Verschieden grosse Wohnung im selben Gebäude

Wohngeschichten

Autorin: Esther Spinner

In der Genossenschaft unserer Autorin wird über die Verteilung von Wohnraum diskutiert. Neu sollen in einer Vierzimmerwohnung mindestens drei Menschen wohnen, zuvor waren es zwei. Da Wohnraum in Zürich knapp ist, sollen die Menschen zusammenrücken. Diese Diskussion bewog unsere Autorin über die Wohnverhältnisse in ihrer Kindheit nachzudenken.

Als ich zur Welt kam, lebten meine Grossmutter, meine Eltern und meine beiden Schwestern in einer 5-Zimmer-Wohnung. Es galt die Formel Anzahl Zimmer = Anzahl Personen. Weil ich dazu kam, veränderte sich die Formel in Anzahl Zimmer plus 1.
Das blieb so, bis meine Grossmutter starb. Ihr Tod brachte nicht nur eine Veränderung der Formel, ihr Tod hinterliess auch eine empfindliche Lücke im Familiengeschäft, die nun von meiner Mutter ausgefüllt werden sollte. Doch wohin mit den drei Kinder zu Hause, eines davon gerade ein Jahr alt? Meine Eltern suchten nach einer Lösung und fanden deutsche Mädchen, die damals – 5 Jahre nach Kriegsende – gerne in die Schweiz kommen wollten. Der Ausdruck Au-Pair war unbekannt, die jungen Frauen wurden Mädchen genannt und hiessen Julia, Marion, Isolde. Die Mädchen teilten jeweils ihr Zimmer mit mir, dem kleinsten Kind. So blieben wir bei der Formel Anzahl Zimmer plus 1.

Als ich zur Schule kam, brauchten wir diese Unterstützung nicht mehr. Wir mussten uns bei unserer Mutter im Geschäft präsentieren, sie kontrollierte Zöpfe und Haarmaschen, zog Kniesocken hoch und liess uns gehen. Über Mittag kehrten wir zum Mittagessen ins Geschäft zurück, überquerten danach die Langstrasse, stiegen in unsere Wohnung im vierten Stock, wo uns unsere Ämtli erwarteten. Das war die Zeit von 5=5, wie vor meiner Geburt. Sie dauerte nicht lange.

Ob meinen Eltern die Wohnung zu gross schien, ob sie den finanziellen Zustupf gut brauchen konnten? Bei uns sollte ein Zimmerherr einziehen. Keine Frau, sagte meine Mutter, auf keinen Fall. Frauen wollen Strümpfe waschen im Bad und sich womöglich morgens Kaffee kochen. Männer sind pflegeleichter, die bringen ihre Wäsche in die Wäscherei oder zur Mutter. Mit dem Zimmerherrn stieg unsere Wohnformel wieder auf 5 plus 1.

Ich besuchte die letzte Klasse der Sekundarschule, als zwei Dinge passierten: Uns wurde die Wohnung gekündigt, und meine mittlere Schwester verliess den Familienverband. Meine Eltern fanden nichts passendes und zahlbares in der Stadt Zürich. Unser neuer Wohnsitz lag in Oberrieden an der Pfnüselküste. Wir lebten nun zu viert in einer Vierzimmerwohnung, zum ersten Mal bekamen meine älteste Schwester und ich je ein eigenes Zimmer. Als ich mit knapp Neunzehn auszog, übernahm die kleine Tochter der mittleren Schwester meinen Platz. Jahre später ging auch die Älteste eigene Wege, und meine Eltern fanden eine Dreizimmerwohnung in Zürich. Die Organisation war fast wie früher: die Enkeltochter fuhr mit den Grosseltern ins Geschäft, wurde von dort zur Schule geschickt und kam dahin zurück. Die Formel aber blieb in all den Jahren gleich: Anzahl Zimmer = Anzahl Personen.

Nach geschiedener Ehe zog ich vom Land zurück in die Stadt, fand ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft und ebenda einen neuen Freund. Der kam von Solothurn, und als er mir seine Stadt zeigte, besuchten wir auch seine Eltern. Ich staunte, als er einen Schlüssel aus der Tasche zog, die Haustür aufschloss und rief: Hallo, wir sind da! Es war kein luxuriöses Einfamilienhaus, aber es gab darin sein Zimmer, das offenbar immer für ihn bereit stand, das schmale Bett bezogen, im Büchergestell die alten Schulbücher, auf dem unteren Regal die noch älteren Kinderbücher. Das Zimmer war unverändert. Klar, sagte er, es ist ja meins.

Später erlebte ich dasselbe mit meiner Lebensgefährtin. Auch sie trug den Schlüssel vom Elternhaus am Schlüsselring, auch sie läutete nicht an der Haustür, sondern schloss auf, sagte zu mir: Komm rein, und rief ein Hallo ins Haus hinein.
Auch dieses Haus war kein Palast, kleiner noch als das meines ehemaligen Freundes, eng und mit kleinen Zimmern bestückt. Aber auch hier gab es ihr Zimmer, zuoberst unterm Dach, das Bett unter der Dachschräge, im Regal abgegriffene Schulbücher, Kinderbücher mit Eselsohren, Schulhefte. Diese Sammlung rührte mich, und ich dachte mit leiser Wehmut an alle früheren Schätze, die meine Mutter jeweils kurz nach dem Auszug einer Tochter entsorgte.

Die beiden Erlebnisse verblüfften mich. Ich fragte mich, wie ein Mensch sich fühlt, der weiss, dass er diesen Rückzugsort hat, beinahe für immer, jedenfalls für lange Zeit. Ich dachte daran wie ich auszog, damals, ausgerüstet mit einem neuen Wintermantel, den mir meine Mutter kaufte, da sie annahm, dass ich mir von meinem Lehrtochterlohn keinen leisten könne.
Das allerbeste an meiner Ausbildung zur Krankenschwester war das eigene Zimmer. Mich störte kein bisschen, dass wir intern wohnen mussten, vielleicht hatte ich mich sogar aus diesem Grund für diese Ausbildung entschieden.

Ich zog oft um in meinem Leben, einmal sogar 10 mal in 10 Jahren. Die schönste Wohnung, die ich je bewohnte, war die Atelierwohnung in der Siedlung Hardturm. Sie war unendlich gross, bot Platz für Bücher, für mehrere Pulte, für meine ganze Auslegeordnung, aus der irgendwann ein Buch entstand. Der Ausgang ins Grüne, der gelbe reichblühende Rosenstrauch: alles wunderbar. Und doch war es nicht ganz meine Wohnung. Ein leises Unbehagen nistete sich ein. So viel Platz für mich allein? War das gerecht? Oft dachte ich ans Umbauen, zog Wände ein, dachte an schalldichte Vorhänge, an halbtransparente Paravents. Denn eigentlich sollten wir hier zu zweit wohnen. Ich fand keine sinnvolle Lösung.

Das Unbehagen, das Schamgefühl, verschwanden nur langsam. Ganz weg sind sie erst, seit ich einen Stock höher wohne, zusammen mit meiner Lebensgefährtin. Die Formel heisst 3 minus 1. Sie entspricht nicht ganz dem lebenslangen Prinzip meiner Eltern – aber immerhin den Vorgaben der Genossenschaft.


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