Ergebnisse der Evaluation zum papierlosen Studium

Das Zentrum für Innovative Didaktik der ZHAW hat das Pilotprojekt „papierloses Studium“ im Sommer 2014 aus didaktischer Perspektive evaluiert.

Die Ergebnisse dieser Studie möchten wir Ihnen nicht vorenthalten. Wir werden daher in den nächsten Wochen die spannendsten Erkenntnisse aus der Evaluation auf diesem Blog veröffentlichen.

Einige Infos zum Aufbau der Studie vorweg:

Die didaktische Evaluation schliesst an die Erkenntnisse aus der Interviewphase an und hatte zum Ziel, den Tablet-Einsatz in den verschiedenen Lehr- und Lernphasen zu analysieren:

  • Präsenzphase
  • Selbststudium/Vorbereitungsphase
  • Prüfungsvorbereitung
  • Prüfung

Die Hypothese war, dass der Tablet-Einsatz in diesen vier Lehr- und Lernphasen unterschiedlich starke Vor- und Nachteile aufweist. Um Unterschiede sichtbar zu machen, wurden in den verschiedenen Lehr- und Lernphasen Online-Befragungen bei der Tabletklasse (BT12) und einer Vergleichsklasse (BT13) durchgeführt.

Gesucht wurde nach statistisch relevanten Unterschieden zwischen der Tabletklasse und der Vergleichsklasse, die noch mit Papier studiert.

Die Daten wurden in anonymisierter Form über alle drei Online-Umfragen miteinander verknüpft. Dadurch haben wir in der Tabletklasse 20 kohärente Datensätze erhalten, die über alle Lehr- Lernphasen gehen. In der Vergleichsklasse lag die Rücklaufquote zur Umfrage bei 65%. Von den 19 Lehrpersonen nahmen 13 an der Umfrage teil.

Wichtigste Ergebnisse aus der Präsenzphase

Hohe Zufriedenheit

Über 70% der Studierenden aus der Tabletklassen würden ihren Mitstudierenden raten, sich ein Tablet anzuschaffen.  „Eine gelungene Sache, ich möchte nicht mehr auf ein Tablet verzichten müssen“. Allerdings fällt das Votum deutlich uneinheitlicher aus, wenn die Studierenden gefragt werden, ob sie sich für das Studium das Tablet auch selbst kaufen würden.

Studierende

Studierende

Auch bei den Lehrpersonen fällt die Beurteilung des papierlosen Studiums nach einem Jahr positiver aus als zu Beginn.

Lehrpersonen

Lehrpersonen

Wahlmöglichkeit zwischen Apple und Microsoft hat sich bewährt

Die beiden Tablet-Modelle führen kaum zu signifikanten Unterschieden. Die Wahlmöglichkeit hat die Zufriedenheit aber offenbar positiv beeinflusst.

GerätewahlMit den Tablets entstehen neue Formen des Lernens

Überraschend ist, dass über ¾ der Studierenden angeben, mit dem Tablet neue Möglichkeit des Lernens zu erleben. Hier wird einer der wenigen signifikanten Unterschiede zwischen Microsoft Surface Pro Nutzern und den Apple iPad Nutzern sichtbar: Die 10% der Studierenden, die keinen Neuigkeitswert beim Lernen feststellen, sind allesamt Microsoft Surface Pro Nutzer.

Neue Möglichkeiten des LernensDie Studierenden sind sich jedoch uneins, ob das Tablet in Zukunft aktiver im Unterricht eingesetzt werden sollte. Der derzeitige Unterricht wird bereits als abwechslungsreich angesehen.

Vermehrter Einsatz von Tablets im Unterricht ist nicht von allen gewünscht

Vermehrter Einsatz von Tablets im Unterricht ist nicht von allen gewünscht

Tablets erschliessen zusätzliche Informationsquellen

Eine wesentliche Änderung zeigt sich bei der Nutzung von Apps und dem Internet als zusätzliche Informationsquelle während des Unterrichts. Diese Möglichkeit war über die Smartphones, mit denen alle Studierenden ausgestattet sind, bereits vorher gegeben, nun wird sie aber auch tatsächlich genutzt, wie der Vergleich der Kontrollgruppe zeigt.

Informationsquelle

Nutzung zusätzlicher Informationsquellen während des Unterrichts – Vergleich mit Kontrollgruppe (BT13)

Intensivere Bearbeitung der Unterlagen

Eine weitere Veränderung zeigt sich bei der Bearbeitung der Unteralgen. Die Studierenden mit Tablet schreiben während dem Unterricht mehr in die Unterlagen hinein und unterstreichen mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Kontrollgruppe.

