Sprache, Kultur, Stereotype: Integration beginnt im Kopf

Warum sollten angehende Fachpersonen im Bereich Sprachliche Integration sich intensiv mit Kultur, Stereotypen und gesellschaftlicher Vielfalt auseinandersetzen? Weil sie Lernprozesse gestalten, die weit über Grammatik und Wortschatz hinausgehen.

Autorin: Serap Bulut

Wer Menschen beim Deutschlernen begleitet, leistet einen wichtigen Beitrag zu Orientierung, Teilhabe und gegenseitigem Verstehen. Genau hier setzt der Bachelorstudiengang Sprachliche Integration an: Er fördert die Verbindung von sprachlicher Bildung, kultureller Reflexion und gesellschaftlicher Sensibilität – Kompetenzen, die in unserer Gesellschaft unverzichtbar sind.

Unter anderem sichtbar wird dies im Modul «Kulturwissenschaftliche Ansätze und ihre Didaktik», in dem die Studierenden lernen, wie sie Deutschlernende in einer vielfältigen Gesellschaft kompetent, sensibel und reflektiert begleiten können. Zentrale Impulse lieferte dabei Gastreferent Claus Altmayer, emeritierter Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache mit Schwerpunkt Kulturstudien.

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Wie Sprachunterricht kulturelle Orientierung fördert: Einblicke aus dem Gastvortrag von Claus Altmayer.

Globale Perspektive: Warum Menschen heute Deutsch lernen

Obwohl die Nachfrage nach der deutschen Sprache stabil geblieben ist, haben sich die Motive dafür verschoben: Berufliche Chancen stehen zunehmend im Vordergrund. Gesellschaften werden älter, Fachkräfte fehlen – Deutschkenntnisse öffnen hier die Türen zu Ausbildungen und zum Arbeitsmarkt.

Für Studierende bedeutet das: Sie müssen lernen, unterschiedliche Motivationen und Lebenssituationen der Deutschlernenden zu verstehen und ihren Unterricht darauf abzustimmen. Deutschlernende entwickeln so Handlungsfähigkeit im Beruf, im Alltag und im gesellschaftlichen Leben. Altmayer betont: «Wir sprechen von der Notwendigkeit der Fachkräftezuwanderung. Das ist eine der grössten Herausforderungen, mit denen wir zu tun haben, und die wird sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen.»

Integration ist mehr als Sprache

Deutschlernen bedeutet dabei nicht nur Grammatik und Wortschatz. Wer in der Schweiz oder in anderen deutschsprachigen Ländern erfolgreich Fuss fassen will, braucht nicht nur Sprachkompetenz, sondern auch kulturelle Orientierung und Sensibilität. Das reicht vom Zugang zu gesellschaftlichen Angeboten über den Arbeits- und Wohnungsmarkt bis hin zu alltäglichen Situationen wie dem Ausfüllen von Formularen oder Gesprächen im Café.

«Integration wird oft als Grammatik-Frage verstanden –
doch neben dem Wortschatz braucht es auch kulturelle Skills.»

Claus Altmayer

Für angehende Lehrpersonen stellt sich deshalb die Frage: Wie kann Sprachunterricht gestaltet werden, der sprachliche Kompetenzen vermittelt und zugleich kulturelle Orientierung ermöglicht? Genau hier setzt Claus Altmayer an: «Unterricht ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern Begegnung und Raum, um die eigene Sicht auf die Welt zu erweitern. Es geht darum, sprachliche Handlungen sicher zu meistern und sich gleichzeitig kulturell zurechtzufinden.»

Gibt es die eine nationale Kultur?

Kultur ist dynamisch und zeigt sich im Alltag und im sozialen Miteinander. Lehrkräfte unterstützen DaF/DaZ-Lernende dabei, sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Es geht aber nicht darum, ihnen ‚die Schweizer Kultur‘ vorzuschreiben. Die Vorstellung ‹Ein Land, eine Sprache, eine Kultur› hat historische Wurzeln, passt aber nicht zur heutigen gesellschaftlichen Vielfalt. Integration sollte nicht als Anpassung an ein festes kulturelles Modell verstanden werden, sondern als wechselseitiger Prozess, in dem alle Beteiligten voneinander lernen.

«Die Vorstellung von einer nationalen Kultur?
Ein Konstrukt aus alter Zeit.»

Claus Altmayer

Altmayer erklärt: «Kultur ist kein homogenes Konstrukt, sondern eine dynamische Mischung aus individuellen Perspektiven und gesellschaftlichen Praktiken. Es gibt keinen wissenschaftlich seriösen Ansatz, der uns zeigt, was genau die Schweizer Kultur ausmacht.»

Sprache ist lebendig, Kultur vielschichtig – und wer beides zusammenbringt, findet Zugang zu echter Integration.

Praxis-Takeaway: Stereotype – kleine Stolpersteine im Alltag

Altmayer beobachtet häufig, dass sowohl Einheimische als auch Deutschlernende vereinfachte Vorstellungen über Länder, Menschen und Lebensweisen haben. Konflikte werden oft vorschnell als ‚kulturbedingt‘ interpretiert, obwohl sie häufig individuelle Ursachen haben. Stereotype können den Zugang zur Integration erschweren – sie gilt es zu erkennen, zu thematisieren und zu reflektieren, statt sie unbewusst zu reproduzieren. Nur so werden echte Begegnungen und gegenseitiges Verständnis möglich.

Deutschlernen und Integration gelingen, wenn wir verstehen: Integration beginnt im Kopf – mit Reflexion, kultureller Sensibilität und der Bereitschaft, voneinander zu lernen. Für angehende Lehrkräfte im Bereich Sprachliche Integration bedeutet das: Gelegenheiten schaffen, um über Stereotype zu sprechen, sie zu hinterfragen und echte Begegnungen zu fördern. Genau das macht Sprachliche Integration so spannend.

Mehr zu Claus Altmayer

Claus Altmayer ist emeritierter Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache mit Schwerpunkt Kulturstudien. Seine Arbeit verbindet Sprache, Kultur und Gesellschaft und zeigt, wie relevant diese Fragen sind – für Forschung, Unterricht und gesellschaftliche Teilhabe.

«Kulturwissenschaftliche Ansätze und ihre Didaktik» des Bachelorstudiengangs Sprachliche Integration mit Claus Altmayer.
Gastvortrag bei im Modul «Kulturwissenschaftliche Ansätze und ihre Didaktik» des Bachelorstudiengangs Sprachliche Integration.

«Mich motiviert die grosse und weltweite Aufmerksamkeit für meine Arbeit im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Kulturstudien. Ich beobachte, dass die Konzepte, die ich in den letzten 25 Jahren entwickelt habe, oft von früheren Ansätzen abweichen – das stösst auf grosses Interesse und animiert mich, weiterzumachen.»

Sein Engagement zeigt: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache ist ein Tor zu wechselseitigem Verständnis und gesellschaftlicher Teilhabe.


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