Wasser
Frisch verschneite Bergspitzen und herbstlich gefärbte Wälder bildeten die Kulisse für die erste internationale Jahrestagung der Bergsteigerdörfer in der Schweiz. Vom 23. bis 25. Oktober 2026 trafen sich Vertreterinnen und Vertreter aus 30 Bergsteigerdörfern in Lavin, Guarda und Ardez. Im Mittelpunkt stand das Thema «Wasser schützen, nutzen und erleben».
Der Tagungsort war bewusst gewählt. Das Unterengadin liegt in einem inneralpinen Trockental, das von vergleichsweise geringen Niederschlägen geprägt ist. Gleichzeitig ist Wasser für die Region unverzichtbar: als Trinkwasser, für die Landwirtschaft und Energiegewinnung, als Lebensraum für Tiere und Pflanzen sowie als Grundlage touristischer Angebote.
Der Klimawandel verändert die Wasserverfügbarkeit und kann bestehende Nutzungskonflikte verschärfen. Umso wichtiger wird die Frage, wie Bergregionen mit dieser begrenzten Ressource umgehen.
Was macht ein Dorf zum Bergsteigerdorf?
Bergsteigerdörfer setzen auf sanften Tourismus statt auf Massentourismus. Unverbaute Landschaften, lebendige Traditionen und naturnahe Erlebnisse wie Wandern, Bergsteigen oder Schneeschuhlaufen stehen im Mittelpunkt. Gleichzeitig sollen die lokale Bevölkerung und regionale Betriebe profitieren.
Die internationale Initiative wurde 2008 in Österreich gegründet und ist ein Umsetzungsprojekt der Alpenkonvention. Wer Bergsteigerdorf werden möchte, muss verbindliche Kriterien erfüllen – etwa eine hohe Natur- und Landschaftsqualität, ein intaktes Ortsbild und eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Heute umfasst das Netzwerk 43 Bergsteigerdörfer in fünf Alpenländern. In der Schweiz gehören St. Antönien, Lavin, Guarda & Ardez, das Valle Onsernone, Campo Vallemaggia und Lauenen dazu. Die drei Unterengadiner Dörfer bilden gemeinsam ein Bergsteigerdorf.
Das Ziel: Die alpine Natur- und Kulturlandschaft bewahren und gleichzeitig Perspektiven für die Menschen vor Ort schaffen. Dazu gehört auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Wasser.

Wasser kennt keine Gemeindegrenzen
Wie anspruchsvoll das sein kann, zeigte das Referat von Arno Kirchen von der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair und Angelika Abderhalden von der Fundaziun Pro Terra Engiadina. Sie stellten das integrale Einzugsgebietsmanagement (IEM) am Inn vor.
Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Wasser hält sich nicht an Gemeinde- oder Landesgrenzen. Was an einem Ort geschieht, kann Auswirkungen auf andere Gebiete haben. Deshalb müssen Wasserressourcen und Gewässer über Gemeindegrenzen und Wirtschaftssektoren hinweg betrachtet werden.
Das sogenannte integrale Einzugsgebietsmanagement bringt die unterschiedlichen Ansprüche zusammen: Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft, Energiegewinnung, Tourismus, Hochwasserschutz und Gewässerökologie. Ziel ist es, Wasser langfristig und nachhaltig zu bewirtschaften, ohne die ökologischen Funktionen der Gewässer zu gefährden.
Dafür braucht es Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Werden verschiedene Nutzungen aufeinander abgestimmt, können auch Synergien entstehen. Eine Wasserleitung könnte beispielsweise im Sommer die Alpwirtschaft versorgen und im Winter für die technische Beschneiung genutzt werden. Ob eine solche Mehrfachnutzung sinnvoll und ökologisch vertretbar ist, muss jedoch im Einzelfall geprüft werden.
Wie wird Wasser zum nachhaltigen touristischen Erlebnis?
Wasser ist nicht nur eine Ressource, die bewirtschaftet werden muss. Es prägt auch die Geschichten, Traditionen und Landschaften einer Region. Darin liegen Möglichkeiten für einen Tourismus, der Naturerlebnisse mit Wissen und Sensibilisierung verbindet.
Wie solche Angebote aussehen könnten, diskutierten die Teilnehmenden im von der ZHAW mitgestalteten Workshop «Wasser für alle – Angebotsentwicklung rund ums Wasser». Gemeinsam entwickelten sie erste Ideen, tauschten Erfahrungen aus ihren Bergsteigerdörfern aus und besprachen mögliche Ansätze zur Umsetzung.
Dabei ging es um mehr als attraktive Ausflugsziele. Wie lassen sich die natürlichen und kulturellen Besonderheiten des Wassers vermitteln? Wie können Gäste für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource sensibilisiert werden? Und wie entstehen Angebote, von denen auch die lokale Bevölkerung und regionale Betriebe profitieren?
Weitere Workshops und Fachreferate widmeten sich der gerechten Verteilung von Wasser, dem Wassersparen in touristischen Betrieben und der Trinkwasserversorgung. Auch die Mineralwasserquellen des Unterengadins und ihre touristische Bedeutung waren Thema.
Der Austausch zeigte: Viele Bergsteigerdörfer stehen vor ähnlichen Herausforderungen, auch wenn ihre geografischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen unterschiedlich sind. Umso wertvoller ist es, Erfahrungen und Lösungsansätze über die eigenen Dorfgrenzen hinaus zu teilen.
