Bei Care Farming im Alter leben Menschen 65+ auf einem Landwirtschaftsbetrieb. Sie bringen sich je nach Interessen und Fähigkeiten ein. Dafür sind sie integriert in eine soziale Gemeinschaft. So vielfältig wie das Leben im Alter – so vielfältig sind auch die Möglichkeiten von Care Farming im Alter von Bauernbetrieben. Besonders ist dabei, dass zwei Disziplinen, die sonst wenig Berührung miteinander haben – Soziale Arbeit und Landwirtschaft – für dieses Projekt zusammenarbeiten. Die Pflege- und Gesundheitswissenschafterin Iren Bischofberger wurde interviewt von der Forschungsgruppenleiterin Dorit van Meel.
Was war der ursprüngliche Anlass, ein Projekt zum Thema Care Farming im Alter zu starten, und welche Fragestellungen haben dich dabei besonders interessiert?
Angesichts des raschen demographischen Wandels – manche sprechen auch von einer Care Krise – brauchen wir als Gesellschaft alle möglichen Varianten von Wohnen und Leben im Alter. Deshalb stand folgende Frage im Zentrum: Was ist der Stand von Care Farming im Alter in der Schweiz, und wie können wir es transdisziplinär weiterentwickeln?
Wohnformen für Menschen 65+ sind auch für deren Angehörige in jeder Lebensphase bedeutsam. Mich interessieren ganz speziell die erwerbstätigen Angehörigen von Menschen mit Hilfebedarf. Für sie sind Bauernhöfen mit Tagesangeboten oder vorübergehender oder dauerhafter Wohnmöglichkeit eine wichtige Unterstützung.
Warum ist gerade das höhere Lebensalter ein relevantes Feld für Care-Farming-Angebote – und welche Bedürfnisse älterer Menschen können solche Angebote besonders gut adressieren?
Die Lebenserwartung in der Schweiz ist international fast am höchsten, und es werden immer weniger Kinder geboren. Deshalb sind wir eine Gesellschaft des langen Lebens mit immer mehr Menschen jenseits des Pensionsalters. Gleichzeitig wohnen immer mehr in Einpersonenhaushalten, und die Familienangehörigen leben oft nicht mehr in der unmittelbaren Nachbarschaft. Auch dauert das Leben mit Beeinträchtigungen immer länger und für die meisten am liebsten zuhause, dank moderner Medizin und neuen Hilfsmitteln. All das kombiniert führt eben zu einem längeren Leben mit Einschränkungen – das führt neben guter Lebensqualität oft auch zu Einsamkeit. Hier bieten Aufenthalte auf einem Bauernhof in einem familiären Rahmen soziale Kontakte und Sinnhaftigkeit.
Du hast im Projekt Akteurinnen und Akteure aus verschiedenen Fachrichtungen zum Thema Alter und Care Farming einbezogen. Welche Perspektiven auf Care Farming im Alter sind dir dabei begegnet?
Bei intersektoralen Themen – also dem Gesundheits- und Landwirtschaftsbereich – sind vielfältige Perspektiven und deshalb vielfältige Disziplinen wichtig. Dabei schauen alle über den Tellerrand. Das verbindet und fördert die Denkweise, wie man gemeinsam Care Farming im Alter voranbringen kann.
Wir haben aber nicht nur Fachpersonen eingeladen, sondern auch Personen 65+. Für sie war wichtig, dass Alter nicht nur mit Betreuung und Pflege verbunden wird, sondern dass man jenseits des gesetzlichen Rentenalters auch viel bieten kann – Lebenserfahrung, Kreativität im Umgang mit Verlust und Einschränkungen oder ganz konkret können sie zum Beispiel den Kindern auf dem Hof bei den Hausaufgaben helfen. Diese intergenerationelle Perspektive, die auch eine Fachperson einbrachte, war für mich sehr wertvoll.
Gab es während der Interviews mit diesen Stakeholdern Erkenntnisse oder Aussagen, die dich besonders überrascht oder zum Umdenken angeregt haben?
Anknüpfend an die vorherige Frage war für mich wichtig, dass auch Personen von der öffentlichen Verwaltung teilnahmen, und zwar aus den Bereichen Landwirtschaft, Alter und Pflege. Denn sowohl der Gesundheits- als auch der Landwirtschaftsbereich sind stark reguliert. Diese Teilnehmenden empfahlen Pionierbetrieben von Care Farming im Alter, frühzeitig mit Regulierungsinstanzen Kontakt aufzunehmen. Gleichzeitig realisierten diese Teilnehmenden, dass innerhalb von Verwaltungen mehr «über den Tellerrand schauen» nötig ist. Diese Sensibilität, über die Sektoren hinweg zu denken und zu handeln, ist wichtig, um Innovationen voranzubringen.
