Lehrformate und Unterrichtsmodelle

Französisch geflippt

Beitrag von Alice Delorme Benites

Bilder: Alice Delorme Benites

Als Dozentin am Institut für Übersetzen und Dolmetschen unterrichtet Alice Delorme Benites seit September 2016 französische Grammatik im Flipped Classroom, wo reine Informationsvermittlung ausserhalb des Präsenzunterrichts stattfindet und gemeinsame Zeit der Vertiefung und Anwendung gewidmet ist. Was sie zur Umstellung auf dieses Lehrformat bewogen hat, wie sich der Unterricht dadurch verändert und ob der Aufwand sich lohnt, berichtet sie im Interview (Fragen: Fenja Talirz).

Französische Grammatik im Flipped Classroom: Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?

Als Erstes muss ich versichern: Es ging nie um Teilnehmerzahlen. Bei mir in der Vorlesung sitzen i.d.R. 30 Studierende, so dass ich eine „konventionelle“ Vorlesung durchaus halten könnte. Aber obwohl sie gerade angefangen haben zu studieren (meine Vorlesung findet im 1. Semester statt), wird von ihnen doch recht viel Autonomie verlangt. Nur wurde ihnen nirgendwo gezeigt, was das Lernen an der Hochschule vom stark lehrerzentrierten, eher passiven Lernen in der Schule unterscheidet. Maria Montessori hatte dazu einen schönen Satz: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Genau das war mein Ziel. Der Flipped Classroom ermöglicht mir, den Studierenden ihr Lernen in die eigenen Hände zu legen und zu sagen: Jetzt seid ihr dran, ihr lernt und ich helfe. Ich versuche ihnen neben Grammatik auch Schüsselkompetenzen für das gesamte Studium zu vermitteln.

Ist das Format des Flipped Classroom denn für die spezifischen Herausforderungen im Sprachunterricht geeignet?

Ja, wenn die Lernvideos den Präsenzunterricht nicht ersetzen. Ich sehe darin eine große Chance, die Realität unserer Studierenden stärker miteinzubeziehen. Zurzeit arbeiten wir – die Sprachdozierenden – vorrangig so, als ob die Studierenden zu Hause keinen weiteren Kontakt mit der Sprache hätten. Das ist aber heutzutage erfreulicherweise nicht mehr der Fall: Dank Internet und neuer Technologien sind die meisten Online-Hobbies der Studierenden (YouTube-Videos, Netflix, Facebook, Twitter etc.) mehrsprachig! Sie sind im Dauerkontakt mit Fremdsprachen, aber dieses Potenzial wird oft nicht wahrgenommen, weil es im Gegensatz zu „seriösen“ Hausaufgaben mit Unterhaltung verbunden wird. Durch meine humorvollen Lernvideos wage ich einen Schritt in die Onlinewelt der Studierenden, damit wir im Unterricht dann doch nicht nur die Videos besprechen, sondern auch andere Erfahrungen mit der Sprache, die sie außerhalb des Lernkontexts gemacht haben. Es geht dann oft um Musik, Filme, Serien aber auch Webseiten. Die Idee ist, dass sie zwei „Welten“ zusammenführen und sehen, welches Lernpotenzial in ihrem Alltag steckt. Gleichzeitig kann ich sie besser begleiten und mit ihnen gemeinsam erkunden, welche Internet-Ressourcen zuverlässig sind und welche es eher zu vermeiden gilt.

Hast du beim Aufgleisen der Lehrveranstaltung Unterstützung erhalten?

Ja, das habe ich. Die Fachgruppe Blended Learning war eine enorme Hilfe, vom Vorschlag der passenden Software bis hin zu individuellen Sitzungen für meine konkreten Fragen. Aber auch Dozierende, die schon länger mit Flipped Classrooms unterwegs sind, haben mir freundlich Antworten und wertvolle Tipps gegeben. Und schließlich habe ich in meinem Departement von der Fachgruppe Französisch viel Zuspruch erhalten. Sie waren sehr angetan von der Idee und haben mich sehr wohlwollend begleitet.

