Jessica-ZHAW-Multilingual-Communication-AI-Specialist

Augmented Translation bringt neue Möglichkeiten. Ein Alumniportrait 

Jessica Selinger ist Übersetzerin beim Bund und Expertin für KI beim Übersetzen. Die Absolventin des Masters Language and Communication hat schon im Studium angefangen, mit Maschineller Übersetzung zu arbeiten. Heute nutzt sie Sprachtechnologien täglich und bezeichnet sich selbst als KI-Enthusiastin. Im Beitrag erzählt sie von ihrer Faszination für KI, den täglichen Herausforderungen beim Übersetzen und davon, wie sie der Master auf den Beruf vorbereitet hat.

Autorin: Christa Stocker

Jessica Selinger hat 2019 den Master Language and Communication mit Vertiefung Multilingual Communication Management abgeschlossen. Heute arbeitet die gebürtige Tessinerin hauptsächlich als Übersetzerin beim Bund, genauer im Sprachdienst Italienisch des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Dort übersetzt sie aus dem Deutschen, Englischen und Französischen ins Italienische.

Darüber hinaus hat sie sich als Expertin für KI im Übersetzen einen Namen gemacht. So bietet sie in der Bundesverwaltung zusammen mit zwei Kolleginnen Kurse für die geschickte Nutzung von KI-gestützten Übersetzungssystemen an. Und sie lehrt im Masterstudiengang Language and Communication.

Im Interview spricht Jessica über KI, das Übersetzen und wie der Master Language and Communication der ZHAW sie auf den Beruf vorbereitet hat.

Jessica, du arbeitest als Übersetzerin beim Bund und bietest Kurse für den Einsatz von KI an. Was gefällt dir an deinem Job besonders?

Am Übersetzen gefällt mir, dass ich durch meine Arbeit eine gute Kommunikation ermögliche. Ich finde es schön, wenn ich eine gute Lösung finde – zum Beispiel für eine Satzstruktur, die in der Ausgangssprache kompliziert war und dann in meinem Text wirklich gut funktioniert. Ich versuche den Ausgangstext so gut wie möglich in meiner Zielsprache, in meinem Fall Italienisch, wiederzugeben und an das Publikum anzupassen.

An den Kursen gefällt mir der Austausch mit den Teilnehmenden besonders. Und ich mag die Motivation, die ich habe, mich selber weiterzubilden und den Trends zu folgen.

Jessica Selinger, Absolventin Master Language and Communication, über KI und ÜbersetzenPlaybutton für Jessica Selinger, Absolventin Master Language and Communication, über KI und Übersetzen

Was sind deine grössten Herausforderungen im Job?

Die grösste Herausforderung ist sicher der technologische Wandel. Die Technologien verändern sich sehr schnell. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir uns immer auf dem neuesten Stand halten. Dafür haben wir in der Bundesverwaltung unsere Kurse entwickelt.

Worum geht es in den Kursen?

In unseren Kursen erklären wir Sprachexpert:innen und anderen Mitarbeitenden, wie sie am besten mit KI-gestützten Sprachtechnologien arbeiten können. Und es geht auch um Sensibilisierung: Bisher haben Übersetzer:innen vor allem hinter ihren Bildschirmen gearbeitet. Heute sind wir Sprachexpert:innen – auch im Bereich der KI. Wir kennen die Möglichkeiten und können beraten, wann welche Technologie wie eingesetzt werden kann und sollte.

Welchen Stellenwert haben Sprachtechnologien in deinem Arbeitsalltag?

Ich arbeite jeden Tag mit Sprachtechnologien – mit CAT-Tools, mit Maschinellen Übersetzungssystemen, aber auch mit LLMs. In den letzten Jahren sind immer weitere dazugekommen, die wir für unsere Arbeit nutzen können. Ich selbst arbeite ich nach dem sogenannten Augmented-Translation-Ansatz. Das heisst, ich als Übersetzerin entscheide, welche Tools ich wofür und wie einsetze. Diesen Ansatz empfehlen wir auch in unseren Kursen.

Was fasziniert dich an KI und Sprachtechnologien?