Von Berghütten, lebendigen Quellen und historischen Dorfbrunnen
Wie vielfältig die Bedeutung des Wassers ist, wurde am zweiten Tag der Jahrestagung sichtbar. Auf Exkursionen rund um Guarda und Ardez beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Wasserversorgung von Berghütten, lebendigen Quellen, der Renaturierung von Flachmooren und den geologischen Besonderheiten des Unterengadins.
Dabei zeigte sich, wie eng Wasser mit der Natur- und Kulturlandschaft verbunden ist. Historische Dorfbrunnen beispielsweise dienten nicht nur der Wasserversorgung. Sie waren und sind Orte der Begegnung und erzählen von der Geschichte und dem Alltag der Menschen.
Solche Besonderheiten bieten Anknüpfungspunkte für touristische Angebote, die Wissen vermitteln und regionale Identität sichtbar machen. Entscheidend ist allerdings, dass die Erlebnisse nicht zulasten der Natur gehen.
Wasser ist schliesslich weit mehr als eine touristische Attraktion. Es ist Lebensgrundlage, Lebensraum und Kulturgut. Nachhaltige Angebote müssen deshalb sowohl den Schutz der Ressource als auch die Bedürfnisse der Einheimischen berücksichtigen.

Wie die ZHAW die Bergsteigerdörfer begleitet
Die Forschungsgruppe Tourismus und Nachhaltige Entwicklung des ZHAW-Instituts für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR) begleitet die Bergsteigerdörfer Schweiz seit mehreren Jahren. Bereits bei der Auszeichnung der ersten Schweizer Bergsteigerdörfer war sie beteiligt.
Heute unterstützt die Forschungsgruppe das Netzwerk bei Fragen der nachhaltigen Tourismus- und Regionalentwicklung. Im Mittelpunkt stehen natur- und kulturnahe Angebote, regionale Wertschöpfung, Qualität und die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Tourismusorganisationen und weiteren lokalen Akteurinnen und Akteuren.
Auch Studierende sind eingebunden. In Bachelor- und Masterarbeiten bearbeiten sie konkrete Fragestellungen aus den Bergsteigerdörfern und entwickeln wissenschaftlich fundierte Grundlagen und Handlungsempfehlungen. So gelangen neue Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis – und Erfahrungen aus den Bergregionen zurück in die Lehre.
An der diesjährigen Jahrestagung war die ZHAW Teil des Organisationskomitees, entwickelte fachliche Inhalte mit und brachte ihre Expertise in der nachhaltigen touristischen Angebotsentwicklung ein. Geleitet wurde das Organisationskomitee von der Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG. Ebenfalls vertreten waren die Gemeinden Scuol und Zernez sowie der Schweizer Alpen-Club SAC, der das Projekt Bergsteigerdörfer Schweiz koordiniert.
Die Schweizer Projektphase 2024–2027 wird durch das Bundesprogramm Innotour, den Kanton Graubünden, den Kanton Bern, die Regionalentwicklung Locarno und Vallemaggia sowie durch die beteiligten Dörfer und den SAC finanziert.
«Gehört das Wasser daheim wirklich mir?»
Diese Frage hielten Teilnehmende während der Tagung im «Fluss der Gedanken» fest – einer Sammlung von Fragen, Ideen und Erkenntnissen.
Sie bringt eine zentrale Herausforderung auf den Punkt: Wasser verbindet Menschen, Regionen und Generationen. Doch seine Verfügbarkeit verändert sich, ebenso wie die Ansprüche an seine Nutzung.
Die Jahrestagung lieferte keine einfachen Antworten. Sie machte jedoch deutlich, wie wichtig es ist, unterschiedliche Interessen frühzeitig zusammenzubringen, voneinander zu lernen und Lösungen gemeinsam zu entwickeln.
Für die Bergsteigerdörfer bedeutet das, ihren Anspruch an einen naturverträglichen Tourismus auch im Umgang mit Wasser einzulösen. Denn die Zukunft der alpinen Regionen hängt nicht allein davon ab, wie sie ihre natürlichen Ressourcen nutzen, sondern auch davon, wie sorgfältig sie diese bewahren.
Kontakt & Links:
Simone Gruber (Autorin)
Forschungsbereich Tourismus und Nachhaltige Entwicklung,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR
Weitere Infos
Bergsteigerdörfer und Jahrestagung
- Internationale Initiative Bergsteigerdörfer
- 18. Jahrestagung der Bergsteigerdörfer 2026 in Lavin, Guarda und Ardez
- Schweizer Bergsteigerdörfer – Schweizer Alpen-Club SAC
- Medienmitteilung: Erstmals Jahrestagung der Bergsteigerdörfer in der Schweiz
Forschung und Projekte der ZHAW
- ZHAW-Forschungsprojekt Bergsteigerdörfer Schweiz
- ZHAW: Erste Bergsteigerdörfer in der Schweiz (2022)
- ZHAW: Campo Vallemaggia wird offizielles Bergsteigerdorf (2025)
- ZHAW-Forschungsbereich Tourismus und Nachhaltige Entwicklung
- ZHAW: Bachelorstudium Umweltingenieurwesen
Wassermanagement und Klimawandel
- Bundesamt für Umwelt: Integrales Einzugsgebietsmanagement
- Bundesamt für Umwelt: Trockenheit – die Schweiz muss ihr Wassermanagement stärken (2026)