Digitalisierung

«Wichtig ist es, eine didaktische Idee zu haben»

Beitrag von Abraham Gillis

Am 1. August 2017 hat Lisa Messenzehl die Leitung der Fachgruppe Blended Learning im Ressort Lehre von Urban Lim übernommen. Von 2010 bis 2017 war Urban Lim in der Fachgruppe Blended Learning tätig – seit 2014 als Leiter. In einem Rückblick resümiert er die Entwicklung des Themas E-Learning an der ZHAW von eher technisch geprägten Plattformen zum didaktischen Blended Learning.

Als du 2010 an der ZHAW angefangen hast, war E-Learning damals schon ein Thema?

Es gab bereits eine Gruppe E-Learning und auch die Plattform Moodle existierte. Nur hatte E-Learning damals einen sehr technischen Fokus. Es ging mehr darum, den Dozierenden zu zeigen, was sie mit Moodle praktisch anfangen können.

Wie waren damals die Studierenden involviert?

Die Studierenden standen weniger im Fokus. Sie haben genutzt, was die Dozierenden auf Moodle zur Verfügung stellten: Skripts oder Termine. E-Learning war mehr eine organisatorische Erleichterung für die Dozierenden. Es gab wenig Interaktion und mehr statischen Content.

Wann hat sich dies verändert?

Uns wurde schnell klar, dass eine didaktische Unterstützung gefragt ist. Die Frage, die sich stellte, war: Was ist überhaupt das Anliegen eines bestimmten Bildungsangebotes? Es ging darum, neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Das kann bedeuten, gewisse Informationen als Film einzubetten und dann Fragen dazu zu stellen. Damit lässt sich ein Mehrwert erzeugen.

Verändert das den Unterricht stark?

Das kommt darauf an, was ein Dozierender damit macht. Uns interessierte vor allem, wie Aktivitäten auf dieser Plattform klug verpackt werden können. Eine andere Möglichkeit ist zum Beispiel, als Vorbereitung zwei bis drei Fragen zum kommenden Stoff bereitzustellen.

Das tönt nach Flipped Classroom.

Das kann ein Teil davon sein, ja. Im Allgemeinen geht es darum, virtuelle und physische Teile klug miteinander zu verknüpfen. Damit haben wir dann ein Blended-Learning-Szenario.

Kann man sagen, dass die beiden Begriffe E-Learning und Blended Learning diese Veränderung vom Technischen zum Didaktischen reflektieren?

Die Hoffnung des E-Learning war es, Geld zu sparen. Unternehmen wollten damit zum Beispiel Personalkosten sparen. Das hat nicht funktioniert. Dann kam mit Blended Learning ein anderer Ansatz und dieser verbindet das Beste der beiden Welten.

Die ZHAW hat ganz verschiedene Departemente und Themen. Ist E-Learning für alle gleichermassen geeignet?

Für mich ist es nicht zwingend nötig, Virtuelles einzubauen, wenn es keinen Sinn macht. Es ist aber umgekehrt auch nicht nötig, Präsenzveranstaltungen durchzuführen, wenn es virtuell mehr Sinn macht. Das ist eine grundlegende Überlegung, welche zuerst gemacht werden muss: Was ist das beste Mittel für meinen Zweck? Und dann sind wir bei Blended Learning.

Gibt es Departemente, wo Virtuelles besser funktioniert?

Das kann ich so pauschal nicht sagen. Wir haben einen ZHAW-weiten «Leitfaden Blended Learning» erarbeitet, der den Departementen hilft, ihre eigenen Bedürfnisse besser abschätzen zu können. Der Leitfaden hilft, die didaktischen und organisatorischen Fragestellungen zu beantworten und daraus ein Szenario zu erarbeiten.

Kommt es auch auf den Charakter der Lehrperson an, wieviel Virtuelles im Unterricht stattfinden soll?

Sehr sogar. Es gibt Lehrpersonen, die können sehr gut erzählen und in Bildern sprechen. Wenn diese zu E-Learning gezwungen würden, dann ginge etwas verloren. Darum plädiere ich dafür, zuallererst zu überlegen, was zu einem passt.

Ein Vorwurf ist, dass beim E-Learning die sozialen Kompetenzen zu kurz kommen. Was sagst du dazu?

Es ist klar, dass beispielsweise Onlineprüfungen nicht für alles adäquat sind. Sozialkompetenz kann nicht mit einer Multiple-Choice-Prüfung getestet werden.

