Digitalisierung

Mehr als MOOCs: Das Projekt Swiss MOOC Service lanciert eine Plattform für Online-Kurse

Beitrag: Lisa Messenzehl

Foto: ZHAW

Ein bisschen spät, könnte man zunächst meinen: Fünf Jahre nachdem die Euphorie um MOOCs ihren Höhepunkt erreicht hat, rufen Schweizer Hochschulen eine Swiss MOOC Plattform ins Leben. Doch erstens befinden sich MOOCs im Wandel, zweitens sind heute neue digitale Kurs- und Abschlussformate in Lehre und Weiterbildung gefragt. Die ZHAW beteiligt sich am Pilot der neuen Plattform, die vielseitige Potenziale für die Hochschule mit sich bringt.

MOOCs: Vom Höhenflug zur ersten Ernüchterung

Im den Jahren 2009-2011 machten renommierte US-amerikanische Hochschulen die ersten MOOCs, Massive Open Online Courses. Damit gewährten sie Menschen weltweit freien Zugang zu themenspezifischer Wissensvermittlung in Online-Kursen, die meist durch aufwändig produzierte Videos angereichert wurden. Während diese erleichterte Zugänglichkeit von den einen als Demokratisierung der Bildung durch das Internet gefeiert wurde, fühlten sich gerade die amerikanischen Hochschulen mit sehr hohen Studiengebühren dadurch unter Druck gesetzt. Mit Coursera, edX und Udacity entstanden Plattformen, welche MOOCs technisch und organisatorisch bewirtschaften und darauf die Kursinhalte von Partneruniversitäten gratis anbieten. Das Geschäftsmodell bestand vordergründig im Verkauf von Kurszertifikaten, während im Hintergrund die Daten der registrierten Lernenden als attraktives Gut für Rekrutierungsunternehmen genutzt wurden. Die New York Times erkor das Jahr 2012 zum «year of the MOOC». Doch die Statistik begann in den darauffolgenden Jahren erst einmal zu desillusionieren: Menschen aus einkommensschwachen Ländern nutzten die kostenlosen Online-Kurse weit weniger als erhofft, und gerade im europäischen Raum führte der intransparente Umgang mit Nutzerdaten zu starker Kritik. Auf mediendidaktischer Ebene deuteten die hohen Abbruchquoten der vorlesungsähnlichen xMOOCs – «x» steht für extension – auf mangelnde Interaktion unter den Lernenden hin.

cMOOCs, bMOOCs und SPOCs

In Folge der mediendidaktischen Kritik an MOOCs kreierten die anbietenden Hochschulen neue Formate. Für bessere Lerneffekte sollten cMOOCs sorgen, wobei das «c» für constructivism bzw. connectivism steht: die Lernenden nehmen eine aktivere Rolle in den Online-Kursen ein. bMOOCs werden im Sinne von blended mit Präsenzunterricht verknüpft, das digitale Lehren und Lernen verbindet in diesem Setting unterschiedliche Teilnehmerkreise. Wie stark sich die einzelnen Kriterien dehnen lassen, zeigen die sogenannten SPOCs, die als Small Private Online Courses genau genommen einer Abkehr vom ursprünglichen MOOC-Konzept gleichkommen, da sie weder massive noch open sind: Längst sind viele Online-Kurse nicht mehr kostenlos. Die Entwicklung hin zu eingeschränkteren, kleineren MOOC-Formaten vollzog sich im Wechselspiel mit den kommerziellen Plattformen, welche heute zunehmend restriktiver operieren.

Tendenz steigend

Egal wie man über die Entwicklung von MOOCs und ihren Varianten in den vergangenen zehn Jahren urteilen mag: Fakt ist, dass Online-Kurse und entsprechende Plattformen für Hochschulen kontinuierlich an Bedeutung gewinnen. Mehr als 500 Universitäten weltweit bieten heute MOOCs an, Tendenz steigend. Die ortsunabhängige Online-Bildung erschliesst nicht nur neue Märkte, sondern der steigende Konkurrenzkampf unter den Anbietern führt mit einer stärkeren Gewichtung der betrieblichen Bildung zu einem Wandel von Geschäftsmodellen  oder, wie im Falle der deutschen Plattform iversity, zur Insolvenz. Gleichzeitig bewirken diese Veränderungen, dass sich die Hochschulen mit den Chancen und Risiken von digitaler, z. T. frei zugänglicher Lehre auseinandersetzen. Sie erreichen über digitale Bildungsangebote neue Zielgruppen, möchten ihren öffentlichen Bildungsauftrag jenseits der eigenen Studierenden wahrnehmen und gleichzeitig ihre Sichtbarkeit steigern. Nicht zuletzt wird die Entwicklung auch durch die Nachfrage gesteuert: Gemäss einer Befragung des BFS hat sich die Inanspruchnahme von Online-Kursen in der Schweiz seit 2010 verdreifacht.

Swiss MOOC Service: OpenEdX Plattform für die ZHAW

Vor diesem ambivalenten Hintergrund ist auch die Idee zu verstehen, eine Plattform für Schweizer MOOCs zu schaffen. Während Lernplattformen bisher mehrheitlich von den Hochschulen selbst verwaltet werden, wird mit dem Swiss MOOC Service erstmals eine hochschulübergreifende Plattform lanciert. Der Swiss MOOC Service ist ein gemeinsames Projekt von mehreren Schweizer Hochschulen unter dem Lead der EPFL und wird im Rahmen des Programms CUS P-5 Projekt von Swissuniversities finanziert. Das Projekt sieht den Aufbau und den Betrieb einer MOOC-Plattform vor, welche auf der Open Source Technologie OpenEdX basiert. Auf der Plattform können grundsätzlich offene oder zugangsbeschränkte, kostenlose oder kostenpflichtige Kurse angeboten werden. Die ZHAW beteiligt sich als Beta-Tester-Hochschule und wird die Plattform in der zweijährigen Pilotphase erproben. Interessierte Lernende können sich selbst auf der Plattform registrieren und in Kurse einschreiben. Ebenfalls ist eine curriculare Einbindung von Online-Kursen möglich, da aufgrund der Datenschutzkonformität der Plattform eine Verknüpfung mit der traditionellen Hochschullehre ermöglicht wird. Der Begriff MOOC tritt dabei in den Hintergrund und ist in Hinblick auf die Plattform als Sammelbegriff für verschiedene Formate von Online-Kursen zu verstehen, die eine grössere gestalterische Flexibilität aufweisen als Kurse auf der Lernplattform Moodle. Informationen zum Swiss MOOC Service befinden sich auf der Projektseite, für Mitarbeitende der ZHAW wird eine interne Seite aufgebaut.

Beitrag: Lisa Messenzehl

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