Wald statt Wartezimmer?

Die Wirkung der Natur auf Stress, Erholung und Gesundheit

Kann ein Waldspaziergang Stress senken? Und wirken sich Berge oder Seen tatsächlich positiv auf unser Wohlbefinden aus? Diesen Fragen ist ein vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) unterstütztes Projekt der ZHAW von 2021 bis 2025 nachgegangen. Ziel war es, die gesundheitsfördernden Eigenschaften verschiedener Landschaftstypen in der Schweiz systematisch zu erfassen – und messbar zu machen.

Was macht eine Landschaft «therapeutisch»?

Im Zentrum des Forschungsprojektes stand der Begriff der «therapeutischen Landschaften» geprägt vom US-Geografen Wilbert Gesler. Gemeint sind Orte, die durch ihre physische Beschaffenheit oder ihre Atmosphäre nachweislich positive Effekte auf die physische und psychische Gesundheit haben, beispielsweise durch Ruhe, Bewegung, Sinneseindrücke oder soziale Begegnung

Die Forschungsgruppe Grün und Gesundheit kombinierte dafür Daten der Arealstatistik des Bundes mit der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), um Schweizer Landschaftstypen und -flächen systematisch zu analysieren. Daraus entstand mit Unterstützung von Fachexpert:innen der Katalog «Schweizer Landschaften und ihre gesundheitsfördernden Eigenschaften».

Indizes für Erholung, Stressabbau und Wohlbefinden

Zur Bewertung wurden zwei neue Kennwerte entwickelt:

  • Der Ressourcen-Index misst, wie direkt eine Landschaft auf das Wohlbefinden wirkt – etwa durch Ruhe, Bewegung oder Sinneseindrücke.
  • Der Potenzial-Index zeigt, wie gut sich eine Landschaft für gesundheitsfördernde Aktivitäten oder Interventionen eignet.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Wälder, Gewässer und naturnahe Räume schneiden am besten ab – sowohl bei der unmittelbaren Wirkung als auch beim Potenzial. Sie bieten Erholung, senken Stresslevel und fördern körperliche Aktivität. Deutlich schlechter schnitten hingegen urbane Gebiete und intensiv genutzte Agrarflächen ab.

Natur schlägt Stadt

In einer begleitenden Experimentalstudie verbrachten 100 Proband:innen je 15 Minuten in unterschiedlichen Umgebungen: naturnah, urban oder im Innenraum. Zur Untersuchung psychologischer und physiologischer Veränderungen, die mit dem Aufenthalt in diesen verschiedenen Landschaften verknüpft sind, wurden qualitative und quantitative Methoden kombiniert. Validierte Fragebögen erforschten die subjektive Wahrnehmung von Erholung, Stimmung, Stress und Umweltqualität. Ergänzend wurden diese durch physiologische Parameter wie Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit und Hirnwellen in einem Elektroenzephalogramm analysiert. Die Auswertung zeigte, dass die Natur am stärksten wirkte. Die Teilnehmenden fühlten sich erholter, ihre Stimmung verbesserte sich – und auch physiologische Daten wie die sinkende Herzfrequenz bestätigten diesen Effekt. Stadtlandschaften zeigten immerhin leicht positive Auswirkungen, was auf das Vorhandensein von Grünräumen wie Gärten oder Parkanlagen zurückzuführen ist. Innenräume bewirkten dagegen kaum eine Veränderung.

Ein Werkzeug für Planung und Praxis

Der entstandene Katalog bietet nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch ganz konkrete Anwendungsmöglichkeiten – zum Beispiel in der Stadt- und Landschaftsplanung, im Tourismus oder in der Gesundheitsförderung. Auch wenn noch nicht alle Wirkmechanismen ab schliessend geklärt sind, zeigt das Projekt klar: Naturlandschaften sind mehr als nur Kulisse – sie können aktiv zur Gesundheitsförderung beitragen oder zumindest helfen, gesund zu bleiben.


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