Wie könnte diese getestet werden?

Zum Beispiel, indem eine Gruppe gefilmt und die Aufnahme dann beurteilt wird. Oder ein Setting so gestaltet wird, dass Gruppen von verschiedenen Arbeitsplätzen aus zusammenarbeiten und dabei die Interaktionen und die Arbeitsweise beurteilt werden.

Hat die technische Veränderung den Unterricht verändert oder umgekehrt?

Technik verändert eigentlich immer auch das Verhalten. Beim E-Learning ist es aber eher so, dass die neuen Möglichkeiten anfangs nicht zielgerichtet ausprobiert wurden. Das ist nicht nachhaltig, denn der Neuigkeitseffekt verpufft schnell wieder. Wichtig ist es darum, zuerst eine gute didaktische Idee zu haben. Wenn diese Idee vorhanden ist und die Technik richtig eingesetzt wird, dann wird es ein Erfolg. Wenn nur auf Technik gesetzt wird, das Konzept aber didaktisch nicht schlau ist, dann wird der Unterricht nicht funktionieren.

Führen diese Veränderungen zu anderen didaktischen Vorgehensweisen als noch vor zehn Jahren?

Auf jeden Fall. Digitale Medien sind nicht nur repräsentativ, sondern auch Werkzeuge um miteinander kooperativ zu arbeiten oder über den Raum hinweg arbeiten zu können. Vorher hat man immer den physischen Raum gebraucht.

Gibt es auch Herausforderungen im Bereich Blended Learning?

Die Digitalisierung hat auch etwas Disruptives. Und so wie wir an der ZHAW mit unseren Organisationseinheiten aufgestellt sind, sind wir dafür noch zu wenig bereit. Wir haben fachliche und technische Owner als separate Einheiten, welche auch von der Haltung und Kultur her ganz anders sind. Nehmen wir das Beispiel E-Assessment, also Onlineprüfungen. Wenn jemand an der ZHAW eine solche organisieren möchte, braucht es IT, Facility Management, fachliche Betreuung, Dozierende und je nachdem den Rechtsdienst. Das ist mit der klassischen Organisationsstruktur eine grosse Herausforderung.

Siehst du weitere Herausforderungen bei der sich rasant verändernden technischen Landschaft?

Eine weitere Herausforderung, die ich sehe, ist das Thema Lizenzen. Praktisch alles, was wir an der Hochschule vermitteln, ist im Netz bereits vorhanden. Trotzdem müssen unsere Dozierenden ihr Material immer wieder von Neuem aufbauen. Hier liegt ein grosses Potenzial, das aus rechtlichen Gründen nicht genutzt werden darf. Es gibt zwar schon sogenannte Creative Commons Lizenzen, doch viele der heutigen Lizenzen beziehen sich auf geschlossene Klassen. Diese Klasseneinheit fällt immer mehr weg. Es wäre gut, wenn Material in Zukunft schnell und ohne lange Abklärungen verwendet werden könnte, sonst ist das ein Innovationsdämpfer.

Wären bei grösseren Klassen nicht auch Onlinevorlesungen wie MOOCs ein Thema?

Heute sind die Studierenden nur während dem Studium berechtigt, auf Lernplattformen wie Moodle zuzugreifen. Es sind Überlegungen im Gange, wie weitere Personen wie z. B. Expertinnen oder Experten aus der Praxis beigzogen werden können, die nicht Angehörige der ZHAW sind. Dazu braucht es Plattformen, auf denen auch öffentliche Online-Veranstaltungen wie MOOCs stattfinden können. Darum hat die ZHAW beschlossen, den SwissMOOC-Service, welchen Swissuniversities in ihrem P-5-Programm fördert, auf Pilotbasis selbst zu testen. Damit sind die Weichen gestellt, zukünftige Szenarien als Pilot zu testen und die Erfahrungen daraus für die ganze Hochschule nutzbar zu machen.

 

 

 

Nach langjähriger Tätigkeit an der ZHAW im Bereich E-Learning und Leitung der Fachgruppe Blended Learning hat Urban Lim die Hochschule im Sommer 2017 verlassen, um sich als Dozent für Medien und Informatik an der PH Zug neuen Aufgaben zu widmen.

 

Foto: Urban Lim

Beitrag von Abraham Gillis

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