Bei Zweifel ersetzt ein 25 Meter hoher Wärmespeicher jährlich rund 1 GWh Erdgas für die Gebäudeheizung. Wie funktioniert diese Abwärmenutzung und was zeigt sie über den Weg zu Netto-Null? Ein Praxisblick mit Cédric Baier und der ZHAW.
Kartoffelchips brauchen nicht nur Kartoffeln und Gewürze, sondern auch viel Energie. Beim Frittieren werden Temperaturen von fast 200 °C benötigt. Diese Prozesswärme wird bei Zweifel Chips & Snacks AG mit Erdgas erzeugt. Gleichzeitig steckt in den Produktionsprozessen Wärme, die sich erneut nutzen lässt.
Der Fall zeigt, warum Energieeffizienz und Netto-Null mehr brauchen als eine einzelne Technologie.
Wie spart Zweifel mit Abwärme jährlich rund 1 GWh Erdgas?
Seit 2026 nutzt Zweifel am Standort Spreitenbach einen grossen Wärmespeicher, um Abwärme aus dem Frittierprozess für die Gebäudeheizung einzusetzen. Die Anlage ist 25 Meter hoch, fasst 320’000 Liter Wasser und wurde von Jenni Energietechnik umgesetzt. Laut den veröffentlichten Projektangaben ersetzt diese Lösung jährlich rund 1 Gigawattstunde (GWh) Erdgas – das entspricht ungefähr dem jährlichen Gasverbrauch für Heizung und Warmwasser von 50 Einfamilienhäusern.
Der entscheidende Punkt: Ein Wärmespeicher produziert keine Energie. Er verschiebt Wärme zeitlich. Abwärme, die während der Produktion anfällt, kann so für Zeiten mit Heizbedarf zwischengespeichert werden. Statt Erdgas für die Gebäudeheizung zu verbrennen, nutzt der Betrieb Wärme, die bereits vorhanden ist.
Wichtig: Die 1 GWh bezeichnen jährlich ersetztes Erdgas für die Gebäudeheizung, nicht die CO₂-Bilanz einer Packung Chips.

Cédric Baier: Aus einem Klimaziel muss ein Projekt werden
Für Cédric Baier, Leiter Nachhaltigkeit bei Zweifel, ist der Wärmespeicher mehr als Technik: Er zeigt, wie Fachleute Energieflüsse untersuchen, Lösungen bewerten und Projekte umsetzen.
«Um langfristig Erfolg haben zu können, müssen alle Nachhaltigkeitspfeiler tragen. Wir sind davon überzeugt, dass sich eine dekarbonisierte Produktion finanziell auszahlen wird. Und während auf Erdgas zunehmend geopolitische und regulatorische Risiken zukommen, kann man grünen Strom auf seinem Dach herstellen, was auch die Resilienz stärkt. Netto-Null ist für uns kein Müssen, sondern ein Wollen.»
Cédric Baier, Leiter Nachhaltigkeit bei Zweifel Chips & Snacks AG
Wie das Beispiel Zweifel zeigt, liegt der Schlüssel zu einer erfolgreichen Netto-Null-Strategie darin, «vorhandene Ressourcen clever zu nutzen». Statt mit einer Wunschliste neuer Technologien zu beginnen, gilt es, die bestehenden Betriebsprozesse und Emissionsquellen genau zu analysieren und darauf aufbauend gezielte, wirkungsvolle Massnahmen zu entwickeln.
Dabei muss die Lösung zur Praxis passen. Eine Massnahme ist erst dann tragfähig, wenn Klimawirkung, technische Anforderungen, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen. Diese Verbindung aus Unternehmensrealität und Fachwissen macht Baiers Perspektive auch für andere Branchen interessant.