Durch die Möglichkeit, den Platz in den Unterlagen besser nutzen zu können, Anmerkungen ständig weiter bearbeiten und Veränderungen vornehmen zu können, findet mit den Tablets eine intensivere Bearbeitung der Unterlagen statt.

Bearbeitung der Unterlagen - Vergleich mit Kontrollgruppe

Bearbeitung der Unterlagen – Vergleich mit Kontrollgruppe (BT13)

Vermehrt Notizen mit der Tastatur

Das Tablet führt zudem zu einem signifikanten Unterschied in der Art und Weise, wie die Unterlagen bearbeitet werden. Die Notizen werden vermehrt mit der Tastatur angefertigt und die Bedeutung von handschriftlichen Notizen geht zurück.

Art der Bearbeitung - Vergleich mit Kontrollgruppe

Art der Bearbeitung – Vergleich mit Kontrollgruppe

Die handschriftlichen Notizen werden jedoch von der Tastatur nicht vollständig verdrängt. Über 50% der Tablet-Nutzer geben immer noch an, oft handschriftliche Notizen mit dem Tablet zu machen. Es gibt zudem bei den Annotationsformen keine signifikanten Unterschiede zwischen iPad und Surface Pro Nutzern.

Annotationsformen mit dem Tablet

Multimediale Funktionen werden wenig genutzt

Die erweiterten medialen Funktionen wie Integration von Fotos, Videos und Audiomitschnitten für die Dokumentation des Unterrichts werden seltener genutzt, spielen aber dennoch eine Rolle, wenn immerhin 32,2% der Studierenden oft Fotos anfertigen und je 10% gelegentlich Audio und Videomitschnitte.

Weniger Augenkontakt

Die Studierenden scheinen sich nicht hinter den Tablets zu verstecken. Was aber tatsächlich anders wahrgenommen wird, ist der Augenkontakt zwischen den Lehrpersonen und den Studierenden. Dieser scheint nach Beobachtung von 29% der Studierenden zurückgegangen zu sein. Bei der Kontrollgruppe gibt nur einer von 37 Befragten an, Augenkontakt mit der Lehrperson zu vermeiden. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant und interessanterweise auch stärker ausgeprägt bei den Microsoft Surface Pro Nutzern.

Augenkontakt Der fehlende Augenkontakt scheint die Atmosphäre im Klassenzimmer jedoch nicht stark zu beeinflussen. Die Angaben der Kontrollgruppe unterscheiden sich nicht signifikant. Im Allgemeinen wird die Atmosphäre im Klassenzimmer als offen wahrgenommen. 30% haben einen gemischten Eindruck.

Gängige Vorurteile bestätigen sich nicht

Befürchtungen, dass die Studierenden durch das Tablet abgelenkt sind, lassen sich nicht eindeutig bestätigen. 51.6% geben an, dass sie nicht häufiger abgelenkt sind als früher. Auch bei einem Blick auf die Kontrollgruppe mit Papier lassen sich keine signifikanten Unterschiede ausmachen.

Aufmerksamkeit

Tablets eignen sich nicht für alle Fächer gleich gut

Die Studierenden scheinen sich einig darüber zu sein, dass sich das Tablet besonders gut für Fächer eignet, bei denen man sich Notizen im Unterricht machen kann, die also vor allem mit Folien als Unterrichtsmaterial arbeiten. Hier betonen einige Studierende, dass das Tablet eine bessere Ordnung in die Unterlagen gebracht habe.

Eine skeptische Haltung gibt es hingegen bei dem Einsatz von Tablets in Praktika. Strittig ist auch der Einsatz der Tablets in mathematischen Fächern. Etwas über 50% der Studierenden sehen dem Einsatz von Tablets in der Mathematik und Physik kritisch. Das Arbeiten mit Arbeitsblättern und das Rechnen auf dem Tablet fällt den Studierenden offenbar schwerer als auf Papier. Es zeichnet sich hier ein sehr uneinheitliches Bild, es wären weitere, detailliertere Untersuchungen notwendig.

Intensivere Moodle Nutzung

Moodle wird durch den Tablet Einsatz eindeutig mehr genutzt als früher. Anders sieht es jedoch aus, wenn man sich den Funktionsumfang von Moodle anschaut. Der Aussage „Ich nutze mehr Funktionen von Moodle als früher“ stimmen 61,7% zu, für 25,8% jedoch trifft es nicht zu. Dennoch lässt sich an diesen Antworten ablesen, dass die Einführung von Tablets zu einer stärkere Nutzung elektronischer Lernmedien führt.