Ich finde es faszinierend, wie KI lernt, unser Denken nachzuahmen. Und ich finde es spannend, mit KI zu interagieren. Dabei komme ich auf neue Ideen und KI hilft mir auch, Ordnung in meine Gedanken zu bringen.

Braucht es dafür auch neue Kompetenzen?

Viele Kompetenzen, die man fürs Übersetzen braucht, braucht man auch für die Arbeit mit KI-gestützten Systemen. Darüber hinaus

  • sollte man verstehen, wie diese Systeme funktionieren. Nur so kann man ihre Möglichkeiten und Limiten richtig einschätzen.
  • Man sollte gut mit diesen Systemen arbeiten können.
  • Und man sollte immer einem kritischen Ansatz folgen und fragen: Funktioniert der Vorschlag in meiner Sprache, für mein Publikum, für den Zweck des Textes?

Diese Kompetenzen sind auf dem Markt gefragt.

Was hat sich durch den Einsatz von KI verändert?

Die Recherche hat zugenommen: Man muss immer genau prüfen, was die Systeme vorschlagen. Deshalb ist eigenes Fachwissen noch wichtiger geworden – und natürlich, dass man sich auf dem neuesten Stand hält.

Wann hast du angefangen mit KI zu arbeiten?

Ich habe schon während des Studiums angefangen, mit Maschineller Übersetzung zu arbeiten – das war noch bevor generative KI auf den Markt kam. Danach im Job habe ich sie ziemlich früh in meinen Arbeitsprozess integriert. Und als LLMs dazugekommen sind, habe ich diese privat ausprobiert und sie auf eigene Initiative auch im Job integriert. Heute spielt KI natürlich schon im Studium eine grosse Rolle.

Worin siehst du den Nutzen KI-gestützter Systeme?

Den Mehrwert sehe ich einerseits darin, dass wir unseren Arbeitsprozess optimieren können: Wenn wir diese Systeme geschickt anwenden, können sie sehr gute Instrumente sein. Und andererseits geben sie uns die Möglichkeit, uns als Sprachexpert:innen neu zu positionieren.

Warum hast du dich für den Master Language and Communication mit Vertiefung Multilingual Communication Management entschieden?

Ich habe den Bachelor Mehrsprachige Kommunikation studiert und wollte danach meine Kenntnisse noch vertiefen.

Welche Kompetenzen aus dem Studium haben dir im Beruf am meisten geholfen?

Ich würde sagen,

  • die Recherchekompetenz,
  • das Terminologiemanagement und
  • die Gruppenarbeiten. Dabei habe ich gelernt, mit anderen Leuten zu arbeiten – auch an grösseren Projekten.

Bei grösseren Übersetzungen teilt man sich die Arbeit auf. Damit das funktioniert, muss man sich abstimmen, diskutieren, vielleicht auch die Terminologie definieren und eine Strategie festlegen. Das heisst, man muss gut kommunizieren können.

Was hast du am Masterstudium besonders geschätzt?

Wir waren eine eher kleine Gruppe. So kannten wir uns alle und wir lernten oft zusammen. Und auch die Dozierenden kannten uns gut und gingen auf unsere Bedürfnisse ein. Es war eine sehr angenehme Stimmung.

Was würdest du Studieninteressierten sagen, warum sich der Master Language and Communication lohnt?

Der Master Language and Communication lohnt sich, weil er sehr praxisorientiert ist. Viele Dozierende sind selbst Übersetzende und bringen ihre Erfahrung ins Studium mit. Ich bin ein Beispiel dafür: Ich arbeite in der Übersetzungsbranche und lehre in einem Übersetzungskurs, in meinem Fall Englisch–Italienisch.

Du hast den Master vor sieben Jahren absolviert. Wo siehst du dich in Zukunft?

Ich möchte noch weiter in Richtung Sprachtechnologie und Beratung gehen im Bereich „Arbeiten mit KI-gestützten Systemen“ – beim Bund, vielleicht bei der ZHAW, aber vor allem freiberuflich mit einer eigenen Firma.

Danke, für das spannnende Gespräch!



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