Torfreduzierte Substrate sollen den Gemüsebau nachhaltiger machen. Doch funktionieren sie auch in der professionellen Jungpflanzenanzucht? Forschende der ZHAW haben fünf Substratmischungen mit Blumenkohl und Kopfsalat im Erdpresstopf getestet. Die Ergebnisse zeigen: Torfreduktion ist möglich. Entscheidend sind jedoch die richtige Mischung, der Salzgehalt – und eine Eigenschaft, die im Labor leicht aus dem Blick gerät: die Pressbarkeit.
Torfreduktion im Gemüsebau: Jetzt zählt die Praxistauglichkeit
Der Ausstieg aus Torf gewinnt europaweit an Fahrt. Auch die Schweiz treibt die Umsetzung des Bundesratsentscheids zum Torfausstieg voran. Einen Beitrag dazu leistet die ZHAW im EU-Horizon-Projekt «Peatless»: Gemeinsam mit europäischen Partnern entwickelt und erprobt sie Lösungen, mit denen sich der Torfanteil in Kultursubstraten deutlich reduzieren lässt.
Doch was in der Rezeptur vielversprechend aussieht, muss sich im Produktionsalltag erst bewähren. Der entscheidende Schritt ist deshalb der Praxistest.
Gerade in der professionellen Jungpflanzenproduktion sind die Anforderungen hoch. Ein Substrat muss nicht nur Wasser und Nährstoffe zuverlässig bereitstellen. Es muss sich auch maschinell verarbeiten lassen, stabile Erdpresstöpfe bilden und eine gleichmässige Keimung ermöglichen. Am Ende müssen kompakte, kräftige Jungpflanzen entstehen, die sich zuverlässig weiterverarbeiten und auspflanzen lassen.
Genau an diesem Punkt setzte ein erster Versuch der ZHAW an: Wie gut funktionieren torfreduzierte Substrate unter realen Bedingungen im Gemüsebaubetrieb?
«Ein torfreduziertes Substrat überzeugt in der Praxis erst dann, wenn nicht nur die Pflanze gut wächst, sondern auch die Verarbeitung im Betrieb zuverlässig funktioniert. Genau dieses Zusammenspiel müssen wir optimieren.»
— Alex Mathis, ZHAW
«Merkblätter zu Torfersatz in Anzuchtsubstraten für Gemüsejungpflanzen» für die Produktion & Beratung
Die ZHAW beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit Torfersatz in der Gemüsejungpflanzenproduktion und hat wichtige Erkenntnisse zusammen mit dem FiBL in den «Merkblättern zu Torfersatz in Anzuchtsubstraten für Gemüsejungpflanzen» gebündelt.
📘 Die Merkblätter liefern konkrete Praxistipps für Gemüseproduzierende, Jungpflanzenbetriebe und die Beratung – und zeigen, wie torfreduzierte Substrate den Weg zu nachhaltigeren Produktionssystemen ebnen können.
Fünf torfreduzierte Substrate im Test mit Blumenkohl und Kopfsalat
Für den Versuch wurden fünf torfreduzierte Substratmischungen ausgewählt und auf ihre Eignung für die Anzucht von Blumenkohl und Kopfsalat geprüft. Beide Kulturen sind für die Schweizer Gemüseproduktion von grosser Bedeutung – reagieren aber unterschiedlich auf die Eigenschaften des Anzuchtsubstrats.
Die Testmischungen enthielten verschiedene Kombinationen aus Torf, Holzfasern, Rinden- und Grünkompost sowie neuartigen Torfersatzstoffen wie Sonnenblumenfasern, Hanffasern und gebrauchtem Pilzsubstrat aus der Champignonkultur.
Als Referenzen dienten ein Substrat für den biologischen Gemüsebau mit 40 Prozent Torfreduktion sowie ein konventionelles Presstopfsubstrat mit 15 Prozent Torfersatz.

Getestet wurden die Blumenkohlsorten Lecanu und Clarina sowie die Kopfsalatsorte Abellina. Der Versuch erfolgte mit vier Wiederholungen. Am 24. Juni 2026 wurden die 3,7 Zentimeter grossen Erdpresstöpfe hergestellt und ausgesät. Anschliessend wuchsen die Jungpflanzen in den Gewächshäusern der ZHAW bis zum pflanzbereiten Stadium heran.
Untersucht wurden unter anderem Pressbarkeit und Topfqualität, Keimfähigkeit, Entwicklungsgeschwindigkeit, Frischmasse und die Gesamtqualität der Jungpflanzen.
Die zentrale Frage lautete: Lassen sich torfreduzierte Substrate unter praxisnahen Bedingungen zu brauchbaren Erdpresstöpfen verarbeiten – und entstehen darin gesunde, pflanzbereite Jungpflanzen?
Erdpresstöpfe aus torfreduziertem Substrat: Die Feuchtigkeit macht den Unterschied
Die erste gute Nachricht: Grundsätzlich liessen sich alle fünf Versuchsmischungen zu Erdpresstöpfen verarbeiten.
Allerdings zeigte sich schnell, dass die Verarbeitung torfreduzierter Mischungen mehr Fingerspitzengefühl verlangt. Besonders entscheidend war der Feuchtegehalt. Waren die Mischungen zu trocken, liessen sich die Töpfe nicht ausreichend verdichten. Bei zu viel Wasser wurde das Material dagegen klebrig und schlecht pressbar.
Vor allem faserreiche Mischungen müssen deshalb ausreichend vorbefeuchtet werden.
Schon unmittelbar nach dem Pressen waren Unterschiede sichtbar. Besonders bei Mischung 6 waren die einzelnen Töpfe zunächst nur ungenügend voneinander abgegrenzt.



