Breites Portraitbild Stéphane Cariello

Mehr als Übersetzen: Wie KI die Rolle von Sprachdiensten neu definiert 

KI übersetzt schneller, günstiger – und scheinbar für alle zugänglich. Was bedeutet das für professionelle Sprachdienste? Stéphane Cariello, Absolvent des CAS Language Technology and Artificial Intelligence, ist dieser Frage in seiner Abschlussarbeit nachgegangen. Im Interview spricht er darüber, wo KI heute tatsächlich Mehrwert schafft, warum Qualität wieder stärker in den Fokus rücken muss und weshalb Sprachdienste gut beraten sind, ihr Rollenverständnis zu überdenken.

Autorin: Laura Subirats Kärkkäinen
Übersetzung: Anita Gadhammar

Die Sprachberufe gehören zu den ersten und am stärksten vom Aufkommen von KI betroffenen Bereichen. Du selbst bist Übersetzer beim Bund, wie erlebst du das in deinem beruflichen Alltag?

KI wirkt sich auf zwei unterschiedlichen, aber eng miteinander verbundenen Ebenen aus. Die erste – und im Alltag greifbarste – ist technologischer Natur. Die KI-Revolution stellt unsere Fähigkeit zu lernen, uns anzupassen und Veränderungen zu bewältigen, auf die Probe. Wir sind zudem gezwungen, fundierte technologische Entscheidungen in einem sich ständig wandelnden Umfeld zu treffen. Wir müssen innovativ sein und gleichzeitig die neuen Werkzeuge kohärent in bestehende Prozesse integrieren – mit all den damit verbundenen Herausforderungen für das Ressourcen- und Teammanagement. 

Neben dieser technologischen Dimension hat KI eine Begeisterung ausgelöst, deren Wirkung für Sprachdienste geradezu „existenzielle“ Folgen haben könnte. Die spektakulären Fortschritte der neuronalen maschinellen Übersetzung haben die für das Übersetzen eines Textes erforderliche Kompetenzschwelle erheblich gesenkt. Eine Tätigkeit, die früher als komplex und zeitaufwendig galt, kann heute von fast jeder Person mit wenigen Klicks erledigt werden. Diese Demokratisierung führt zwangsläufig zu einer Infragestellung des wahrgenommenen Werts unserer Arbeit und unserer Kompetenzen: Wenn KI schneller, günstiger und niederschwelliger übersetzt, wozu braucht es noch Sprachdienste? Diese neue Realität zwingt uns, unsere Rolle klarer zu umreissen, unsere Leistungen neu zu definieren und unsere Arbeitsweise zu überdenken. Das ist keine einfache Aufgabe. 

«Die Qualität in den Hintergrund zu stellen, erscheint mir einer der grössten Fehler, die wir derzeit begehen können.»

Was war deine Motivation, das Thema für deine Abschlussarbeit auszuwählen? 

Wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen habe auch ich mich gefragt, welchen Einfluss KI auf unseren Beruf haben könnte. Anstatt mich in Spekulationen zu verlieren, wollte ich einen sehr pragmatischen Ansatz verfolgen. Daraus entstand die Idee, die in der Fachliteratur beschriebenen theoretischen Potenziale mit der in der Praxis tatsächlich beobachteten Anwendung zu vergleichen. Diese Analyse diente mir als Fundament, auf dem ich meine eigenen Überlegungen aufgebaut habe.  

KI verspricht viel: von Übersetzung über Terminologie bis hin zu Leichter Sprache und Untertitelung. In welchen Bereichen hält dieses Versprechen heute tatsächlich stand? 

Die Fortschritte der neuronalen maschinellen Übersetzungssysteme in den letzten Jahren sind unbestreitbar. Werden diese Werkzeuge gezielt und von geschulten Fachkräften eingesetzt, können sie unsere Arbeit tatsächlich beschleunigen – zumindest bei bestimmten Textarten – und zu einer Qualitätsverbesserung beitragen. 

Im Übrigen zeigt meine Umfrage, dass KI vor allem für punktuelle und ergänzende Aufgaben genutzt wird, wobei der Einsatz je nach Person variiert. So wird sie beispielsweise verwendet, um Vorschläge für Umformulierungen zu erhalten, terminologische oder technische Recherchen durchzuführen oder Inspiration zu finden. Im Gegensatz zur maschinellen Übersetzung, die in allen Sprachdiensten fest verankert ist, bleiben andere KI-Anwendungen somit weiterhin weitgehend ein unterstützendes Hilfsmittel. 

Deine Abschlussarbeit verbindet eine Literaturanalyse mit einer Umfrage bei Schweizer Sprachdiensten. Wo zeigen sich Unterschiede zwischen theoretischem Potenzial und praktischer Anwendung neuer KI-Tools? 

Meine Arbeit verdeutlicht eine gewisse Diskrepanz zwischen dem theoretischen Potenzial von KI und ihrer tatsächlichen Nutzung in Sprachdiensten. 