Ein wichtiges Ergebnis des Projekts ist die Roadmap mit Entwicklungszielen für die nächsten 15 Jahre. Welche Vision für Care Farming im Alter im Jahr 2040 erscheint dir besonders richtungsweisend?
Wer Care Farming im Alter in Anspruch nehmen möchte, sollte dies in der Schweiz flächendeckend tun können. Der Weg dahin braucht Pragmatismus. Kein Landwirtschaftsbetrieb sollte mit den höchsten Hürden starten, sondern konsequent ein Angebot inhaltlich und betriebswirtschaftlich entwickeln und dafür auch gezielt Werbung machen.
- Am einfachsten sind Tagesangebote mit guter Erreichbarkeit für Menschen 65+, die noch gut zu Fuss sind. Mit Erfahrung, Routine und guter Finanzplanung kann das Angebot erweitert werden, z. B. mit einem barrierefreien WC.
- Ein Landwirtschafsbetrieb im Emmental, die Pflegefamilie Hohgantblick, hat so begonnen und das Angebot über mehrere Jahrzehnte ausgeweitet – heute sogar bis zu einem rollstuhlgängigen Stall und einem Pflegeheim mit Palliative Care Angebot.
- Hilfreich sind auch die Kontakte zur Gemeinde und zu Altersfachstellen, die Hinweise geben können für nachhaltige Planung, z. B. welche Bewilligungen frühzeitig angegangen werden sollen, oder was z. B. Bedürfnisse bei spezifischen Alterssituationen sind.
- Ganz wichtig ist auch, die Landwirtschaftsbetriebe im städtischen Eigentum, denn dort leben die meisten Menschen 65+. So können z. B. Gartenprojekte in Städten für angepasst werden, etwa mit Hochbeeten oder genügend Schatten-, Trink- und Sitzmöglichkeiten.
- Auch hilfreich sind Bauernhöfe mit Fachpersonen im Gesundheits- oder Sozialbereich, z. B. Pflegefachfrauen oder Sozialpädagogen. Sie bringen wertvolle Grundkenntnisse für das Leben im Alter mit, z. B. im Hof Oasis Haslifeld (Kt. BE) mit einer Ergotherapeutin oder im Aemisegg (Kt. SG) mit einer Pflegefachfrau und Landwirtin.
Welche Schritte sind aus deiner Sicht kurz- und längerfristig nötig, damit Care-Farming-Angebote für ältere Menschen breiter bekannt, zugänglich oder finanziell tragfähig werden?
Zum einen müssen wir uns bewusst werden, dass sowohl im Alters-, Gesundheits- und auch Landwirtschaftsbereich Transformationen im Gange sind. Dazu gibt es demographische, technische und auch politische Treiber. Für Care Farming im Alter bietet das viele Chancen, weil Denkwelten aufgebrochen werden. Diese Chancen sollten wir packen.
Zum andern ist seit der Gründung des Dachverbands Green Care Schweiz im Jahr 2022 die Vernetzung noch besser möglich. Denn viele Angebote sind noch isoliert und eine Nische. All die Erfahrungen und das Wissen zusammen sind eine hervorragende Grundlage für die Zukunft.
Ebenso sind Seniorenorganisationen, wie z. B. der Schweizerische Seniorenrat ein wichtiger Akteur. Denn viele Seniorinnen und Senioren können bei der Konzeption von Angeboten auf Landwirtschaftsbetrieben mitwirken und so ihre Perspektive einbringen.
Langjährige Erfahrungen haben auch sogenannte Vermittlungsorganisationen (z. B. www.wobeag.ch, www.lub.ch), die Höfe und Familien zusammenbringen, bisher weitgehend für jüngere Menschen. Sie haben vor allem Know-how zur Qualitätssicherung und können ihre Angebote auf Menschen 65+ ausweiten (wobei die Aufenthalte in dieser Altersgruppe selten über die IV finanziert sind). Aber die im Juni 2025 vom eidgenössischen Parlament geschaffene Pauschale für die Betreuungsfinanzierung im EL-Gesetz könnte hier greifen – nun sind die Kantone gefragt (der Kanton Zürich ist hier Vorreiter).