Beispiele unterschiedlicher Presstopfqualitäten
Während der Anzucht verbesserte sich die Situation. Durch die intensive Durchwurzelung liessen sich die meisten Töpfe am Ende der Kultur gut voneinander lösen.
Für den professionellen Gemüsebau bleibt die Pressbarkeit dennoch ein Schlüsselkriterium. Ein Substrat kann hervorragendes Pflanzenwachstum ermöglichen – wenn es sich nicht zuverlässig maschinell pressen und pflanzen lässt, bleibt sein praktischer Nutzen begrenzt.
Kopfsalat zeigt Schwächen torfreduzierter Substrate besonders deutlich
Wie stark die Kulturart über Erfolg oder Misserfolg einer Substratmischung entscheidet, zeigte sich bereits bei der Keimung.
Kopfsalat reagierte deutlich empfindlicher als Blumenkohl. Bei den Mischungen 1 und 8 lagen die Keimraten deutlich unter dem Niveau, das für die professionelle Jungpflanzenproduktion erwartet wird. Auch Mischung 5 zeigte eine gewisse Keimhemmung.
Ganz anders die Mischungen 2 und 4: Mit 97 beziehungsweise 100 Prozent Keimfähigkeit erreichten sie Werte auf dem Niveau der Referenzsubstrate.
Beim Blumenkohl waren die Unterschiede wesentlich kleiner. Bei Lecanu lagen die Keimraten zwischen 84 und 92 Prozent, bei Clarina zwischen 88 und 100 Prozent. Die Kultur kam mit den unterschiedlichen Substratbedingungen somit deutlich besser zurecht als Kopfsalat.

Salzgehalt als Risikofaktor für die Keimung von Salat
Warum schnitten einige Mischungen beim Kopfsalat schlechter ab?
Bei den Mischungen 1 und 8 liegt eine mögliche Erklärung im erhöhten Salzgehalt. Beide Substrate wiesen erhöhte EC-Werte auf. Einen wesentlichen Beitrag dazu dürfte das verwendete Pilzsubstrat leisten.
Bei Mischung 5 lässt sich die reduzierte Keimrate dagegen nicht über den EC-Wert erklären. Hier könnte der Anteil an Sonnenblumenstroh eine Rolle gespielt haben.
Für die Entwicklung torfreduzierter Substrate bedeutet das: Nicht nur der Anteil des Torfersatzes ist entscheidend. Auch die Eigenschaften und Wechselwirkungen der einzelnen Ausgangsstoffe müssen berücksichtigt werden.
Pflanzenwachstum: Mischung 6 überrascht beim Blumenkohl
Auch beim Wachstum zeigte sich: Ein Substrat, das bei einer Kultur überzeugt, muss bei einer anderen noch lange nicht gleich gut funktionieren.
Der Kopfsalat erreichte bereits rund 20 Tage nach der Aussaat das pflanzbereite Stadium mit vier bis fünf echten Blättern. Beim Blumenkohl dauerte die Anzucht – abhängig vom Substrat – zwischen 26 und 33 Tagen.
Bei Kopfsalat entwickelten sich insbesondere Pflanzen in den Mischungen 1 und 8 langsamer. Auch beim Blumenkohl traten substratabhängige Verzögerungen auf.
Besonders interessant wurden die Resultate beim Blick auf die gebildete Pflanzenmasse.
Bei Blumenkohl Lecanu erreichte Mischung 6 eine Frischmasse von 3,44 Gramm pro Pflanze. Damit lag sie deutlich über dem Bio-Referenzsubstrat mit 2,51 Gramm und dem konventionellen Referenzsubstrat mit 2,38 Gramm.
Auch bei Clarina erzielte Mischung 6 mit 3,22 Gramm eine hohe Frischmasse. Mischung 8 blieb bei dieser Sorte dagegen mit 2,20 Gramm deutlich zurück.

