Digitalisierung

Rückblick Persönlichkeitstagung: Lehren und Lernen nah am Menschen

Beitrag von Daniela Lozza

Eine Besucherin interagiert im Immersive Lab mit der touch-sensitiven audiovisuellen Installation. Foto: ZHAW

Am 4. Juli 2018 drehte sich an der 8. Persönlichkeitstagung der ZHAW im Toni Areal in Zürich alles um das Thema «menschliche Beziehungen im digitalen Zeitalter». Die Wortwahl im Titel der Tagung: «Digital menschlich. Vom Beziehungsaufbau in der Bildung trotz und dank technischer Kommunikationsmittel» suggerierte, dass die ZHAW der Digitalisierung in der Bildung zwar mit Skepsis, aber auch mit etwas Opportunismus entgegenblickt. Den Einstieg machten drei Keynotes, die über den aktuellen Stand der Dinge in der Forschung und in der Praxis berichteten. Anschliessend konnten sich die Teilnehmenden in den zahlreichen Workshops und Diskussionsforen in einzelne Themen vertiefen und sich über aktuelle Entwicklungen austauschen.

Bei der Eröffnung der Tagung riet der Rektor Jean-Marc Piveteau den Teilnehmenden, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, statt die Innovationen der Zukunft zu antizipieren. In einem Umfeld, in dem technologische Innovationen den Takt der Veränderung angeben, müsse man dabei allerdings aufpassen, dass die Gegenwart nicht plötzlich zur Vergangenheit werde.

E-Mails kommunizieren auch zwischen den Zeilen

Dr. Miriam Hansen von der Goethe-Universität Frankfurt Main erforscht den Einfluss der netzbasierten Kommunikation auf die Lehrenden-Lernenden-Beziehung an Hochschulen. Dass Forschung in diesem Bereich wichtig ist, zeigte sie mit einer Meta-Analyse von Cornelius-White (2007) auf. Diese deutet darauf hin, dass eine positive Beziehung das erfolgreiche Lernen fördern kann. 

Unter anderem hat Dr. Hansen untersucht, welche Wirkung Kommunikation via E-Mail auf die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden hat. Obwohl die Ergebnisse ihrer Studie sehr interessant sind, zeigt ihre Arbeit auch auf, wie anspruchsvoll es ist, in der Forschung mit der technologischen Innovation Schritt zu halten. Schaut man sich z. B. die letzte James Studie (2016) an, deutet vieles darauf hin, dass Soziale Netzwerke und Instant Messaging die Kommunikation via E-Mail immer mehr ablösen.  

Dr. Hansen wies darauf hin, dass bei der E-Mail-Kommunikation zwar viele nonverbale Hinweisreize wegfallen, die Lehrpersonen dafür aber besser zugänglich sind, weil traditionelle hierarchische Strukturen umgangen werden. Interessant ist auch, dass schriftliche Kommunikation von vielen Teilnehmenden als höflicher wahrgenommen wird als z. B. die Kommunikation via Voicemail. Lehrpersonen, welche in ihren E-Mails einen umgangssprachlichen Kommunikationsstil nutzten wurden von den Lernenden als verständnisvoller und gewissenhafter eingeschätzt, aber auch als etwas weniger wissend taxiert. Lehrpersonen können also die Wirkung ihrer E-Mails durch den Schreibstil bewusst steuern.

Dr. Miriam Hansen, Interdisziplinäres Kolleg Hochschuldidaktik der Goethe-Universität Frankfurt

Auch wenn in der digitalen Kommunikation viele nonverbale Hinweisreize fehlen, zeigte Dr. Hansens Vortrag auf, dass Paul Watzlawicks erster Grundsatz der menschlichen Kommunikation auch im digitalen Zeitalter zutrifft: Man kann nicht nicht kommunizieren. So hatte in einer Studie beispielsweise der Schreibstil der E-Mails einen Einfluss darauf, wie die Lehrpersonen die Persönlichkeit der Studierenden einschätzten. Auch kulturelle Unterschiede spielen eine wichtige Rolle: Ausschweifende E-Mails, die sich vieler Floskeln bedienten, wurden von Lehrpersonen akzeptiert, wenn sie von asiatischen Studierenden versendet wurden, nicht aber, wenn sie von deutschen Studierenden kamen, da von diesen ein direkterer Schreibstil erwartet wurde.

