Mehrsprachigkeit heute: Zwischen künstlicher Intelligenz und strategischer Kommunikation

Neulich haben wir unsere Community auf Instagram gefragt: Mit wie vielen Sprachen kommst du täglich in Kontakt? Schnell zeichnete sich ein klares Bild ab: Die meisten bewegen sich jeden Tag in mehr als einer Sprache. Mehrsprachigkeit ist also keine Ausnahme. Sie ist Alltag und oft merken wir gar nicht, wie selbstverständlich wir zwischen Sprachen hin- und herwechseln. Im Beruf, mit Freund:innen oder der Familie, beim Scrollen durch Social Media, beim Musikhören und, und, und.

Autorin: Kyra Jetzer

«Noch nie waren Gesellschaften so eng miteinander vernetzt wie heute», sagt Prof. Dr. Caroline Lehr, Professorin für Übersetzungswissenschaften und Dozentin im Studiengang Mehrsprachige Kommunikation. Politisch, wirtschaftlich, kulturell und sozial – alles hängt zusammen. Dazu kommt die künstliche Intelligenz, die Texte, Bilder und Videos in Sekundenschnelle erstellt, übersetzt, vervielfältigt und ständig verfügbar macht. Es scheint, als wäre Kommunikation technisch so einfach wie nie zuvor. Und trotzdem, oder genau deshalb, wird Mehrsprachigkeit komplexer.

Sprache ist mehr als Grammatik

Vielleicht erinnerst du dich noch an deinen Sprachunterricht in der Schule: Vokabeltests, Grammatikregeln und Rechtschreibung. «Früher lag der Fokus stark auf der korrekten Beherrschung einer Sprache», sagt Lehr.

Professionelle mehrsprachige Kommunikation, wie wir sie heute verstehen, so Lehr, sei jedoch viel mehr als gute Sprachkenntnisse. Sie verbindet sprachliche, strategische, psychologische, kulturelle und technische Aspekte. Es geht darum zu verstehen, wie diese Ebenen zusammenspielen und sie gezielt einzusetzen. Heute würden andere Fragen in den Vordergrund rücken. Zum Beispiel:

  • Wie gehe ich mit maschinell erzeugten Texten um?
  • Wie erkenne ich, ob eine Übersetzung wirklich passt – kulturell, fachlich, strategisch?
  • Wie erreiche ich mit einem Text die gewünschte Wirkung?

Vor allem in internationalen Kontexten zeigt sich diese Relevanz. Texte bilden die Grundlage für Entscheidungen, Gesetze, Richtlinien oder Verträge. Fehler sind hier nicht nur ärgerlich – sie können weitreichende Konsequenzen haben. Deshalb ist zusätzlich zur Effizienz auch Präzision besonders wichtig und Qualitätssicherung ist Voraussetzung.

Wenn Sprache zur strategischen Frage wird

Gleichzeitig geht es aber auch um kulturelle Sensibilität. Ein Beispiel: Als der chinesische Modeanbieter Shein versuchte, in Frankreich mit einem stationären Store Fuss zu fassen, blieb der Erfolg aus. «Mode aus China» traf auf ein Land, das sich selbst als Mode-Nation versteht. Werte, Identität und kulturelle Selbstwahrnehmung hätten eine zentrale Rolle gespielt.

Hier wird deutlich, dass «copy + paste» allein nicht genügt. Es braucht ein Verständnis dafür, wie Inhalte angepasst werden müssen, welche kulturellen Feinheiten relevant sind und welche Wirkung erzielt werden soll. «Diese Mediationskompetenz war schon immer Teil unseres Berufs», sagt Lehr. «Aber sie wird heute anders relevant: Sie kommt in vielfältigeren Kontexten zum Einsatz und spielt zunehmend eine Rolle bei strategischen Fragen.»

Die Rolle der künstlichen Intelligenz

Natürlich kommen wir an einem Thema nicht vorbei: künstliche Intelligenz. Die künstliche Intelligenz hat die Rahmenbedingungen noch einmal verändert. Texte generieren, Bilder erstellen, Inhalte übersetzen – vieles geht heute in Sekunden. Für die Sprachberufe ist das ein Einschnitt, aber kein Ende.

«Wir sind nur ein Berufsfeld von vielen, das sich gerade stark verändert», sagt Lehr. «Aber genau deshalb braucht es bewusste Reflexion.» Wer KI kompetent einsetzt, kann sich stärker auf komplexe, kreative und beratende Tätigkeiten konzentrieren: Qualitätssicherung, Risikomanagement, Transkreation ethische Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen.

Gleichzeitig warnt sie: «Wenn wir bestimmte Fähigkeiten nicht mehr trainieren, verkümmern sie.» Sprache ist auch ein kognitives Training. Sie schult Empathie, Perspektivenwechsel und Flexibilität. Wer mehrere Sprachen nutzt, realisiert, dass es unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt gibt. Man bewegt sich gedanklich zwischen Sprachen und Kulturen und lernt, dass das eigene Denken nicht absolut ist. Diese Offenheit für neue Perspektiven wird zu einer Schlüsselkompetenz in einer sich ständig verändernden Welt.

Mehrsprachigkeit als Zukunftskompetenz

Der Studiengang Mehrsprachige Kommunikation reagiert auf diese Entwicklungen. Studierende lernen nicht nur Sprachen, sondern entwickeln ein umfassendes Verständnis davon, wie Kommunikation funktioniert – sprachlich, kulturell und technologisch.

Sie erwerben Hard Skills im Umgang mit Tools und Technologien und zugleich Soft Skills, die in einer sich schnell verändernden Welt entscheidend sind. «Kommunikation ist alles andere als ein gelöstes Problem», sagt Lehr. «Gerade in einer komplexen, sich wandelnden Welt braucht es Menschen, die vermitteln, einordnen und gestalten können.»

Die Faszination bleibt

Caroline Lehr hat selbst mehrere Sprachen studiert: Englisch, Französisch und Italienisch, Spanisch hat sie in der Schule gelernt und während einem sechsmonatigen Aufenthalt in Kopenhagen kam Dänisch dazu. «Mich hat immer die Schönheit von Sprachen fasziniert», erzählt sie. Und die Möglichkeit, durch sie andere Kulturen kennenzulernen. Essen, Werte, Haltungen, Lebensstile – man lernt etwas kennen und formt sich selbst weiter.

Heute fasziniert sie vor allem der Wandel. Die Tatsache, dass wir gerade live miterleben, wie Technologie Sprache verändert. Wie neue Muster entstehen. Wie sich Kommunikation verschiebt.


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