Beim Kopfsalat zeigten insbesondere die Mischungen 4 und 6 eine hohe Biomassebildung. In Kombination mit der guten Keimfähigkeit deutet dies auf interessantes Potenzial für die Jungpflanzenproduktion hin.
Praxistaugliche Jungpflanzen: Mischung 4 liefert das ausgewogenste Ergebnis
Hohe Biomasse allein macht jedoch noch keine gute Jungpflanze.
Für den Gemüsebaubetrieb zählt das Gesamtpaket: Die Pflanzen müssen sich gleichmässig entwickeln, kompakt bleiben, kräftig sein und sich zuverlässig pflanzen lassen. Deshalb erfolgte am Ende der Anzucht eine Gesamtbeurteilung der Pflanzenqualität.
Hier stachen Mischung 4 und 6 hervor: Bei allen drei geprüften Kulturen erreichten die Jungpflanzen mindestens die Qualität der Referenzsubstrate.
Schwächen zeigten dagegen die Mischungen 1 und 8 beim Salat sowie die Mischungen 5 und 8 bei Blumenkohl Clarina. Sie blieben unter dem für eine ausreichende Praxisqualität festgelegten Bewertungsniveau.

Bewertung: Note 1 = sehr schlecht, Note 9 = sehr gut; unter Note 7 = nicht praxistauglich.
Mischung 6 liefert dabei ein besonders aufschlussreiches Ergebnis: Sie ermöglichte bei beiden Blumenkohlsorten eine hohe Biomasse und zeigte auch beim Salat eine gute Keimfähigkeit. Gleichzeitig überzeugte ihre Pressbarkeit noch nicht.
Mischung 4 präsentierte sich insgesamt ausgewogener. Sie verband eine sehr gute Keimfähigkeit des Salats mit überzeugendem Pflanzenwachstum. Auch ihre Pressbarkeit war bei der Herstellung noch nicht optimal, die Pflanzbarkeit am Ende der Anzucht wurde jedoch als machbar beurteilt.
Torfersatz braucht mehr als einen guten Rohstoff
Der Praxistest zeigt: Torfreduzierte Substrate können grundsätzlich für die Produktion von Jungpflanzen in Erdpresstöpfen geeignet sein. Die Herausforderung besteht darin, pflanzenbauliche und technische Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen.
Besonders die Keimfähigkeit erwies sich als kritischer Parameter. Während Blumenkohl auch mit stärker abweichenden Substratbedingungen vergleichsweise gut zurechtkam, reagierte Kopfsalat empfindlicher. Für eine professionelle Produktion sind insbesondere die deutlich reduzierten Keimraten der Mischungen 1 und 8 problematisch.
Die Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass die Anteile von Grünkompost und gebrauchtem Pilzsubstrat begrenzt werden sollten. Für zukünftige Versuche wird daher empfohlen, den Gesamtanteil beider Komponenten auf unter 20 Prozent zu beschränken, wobei der Anteil an gebrauchtem Pilzsubstrat höchstens 10 Prozent betragen sollte. Dadurch lässt sich das Risiko keimungs- und wachstumshemmender Effekte infolge erhöhter EC-Werte bei verschiedenen Kulturen minimieren.
Mischung 6 bleibt aufgrund ihres guten Wachstumsverhaltens im Rennen. In weiteren Versuchen soll nun ihre Pressbarkeit verbessert werden. Im Fokus steht dabei unter anderem die Frage, wie sich angepasste Anteile von Holzfasern und Grünkompost auf die Verarbeitung auswirken.
Der Weg zum torfreduzierten Substrat führt über den Praxistest
Der Versuch macht deutlich, warum der Torfausstieg nicht allein durch den Austausch eines Rohstoffs gelingen kann. Sonnenblumenfasern, Holzfasern, Kompost oder gebrauchtes Pilzsubstrat bringen jeweils eigene Eigenschaften mit – und beeinflussen sowohl die Pflanzen als auch die technische Verarbeitung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Welcher Rohstoff ersetzt Torf?
Sondern: Welche Kombination funktioniert für Kultur, Jungpflanzenqualität und Produktionsverfahren gleichzeitig?
Genau hier liefern Praxisversuche wichtige Antworten. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass torfreduzierte Erdpresstöpfe funktionieren können – aber auch, dass auf dem Weg zu robusten Rezepturen noch Optimierungsarbeit nötig ist.
Denn am Ende muss ein nachhaltigeres Substrat zwei Tests bestehen: den der Pflanze und den der Praxis.
«Dieses Projekt wurde durch das Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe der Europäischen Union unter der Finanzhilfevereinbarung Nr. 101216569 sowie durch das Schweizerische Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanziert. Die geäusserten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschliesslich die des PEATLESS-Projekts und spiegeln nicht notwendigerweise die der Europäischen Union oder der European Research Executive Agency (REA) wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können dafür verantwortlich gemacht werden.»
Kontakt & Links:
Alex Mathis (Autor)
Forschungsgruppe Hortikultur,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR
Weitere Infos & Publikationen
Schlussbericht : Torfreduzierte Bio-Anzuchtsubstrate für den produzierenden Gemüse- und Beerenanbau.