Eine Erkenntnis hat mich besonders überrascht: Die grosse Mehrheit der befragten Sprachdienste nutzt die KI-Funktionalitäten ihrer computergestützten Übersetzungstools (CAT-Tools) nur wenig – oder gar nicht –, insbesondere aufgrund von Einschränkungen im Zusammenhang mit dem Datenschutz. Dieselbe Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis zeigt sich im Bereich Terminologie, wo KI-basierte Lösungen (noch) nicht den erwarteten Ergebnissen zu entsprechen. 

Meine Umfrage zeigt, dass Sprachdienste IT-Tools seit langem intensiv einsetzen und KI jetzt zunehmend in ihre Arbeit integrieren. Dass die großen Erwartungen an KI noch nicht vollständig ausgeschöpft werden, hängt unter anderem mit den Datenschutzvorgaben, den noch beschränkten Leistungsfähigkeiten der Tools, dem Kosten-Nutzen-Verhältnis und der Tatsache zusammen, dass diese Technologie noch relativ neu ist. Diese Diskrepanz ist jedoch nicht zwangsläufig negativ zu bewerten, sondern kann auch als Ausdruck eines vorsichtigen, sinnvollen und verantwortungsvollen Umgangs mit dieser Technologie verstanden werden.

Welches sind die häufigsten Fehler, die die Sprachdienste im Umgang mit KI machen?

Zunächst möchte ich die Reaktionsfähigkeit und das Engagement der Sprachdienste hervorheben, mit denen sie auf die KI-Revolution reagieren – eine Revolution, die in Sachen Geschwindigkeit und Ausmass ihresgleichen sucht.  

Ein Ergebnis meiner Umfrage hat mich ausserordentlich verblüfft: Nur 25 % der Sprachdienste, die Pilotprojekte im Zusammenhang mit KI starten, tun dies explizit mit dem Ziel, die Qualität zu verbessern. Die Qualität in den Hintergrund zu stellen, erscheint mir einer der grössten Fehler, die wir derzeit begehen können. Hohe Qualität sollte vielmehr oberste Priorität bei unseren strategischen Entscheidungen haben. Und Qualität beschränkt sich keineswegs nur auf sprachliche Aspekte: Sie umfasst ebenso die Korrektheit der Inhalte, die Einhaltung von Vorschriften und Standards, die Minimierung von Reputationsrisiken, die kulturelle Angemessenheit, die Berücksichtigung der Vielfalt der Zielgruppen und – nicht zuletzt – die Kostenkontrolle, denn in Qualität zu investieren bedeutet langfristig auch, Kosten zu senken. In den Sprachdiensten verfügen wir über die Kompetenzen, um diesen Mehrwert zu schaffen – auch und vor allem für Ausgangstexte. Es liegt an uns, sie sichtbar zu machen! 

Ein weiteres Risiko betrifft die interne Arbeitsweise unserer Dienste. Unter dem kombinierten Druck technologischer Versprechen und budgetärer Zwänge ist die Versuchung gross, Prozesse übermässig zu rationalisieren – manchmal zulasten des Kundenservice und der Attraktivität des Berufs. 

Du sprichst davon, dass sich Sprachdienste neu positionieren müssen. Wie konkret? 

Zahlreiche Fachleute betonen, wie dringend es für Sprachdienste ist, sich neu zu positionieren. Konkret bedeutet das, unsere Rolle und unser Leistungsangebot zu überdenken. Es gilt, eine weniger eng gefasste Vorstellung unseres Berufs zu fördern als in der Vergangenheit. Noch zu oft werden wir als reine Übersetzungsdienste wahrgenommen, obwohl wir umfassende Sprachdienstleistungen anbieten oder anbieten könnten.

Um die vielfältigen Kompetenzen unserer Dienste sichtbar zu machen, sollten wir bei den Bedürfnissen unserer Arbeitgeber und der Kolleginnen und Kollegen ausserhalb der Sprachabteilungen ansetzen. Wenn wir ihre Bedürfnisse mit unseren Fähigkeiten vergleichen, können wir Leistungen entwickeln, die nützlich und profitabel sind.

Meine Umfrage zeigt, dass viele Sprachdienste ihr Angebot bereits erweitert haben: terminologische Arbeit für die gesamte Organisation, Sprachkurse, Schulungen oder Sensibilisierung für KI. Diese Leistungen tragen wesentlich zur Gesamtqualität der Arbeit bei – weit über die reine Übersetzung hinaus.

Diese Neupositionierung erfordert letzendlich einen Perspektivenwechsel und zwingt uns dazu, unseren Beruf neu zu denken – nicht mehr nur als Übersetzungstätigkeit, sondern als Beitrag zur Kommunikation im weiteren Sinne. Ein gutes Beispiel dafür: Als Sprachspezialisten stellen wir tagtäglich fest, wie kostspielig schlecht konzipierte oder unpräzis formulierte Texte sein können. Warum also nicht frühzeitig eingreifen und unsere Dienste anbieten, um beispielsweise Sprachtests für die Rekrutierung von Mitarbeitenden mit redaktionellen Aufgaben zu entwerfen und zu evaluieren?