Für mich stellt sich dabei die Frage, was passiert, wenn die Kommunikation mit unseren Studierenden immer mehr durch «Teacher-Bots» und intelligente tutorielle Systeme automatisiert wird. Kann künstliche Intelligenz emotional intelligent kommunizieren und z. B. den kulturellen Hintergrund der Lernenden berücksichtigen? Und droht dabei nicht etwas die Gefahr, dass wir unsere Lernenden stereotypisieren? Hier wird einmal mehr klar, dass bei der Entwicklung solcher Systeme nicht nur technische, sondern auch emotionale, kulturelle und ethische Expertise miteinbezogen werden sollte.

Natürlich könnte man nun sagen, dass die Kommunikation mit den Lernenden ganz in den Händen der Lehrpersonen bleiben sollte. Allerdings wies Toni Ritz von educa darauf hin, dass alles, was digitalisiert werden kann auch digitalisiert werden wird. Zudem fand Dr. Hansen heraus, dass die visuelle Präsenz einer Lehrperson und die Unmittelbarkeit der Rückmeldung in virtuellen Lernumgebungen für die Motivation der Lernenden sehr wichtig ist. Aus dieser Perspektive betrachtet haben intelligente tutorielle Systeme klare Vorteile: Ein «Teacher-Bot» hat unendlich viel Geduld und ist immer anwesend. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Studien zur sog. «Transactional Presence» im virtuellen Raum (z. B. Shin (2010)).

Toni Ritz, Direktor Fachstelle für ICT und Bildung der Kantone und des Bundes

Der Bildung fehlt der Antrieb für einen Wandel

Toni Ritz zeigte in seinem Vortrag die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für das Bildungssystem auf. Dabei wurde manchmal auch der – zurzeit allgegenwärtige – Aktionismus im Bereich der Digitalisierung sichtbar. Allerdings hat Herr Ritz auch klar erkannt, wo die grösste Herausforderung liegt: Den Schulen fehle der Antrieb für den Wandel hin zu einer offeneren, durchlässigeren und digitaleren Bildungslandschaft, weil das aktuelle dezentrale, analoge Schulsystem grundsätzlich gut funktioniere. Ich bin daher gespannt, welche Pläne educa in den nächsten Jahren umsetzen wird. Digitale Identitäten, ein gemeinsamer Datenraum, smarte Portfolios, durchlässigere Schulstrukturen und die Vermittlung wichtiger neuer Kompetenzen und Werte klingen vielversprechend. Fraglich und kritisch bleibt für mich, wie rasch die Lehrpersonen flächendeckend für solche Innovationen gewonnen werden können.

Distanz als positives Prinzip in der psychologischen Online-Beratung

Geradezu vorbildlich im Hinblick auf die Innovationsfreudigkeit zeigen sich da die Psychologen. Prof. Hansjörg Künzli vom ZHAW Departement für Angewandte Psychologie gewährte uns einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge im Bereich der Online-Beratung.

Zahlreiche Studien haben offenbar belegt, dass die psychologische Face-to-Face und die Online-Beratung praktisch dieselbe Wirkung erzielen: Ich war überrascht, wie hoch die Akzeptanz der Online-Beratung ist. So bieten z. B. in den Niederlanden bereits 70% der Institutionen kombinierte Therapien an. Sehr im Trend ist zurzeit die angeleitete Selbsthilfe, die mit einer minimalen menschlichen Intervention auskommt. Diese Praxis schneidet leicht schlechter ab als die oben erwähnten Angebote; die Unterschiede scheinen allerdings nicht frappant. Nicht so gut abgeschnitten hat hingegen die noch eher junge Disziplin der ungeleiteten Selbsthilfe. Hier werden z. B. Apps genutzt, um Patientinnen und Patienten beim Selbstmanagement von Schmerzen zu unterstützen.

Der virtuelle Raum bietet in der psychologischen Beratung nicht nur praktische Vorteile, wie etwa das Wegfallen von Reisezeiten. Ähnlich wie bei der E-Mail-Kommunikation kann die Online-Beratung Statusdifferenzen mindern. Zudem sind im Netz weniger Hürden für die Selbstoffenbarung gegeben, insbesondere wenn die Beratung anonym erfolgt. Auch der Beziehungsaufbau geht offenbar digital schneller von statten. Prof. Künzli sieht in der Online-Beratung auch den Vorteil, dass die Aufmerksamkeit der Beteiligten nicht durch äussere Faktoren wie z. B. Aussehen, Geruch, Auftreten usw. beeinträchtigt wird. Zudem können sich die Beteiligten im virtuellen Raum bei Bedarf einfacher zurückziehen.