Hand aufs Herz: Wie hoch war der Initialaufwand bei der Vorbereitung?

Immens. Tatsächlich sass ich gute zwei Monate an meinen insgesamt elf Videos. Allerdings muss ich hinzufügen, dass mein Konzept ein sehr aufwändiges ist. Bei den Videos handelt sich um Animationen, die abstrakte Grammatik-Konzepte durch lustige Szenen konkreter machen. Ich habe deshalb schon sehr viel Zeit damit verbracht, für jedes Video und jedes Thema ein anderes Design, unterschiedliche Visualisierungen, passende französische Lieder und relevante interaktive Fragen zu suchen und einzubauen. Wenn ich mich aufgenommen hätte, während ich eine „normale“ PowerPoint-Präsentation kommentiere, hätte ich wahrscheinlich ein Drittel der Zeit gebraucht.

Wie erlebst du deinen Unterricht in diesem Format? Erzielt er die gewünschte Wirkung?

Am ersten Tag habe ich den Studierenden erklärt, dass die Lerninhalte alle auf Moodle sind und dass ich ab folgender Woche nur noch zum Beantworten von Fragen im Vorlesungsraum stehen werde. Ich habe ihnen wirklich gesagt, dass sie in den Unterricht kommen oder auch erst zur Prüfung wiedererscheinen können die Organisation überlasse ich ja ihnen. In der Nacht vor dem nächsten Unterrichtstermin habe ich kaum geschlafen: Was, wenn niemand kommt? Und doch waren fast alle da, und zwar mit Fragen. Der Kurs war dann – und ist immer noch – sehr spannend, denn wir sprechen über Unklarheiten, Einzelfälle, Widersprüche und Ausnahmen. Ich habe das Konzept auch auswertet, indem ich die Moodle-Userdaten analysiert habe. Ein bemerkenswertes Ergebnis war, dass die Teilnahme am Präsenzunterricht mit den Noten korrelierte: Je mehr die Studis im Unterricht waren, desto besser ihre Endnote. Dabei habe ich in den Präsenzlektionen wirklich nichts Neues mehr eingeführt.

Inwiefern hat sich im Flipped Classroom deine Rolle und Aufgabe als Lehrperson verändert?

Meine neue Rolle ist die einer Begleiterin. Wir führen nun Fachgespräche, denn wir teilen in unseren wöchentlichen Sitzungen das gleiche Wissen. Das Machtspiel zwischen „wissender Lehrperson“ und „unwissenden Lernenden“ ist ausgehebelt. Es geht nun darum, die Studierenden lateral zu führen und mit ihnen etwas zu konstruieren, das ihnen gehört und nicht zwangsläufig meinen Vorstellungen entspricht. Ich drücke ihnen nichts auf, sondern ich helfe, wo ich kann und – wichtiger – wo sie es wollen. Nicht selten besteht meine Arbeit darin, gar nichts zu erklären, sondern das Gruppengespräch so zu moderieren, dass die „richtige“ Antwort daraus entsteht.

Wie empfinden die Studierenden den Unterricht? Schätzen sie die Videos?

Die Studierenden lieben die Videos, weil sie humorvoll gestaltet sind. Besonders schätzen sie die Witze und die Lieder, die ich systematisch einbaue, um bestimmte Grammatik-Regeln zu erläutern. Sie sind auch dankbar, dass sie sich den Zeitpunkt aussuchen können, wann sie das Video anschauen. Ein Student schrieb als Rückmeldung: „Sie hat verstanden, dass jeder Student anders ist.“ Diesen Satz finde ich sehr schön, denn er zeigt, dass sie die verfügbaren Möglichkeiten für individualisiertes Lernen erkennen und nutzen.

Beitrag von Alice Delorme Benites

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