Moodle-NutzungSoziales Lernen wird nicht gefördert

Das Lernen mit Tablets führt nicht dazu, dass soziales Lernen gefördert wird. Die Tabletklasse zeigt trotz der neuen Technologie ein deutlich geringeres, kollaboratives Lernverhalten als die Vergleichsklasse.

kollaboratives-arbeitenDer Austausch untereinander fällt den Studierenden mit dem Tablet jedoch leicht. 19.4% tauschen sich sogar mehr aus als früher. Interessanterweise stimmen die iPad Nutzer signifikant mehr der Aussage zu, sich mit den Mitstudierenden häufiger als früher auszutauschen.

Die Frage, ob der Austausch zwischen den Studierenden durch die Tablets einfacher bzw. intensiver geworden ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Studierenden der Kontrollgruppe geben mit 63,9% an, dass ihnen der Austausch mit Mitstudierenden leicht fällt. Der Wert ist niedriger als bei der Tabletklasse, liegt aber statistisch nicht im signifikanten Bereich.

AustauschTablet ergänzt bestehende Endgeräte

Das Tablet ist vor allem ein zusätzliches Gerät, das mit seinen Einsatzmöglichkeiten anderen Geräten ähnelt, diese aber nicht vollständig ersetzt. Nicht überraschend, ersetzt das Microsoft Surface Pro in einem statistisch signifikanten Bereich häufiger den Laptop als das Apple iPad.

Auf die Frage, ob die Studierenden das Tablet eher wie Papier oder eher wie einen Laptop einsetzen, ergibt sich ein sehr durchmischtes Bild. 41,9% geben an, es eher wie einen Laptop zu benutzen, während 58,1% es in ihrer Nutzung eher vergleichbar mit Papier finden. Die meisten Kommentare betonen den hybriden Zustand des Tablets.

Substitution

Tablets werden im Präsenzunterricht und dem Selbststudium genutzt

Die Ergebnisse der Interviewphase deuteten zuerst darauf hin, dass sich das Tablet vor allem für den Präsenzunterricht eignet. Die Studierenden nutzen das Tablet aber auch im Selbststudium. Die Evaluation zeigt, dass das Lernen mit dem Tablet über alle Lehr- und Lernphasen hinweg möglich ist.

Wie die Tabletnutzung in der Vor- und Nachbearbeitung des Unterrichts, der Prüfungsvorbereitung und der Prüfung aussieht, was die Lehrpersonen dazu sagen und vor welchen Herausforderungen wir noch stehen, verraten wir Ihnen in Kürze in unseren nächsten Beiträgen.

Ein Dankeschön an das Projektteam

Ich möchten an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, um allen, die an der Evaluation mitgearbeitet haben, zu danken. Insbesondere die Projektleiterin Dr. Maren Lübcke und ihr Team bestehend aus Dr. Ute Woschnack und Flavio Di Giusto haben viel Einsatz gezeigt und tolle Arbeit geleistet. Aber auch die Studierenden und Lehrpersonen, die  geduldig all unsere Fragen beantwortet haben, haben an dieser Stelle ein grosses Dankeschön verdient.

2 Kommentare

  1. Interessante Studie, vielen dank für die detaillierte Veröffentlichung. Abschliessend würde mich noch interessieren, ob die Arbeit mit dem Tablett einen höheren Lernerfolg hatte und wenn ja warum?
    Schneiden die Tablett-Studierenden besser in der Prüfung ab?
    Setzen sie sich länger mit dem Stoff auseinander, weil das Angebot attraktiver ist?

    Wesentlich scheint mir hier auch, dass Lerninhalte für Papier-Studium anders aufbereitet werden müssen als für ein elektronisch unterstütztes Studium, wenn man das Potential der jeweils Medien voll nutzen will. Die Vergleichbarkeit wird damit wahrscheinlich extrem schwierig…..
    Trotzdem fin ich es toll, dass ihr in diesem politisch und emotional aufgeladenen Themenfeld mit dieser Studie einen objektiven Ausgangspunkt für die Diskussion geschaffen habt.

    • lozz

      30. Oktober 2014 at 10:03

      Hallo, Danke für Ihre Rückmeldung. Wir haben eine solche Analyse vorgesehenen, haben aber zurzeit noch etwas Probleme an die entsprechenden Leistungsausweise zu kommen. Die Klassen sind teilweise schwer vergleichbar, da bereits vor Einführung des Tablets Unterschiede sichtbar waren. Die Frage ist aber auf jeden Fall gerechtfertigt und interessiert uns ebenfalls sehr. Wir hoffen, dass wir dazu im Frühjahr 2015 Ergebnisse präsentieren können.

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