Prof. Hansjörg Künzli, ZHAW-Departement Angewandte Psychologie

Prof. Künzli sieht die Zukunft der psychologischen Online-Beratung vor allem in Angeboten, bei denen neue Technologien wie Virtual und Augmented Reality sowie Selbstmonitoring, Sensortechnik und Artificial Intelligence in bereits bestehende Therapielösungen integriert werden. Der Immersionsgrad kann dadurch besser gesteuert werden und die Patientinnen und Patienten werden z. B. in der virtuellen Welt sehr realistisch in die «Haut» einer Drittperson schlüpfen können. Bis es soweit ist, gibt es aber noch viele finanzielle, organisatorische und rechtliche Fragen zu klären. Mir scheint allerdings, als hätte die Psychologie es geschafft, Distanz nicht als Defizit, sondern als positives Konzept zu verstehen – eine nützliche Perspektive, die in der Lehre noch nicht so breit vertreten ist.

Workshops

Am Nachmittag fanden diverse Workshops statt, in denen ich unter anderem das Immersive Lab der ZHdK besuchen durfte. In dieser touch-sensitiven, audiovisuellen Installation können die Besucher über die Leinwände mit der digitalen Welt interagieren. Studierende der ZHdK lernen hier audiovisuelle touchbasierte Anwendungen zu programmieren und können das Programmierte anschliessend selber erleben, was offenbar einen positiven Effekt auf ihre Motivation hat. Mir gefiel der Ansatz des Immersive Lab sehr, weil er den Studierenden einen kreativen, multimodalen Zugang zum Programmieren bietet.

Im zweiten Workshop ging es um die Bedeutung von MOOCs an der ZHAW. Die ZHAW beteiligt sich an der Pilotphase einer hochschulübergreifenden Swiss MOOC Plattform, die auf OpenEdX basiert (der vorherige Beitrag auf diesem Blog enthält weiterführende Informationen zum Projekt). Chancen sah man vor allem beim Wissenstransfer und der Zugänglichkeit solcher Angebote. Kostenlose MOOCs könnten z. B. als Einstieg im Rahmen eines Vorkurses zu einem Thema angeboten werden oder als Teaser für kostenpflichtige Angebote mit vertieftem Inhalt genutzt werden.

MOOCs könnten sich im Sinne der «Internationalisation at Home» auch als Währung zwischen den Hochschulen etablieren. So könnten Studierende durch die Teilnahme an MOOCs ECTS-Credits an anderen Holschulden erwerben, die dann von der ZHAW ans Studium angerechnet werden. Diese Idee förderte aber auch rasch viele Fragezeichen und Herausforderungen zu Tage: So z. B. die Frage nach den Leistungsnachweisen und der Anrechnung an die formalen Qualifikationen.

Auch Finanzierung, Qualität, sowie didaktische Ansätze von MOOCs wurden rege diskutiert. Spannend fand ich die Diskussion rund um das Potenzial von konnektivistisch orientierten MOOCs. Aus meiner Sicht bergen diese sogenannten c-MOOCs viel Innovationspotenzial für die Lehre, da sie eine Möglichkeit bieten, aus den traditionellen Rollenbildern auszubrechen. In einem c-MOOC sind alle Teilnehmenden aufgerufen ihre Expertise und Perspektiven zu teilen, oft geschieht dies in Form von Blogbeiträgen. Dadurch wird vorhandenes Wissen durch die Teilnehmenden zugänglich gemacht, diversifiziert und diskutiert statt nur vermittelt.

Hier sehen Sie einige Tagungsimpressionen aus Workshops und Diskussionsforen:

Wohin geht die digitale Reise?

MOOCs sind mittlerweile kein exotischer Hype mehr und die ZHAW ist auf dem Gebiet keine Pionierin, die Vorarbeit haben andere geleistet. Die Swiss MOOC Plattform steht ab Herbst zur Verfügung, dann wird sich zeigen, wie sehr die ZHAW gewillt ist, sich auf diesen noch etwas ungewissen Weg zu begeben. Überhaupt dürfen wir gespannt sein, wohin die ZHAW die Lehre und Weiterbildung mit der angekündigten Strategie «Bildung und Digitale Transformation» steuern wird.

Das Motto der Persönlichkeitstagung «Lehren und Lernen nah am Menschen» dürfte in Anbetracht der technologischen Innovationen in der Bildung auch in Zukunft ein sehr aktuelles Thema bleiben. Es ist für uns als Hochschule wichtiger denn je, die komplexen Lehr- und Lernbeziehungen zwischen den Menschen, aber auch zwischen Menschen und Maschinen weiter zu erforschen und dabei nicht nur neue Entwicklungen, sondern auch bestehende Konzepte kritisch zu hinterfragen.

Die Präsentationen der Tagungs-Keynotes finden Sie hier.

Beitrag von Daniela Lozza

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