Warum stellt Prozesswärme beim Frittieren eine Herausforderung dar?
Für die Gebäudeheizung kann Zweifel Abwärme heute bereits einsetzen. Den Frittierprozess selbst klimafreundlich mit Wärme bei fast 200 °C zu versorgen, ist eine andere Aufgabe: Hohe Temperaturen und kontinuierliche Produktionsanforderungen schränken die Auswahl geeigneter Lösungen ein.
Bei der Kartoffelverarbeitung verdampfen laut ZHAW jährlich rund 20’000 Tonnen Wasser. Gemeinsam mit Zweifel untersucht die Forschungsgruppe Erneuerbare Energien der ZHAW, wie sich daraus Energie zurückgewinnen und unter anderem mit innovativen Wärmepumpen für den Prozess nutzbar machen lässt.
Wie effizient eine Wärmepumpe arbeitet, hängt unter anderem von der Temperatur der Wärmequelle und der benötigten Nutztemperatur ab. Auch Betriebsstunden, Stromversorgung und Kosten sind entscheidend. Die Forschungsarbeit zur emissionsärmeren Prozesswärme ist deshalb vom bereits realisierten 320’000-Liter-Speicher für die Gebäudeheizung zu unterscheiden.
Drei Fragen, die jede Netto-Null-Strategie beantworten muss
Welche Erkenntnisse aus der Chipsproduktion lassen sich auf einen Dienstleistungsbetrieb, eine Gemeinde oder eine NGO übertragen? Vor allem eine Vorgehensweise: die richtigen Fragen stellen, bevor über Investitionen entschieden wird.
1. Wo entstehen die grössten Treibhausgasemissionen?
Eine Treibhausgasbilanz zeigt direkte Emissionen aus eigenen Anlagen (Scope 1), Emissionen aus eingekaufter Energie (Scope 2) und weitere Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, etwa bei Rohstoffen oder Transporten (Scope 3). Ohne belastbare Daten bleiben Prioritäten oft unklar.
2. Welche Massnahmen reduzieren Emissionen wirksam?
Energieeffizienz, Abwärmenutzung, Wärmepumpen und erneuerbare Energien sind wichtige Bausteine. Doch welche Kombination sinnvoll ist, hängt vom konkreten Energiesystem, der Klimawirkung, den Investitionskosten und dem langfristigen Nutzen ab. Bei Zweifel wird diese Abwägung anhand realer Prozesse sichtbar.
3. Wer setzt die Klimastrategie um – und wie wird der Fortschritt gemessen?
Eine Strategie braucht Verantwortliche, Finanzierung, realistische Etappen und geeignete Messgrössen. Nachhaltigkeitsmanagement ist deshalb auch eine Führungs- und Koordinationsaufgabe: Verantwortliche in Produktion, Energie, Finanzen und Geschäftsleitung müssen zusammenarbeiten.
Ist eine Packung Zweifel Chips damit klimaneutral?
Aus dem Abwärmeprojekt allein lässt sich das nicht ableiten. Die Einsparung von Erdgas ist ein konkreter Beitrag zur Dekarbonisierung am Standort. Um den Klimafussabdruck einer Packung Chips zu bestimmen, müsste jedoch der gesamte Lebensweg bilanziert werden – vom Kartoffelanbau über die Produktion und Verpackung bis zur Logistik. Genau deshalb sind klar definierte Systemgrenzen und eine vollständige Treibhausgasbilanz wichtig.
CAS «Netto-Null in der Praxis»: Wissen in Massnahmen übersetzen
Wie entwickelt man einen belastbaren Reduktionspfad? Wie bewertet man Technologien, Kosten und Fördermöglichkeiten? Und wie wird aus einer Klimastrategie ein Projekt, das in der eigenen Organisation funktioniert?
Im berufsbegleitenden CAS «Netto-Null in der Praxis» am ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen beschäftigen sich die Teilnehmenden mit Treibhausgas-Management, den Scopes 1 bis 3, erneuerbaren Energien, wirtschaftlicher Technologiebewertung und der Umsetzung konkreter Massnahmen. Eine eigene praxisorientierte Abschlussarbeit verbindet das Gelernte mit der beruflichen Realität.
«Netto-Null scheitert nicht allein an technischen Grenzen, sondern oft an der Umsetzung. Im CAS vermitteln wir deshalb nicht nur Wissen über erneuerbare Energien und Klimaschutz, sondern auch die Fähigkeit, daraus wirksame Massnahmen für die eigene Organisation zu entwickeln.»
Prof. Jürg Rohrer, ZHAWCédric Baier bringt seine Erfahrung als Nachhaltigkeitsleiter bei Zweifel als Dozent in den CAS ein. Die Weiterbildung richtet sich an Fach- und Führungspersonen aus Unternehmen aller Branchen – ebenso wie an Verantwortliche aus Behörden, öffentlichen Institutionen und NGOs.

Online-Infoanlass am 17. November: CAS kennenlernen
Am Dienstag, 17. November 2026, von 18.00 bis 19.00 Uhr stellen Muriel Siegwart und Jürg Rohrer den CAS online vor. Interessierte können Fragen zu Inhalten, Studienaufbau und dem Transfer in den Berufsalltag stellen.
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Nächster CAS-Start: 19. Februar 2027 | 15 ECTS | berufsbegleitend
Kursinhalte, Zulassung und Anmeldung: CAS «Netto-Null in der Praxis» der ZHAW
Kontakt & Links:
Forschungsgruppe Erneuerbare Energien,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Weitere Infos
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