Die zentrale Herausforderung besteht darin, die dafür notwendigen Ressourcen bereitzustellen und die Entscheidungsträger vom Mehrwert dieser Angebote zu überzeugen.

Was waren deine wichtigsten Erkenntnisse aus der Abschlussarbeit? 

Meine Arbeit hebt drei zentrale Erkenntnisse hervor. 

  1. Es zeigt sich eine gewisse Diskrepanz zwischen dem theoretischen Potenzial der KI, wie es in der Fachliteratur beschrieben wird, und der tatsächlich in der Praxis beobachteten Anwendung. Während maschinelle Übersetzung inzwischen fest in den Arbeitsalltag integriert ist, bleibt der Einsatz anderer KI-Anwendugen bislang punktuell und oft experimentell – insbesondere aufgrund von Fragen zum Datenschutz, zur Ergonomie und zum wahrgenommenen Mehrwert.
  2.  Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen eine starke Diversifizierung des Angebots von Sprachdiensten: Terminologiearbeit, Qualitätskontrolle, Post-Editing, klare oder leicht verständliche Sprache, Untertitelung sowie Begleitung von KI-bezogenen Projekten.  
  3. Meine Arbeit macht deutlich, dass KI sowohl ein technologisches Thema als auch eine strategische Herausforderung darstellt. KI zwingt die Sprachdienste dazu, ihre Positionierung zu überdenken. Wer es schafft, an Sichtbarkeit zu gewinnen und seinen Mehrwert überzeugend zu demonstrieren, kann eine technologische Herausforderung in eine echte Entwicklungschance verwandeln. 

Angesichts der aktuellen Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen erscheint es mir riskant, konkrete Prognosen zu wagen. 

Eine Tendenz zeichnet sich jedoch ab: Der Aufschwung der KI dürfte eine flüssigere und benutzerfreundlichere Integration der bereits genutzten Werkzeuge ermöglichen – sei es bei CAT-Tools, Terminologiedatenbanken, maschineller Übersetzung, Redaktionsleitfäden oder typografischen Vorgaben. KI könnte gewissermassen als Schnittstelle zwischen diesen unterschiedlichen Informationsquellen dienen, um sie „intelligent“ miteinander zu verbinden. Alles Weitere lässt sich schwer voraussagen. So ist zum Beispiel nicht mit Sicherheit zu sagen, ob wir in einigen Jahren noch CAT-Tools in der Form nutzen werden, wie wir sie heute kennen. 

Diese Ungewissheit bezüglich der beruflichen Entwicklung kann sehr verunsichernd wirken, birgt gleichzeitig aber auch Chancen. Letztlich geht es weniger darum, die Zukunft vorherzusagen, als vielmehr konkret und pragmatisch darüber nachzudenken, wie wir den Wandel aktiv gestalten können. Die gegenwärtige Wende könnte uns durchaus positiv überraschen, wenn es uns gelingt, sie bewusst zu gestalten. 

Zum Schluss noch dies: Wenn du Sprachdiensten nur einen Tipp im Hinblick auf die Zukunft geben könntest, welcher wäre das? 

Wenn ich den Sprachdiensten einen einzigen Ratschlag geben sollte, wäre es folgender: Wir sollten niemals aus den Augen verlieren, wozu wir da sind – nämlich um Auftraggeber dabei zu unterstützen, klare, wirksame und auf die Endadressaten abgestimmte Kommunikation zu produzieren. Diese Unterstützung muss schnell, verlässlich und qualitativ hochwertig sein, auf allen Ebenen, und sie muss zu Ergebnissen führen, die für die Endadressaten tatsächlich von Nutzen sind – sei es in meinem Fall für Bundesräte, Parlamentarier, Fachspezialistinnen und Fachspezialisten aus unterschiedlichen Bereichen oder allgemein für die Bevölkerung der Westschweiz. Da die Interessen oder Anliegen unserer Auftraggeber nicht zwangsläufig mit jenen der Endadressaten übereinstimmen, ist dieser Rat weniger banal, als er auf den ersten Blick erscheinen mag. Im Kern geht es dabei um die Wahrung des Mehrsprachigkeitsprinzips und um die Gleichbehandlung sprachlicher Minderheiten. 


Zur Person:

Stéphane Cariello arbeitet als Übersetzer von Deutsch ins Französische im Eidgenössischen Departement des Innern. Seit 2025 ist er Chefübersetzer für Französisch. Er hat an der Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Genf studiert. Er hat den CAS Language Technology and Artificial Intelligence am IMK Institut für Mehrsprachige Kommunikation der ZHAW absolviert. In seiner Abschlussarbeit mit dem Titel «L’IA dans les services linguistiques. Vue d’ensemble théorique, pratiques actuelles et perspectives» widmete er sich der Analyse des Potenzials sowie der Herausforderungen und Chancen, die KI für die Schweizer Sprachdienste mit sich bringt. 


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