Ein Grossteil der Schweizer Bauernhöfe ist eher klein und wird zu Dreivierteln von Familien geführt. Hier bietet Care Farming im Alter eine interessante Perspektive für das inhaltliche und betriebswirtschaftliche Vorausdenken und die bereits laufende Transformation.
Schliesslich ist aus Wissenschafts- und Policysicht OneHealth ein interessantes Konzept für Care Farming im Alter. Dabei geht es um die Wechselwirkungen von Tier, Mensch und Ökosystem und wie wir Gesundheit nachhaltig und sektorenübergreifend schützen können. Der Kern von OneHealth liegt zwar in der Infektiologie, aber auch sozial- und gesundheitswissenschaftlich bietet es interessante Ansätze für die Wechselwirkung von Alter, Landwirtschaft und Gesundheit.
Im Projekt der ETH hat auch die ZHAW mitgearbeitet. Was hat diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht, das sonst vielleicht nicht sichtbar geworden wäre?
Ich hatte bis vor wenigen Jahren beruflich noch kaum mit Landwirtschaftsfragen zu tun. Deshalb war der Kontakt zu dir, Dorit, und der ZHAW im Allgemeinen interdisziplinär sehr wertvoll und fachlich wichtig. Besonders in deiner Rolle als Leiterin der Forschungsgruppe „Grün und Gesundheit“ und als Mitglied des Interdisziplinären Schwerpunktes Angewandte Gerontologie AGe+ an der ZHAW. Vielen Dank in diesem Zusammenhang an Dr. Romaine Farquet, Projektleiterin der a+ Swiss Platform Ageing Society, die den Kontakt hergestellt hat. Diese Vernetzung von drei Disziplinen zeigt konkret auf, wie interdisziplinär Care Farming im Alter ist. Kurzum: Wir bringen Care Farming nicht nur interdisziplinär als Hochschulkolleginnen voran, sondern auch transdisziplinär mit Akteuren der Zivilgesellschaft und der Praxis. Aus dem Projekt haben sich dazu Arbeitsbeziehungen ergeben, die in weitere Projekte einfliessen können.
Infobox Care Farming im Alter
Bei Care Farming im Alter nehmen Menschen 65+, die nicht der Bauernfamilie angehören, Dienstleistungen des Landwirtschaftsbetriebs in Anspruch. Je nach Interessen und Fähigkeiten sind dies Aufgaben wie, z. B. die Verarbeitung von Gemüse und Kräutern, das Füttern von Tieren oder deren Begleitung auf die Weide, Brotbacken für den Hofladen oder die Mithilfe in einem Hof-Café. Personen 65+ bringen dabei auch ihre Kenntnisse ein. Sie sind integriert in eine soziale Gemeinschaft auf dem Landwirtschaftsbetrieb, sei dies für Stunden, Tage, Wochen oder sie leben hier mit unterschiedlichen Wohnmöglichkeiten (Studio, Zimmer, gemeinsame Wohnung). So vielfältig wie das Leben im Alter – so vielfältig sind auch die Möglichkeiten von Care Farming im Alter von Bauernbetrieben. Je nach Angebot sind Bewilligungen für den Aufenthalt oder die Infrastruktur erforderlich. Oft ist der Aufenthalt kostenpflichtig, bisher vor allem als Selbstzahler Angebot.
Zur Person
PD Dr. Iren Bischofberger ist Pflege- und Gesundheitswissenschafterin und arbeitet als Senior Researcher am Transdisciplinarity Lab (TdLab) an der ETH Zürich, als Privatdozentin an der Universität Wien sowie als klinische Pflegewissenschafterin am Kantonsspital Aarau. Sie leitet im Verein rethinking care innovative Projekte in den Bereichen Home Care und pflegende Angehörige. Auserdem hat sie verschiedene strategische Mandate im Spital- und Spitexbereich, in einer Vergabestiftung und ist Mitglied der Nationalen Ethikkommission.
Zur Autorin
Dr. Dorit van Meel, Leiterin Forschungsgruppe «Grün und Gesundheit», ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil. Sie ist auch Mitglied der Kerngruppe des interdepartementellen Schwerpunktes Angewandte Gerontologie AGe+ an der ZHAW. Zudem ist sie Chefredakteurin der Fachzeitschrift GREEN CARE.