Nach Emergency Remote Teaching zurück zur Präsenzhochschule?! Ein Plädoyer für Blended Learning.

Ein Beitrag von Franziska Hirt und Lisa Messenzehl

Emergency Remote Teaching hat sich als Begriff für die notgedrungene Umstellung auf remote Unterricht während der Covid-19-Pandemie durchgesetzt. Dieser eigenständige Begriff dafür ist wichtig, denn ohne diesen wird der pandemiebedingte Unterricht leicht mit „regulärem“ blended oder remote Unterricht gleichgesetzt. Blended Learning ist jedoch deutlich mehr als ein schnell zugeworfener Rettungsring in Form von Emergency Remote Teaching, und ist auch an der “Präsenzhochschule” längst das Neue Normal.

Emergency Remote Teaching ≠ Blended Learning

Emergency Remote Teaching ist unter Druck entstanden. Oft standen weder Zeit, noch didaktische Flexibilität, noch die notwendigen Kompetenzen für die Gestaltung eines wirklich bereichernden Fernunterrichts zur Verfügung. Emergency Remote Teaching hat deshalb zwar einerseits zu einem Digitalisierungsschub geführt, andererseits mangels guter Vorbereitung und fehlender Alternativen auch stark die Schwachpunkte und Herausforderungen der ausschliesslich digitalen Lehre zum Vorschein gebracht. Dies wurde zum Beispiel beim exzessiven Einsatz von Videokonferenzen sowie bei den obligatorischen Fernprüfungen deutlich. Dass in durchdacht konzipiertem Blended Learning (Stichwort Educational/Instructional Design) remote Elemente aber gezielt eingesetzt werden und dadurch eine ganz andere Wirkung erzielen können, wird dabei schnell vergessen. Ebenso gehören zum Erfolg der Hochschulbildung informelle Austauschmöglichkeiten, welche im Emergency-Durchlauf oft unberücksichtigt blieben bzw. bleiben mussten. Während der Pandemie ging es schliesslich um die schnelle Schaffung eines vorübergehenden, verlässlichen Zugangs zur Bildung und nicht primär um die Konzipierung eines nachhaltigen Bildungs-Ecosystems (Hodges et al., 2020).

Die Forschung zeigt keine klare Überlegenheit von onsite Unterricht

Es ist somit nachvollziehbar, dass Moore et al. (2021) sich klar gegen den (wissenschaftlichen) Vergleich von onsite, vor-Covid-19-Modulen mit deren remote Corona-Umsetzung aussprechen. Ein derartiger Vergleich sollte nicht als Evidenz für das Versagen von digitalem Lernen interpretiert werden. Nichtsdestotrotz wird digitales, remote Lernen dennoch oft als minderwertig behandelt:

Many higher education leaders and faculty are committed to the narrative that online learning is inferior to in-person education, despite the large body of studies over several decades repeatedly demonstrating “no significant difference.”  (Moore et al., 2021)

In der Tat finden Metaanalysen zum Vergleich von onsite Unterricht mit digitalem remote/blended Unterricht (abseits von Emergency Remote Teaching) teils keinen signifikanten Unterschied hinsichtlich Lernerfolg/Noten, teils aber auch bessere Outcomes von blended/remote Learning (Means et al., 2009, 2013; Müller & Mildenberger, 2021; Pei & Wu, 2019; Shachar & Neumann, 2010; Vallee et al., 2020).

Was entscheidet, ob Lernen funktioniert?

Surry und Ensminger (2001) halten generell wenig von einem empirischen Medien-Vergleich:

…there are too many confounding variables in even the best media comparison study for the results to be valid and meaningful.

Auch theoretisch wird der Zusammenhang zwischen Medium und Lernen äusserst kontrovers diskutiert (vgl. u.a. Clark, 2013). Die Anerkennung der Komplexität und Abhängigkeiten in menschlichen Informationsverarbeitungsprozessen erscheint uns sehr wichtig. Die zuvor genannten Metaanalysen (und die darin diskutierten Moderator- und Mediator-Variablen (Means et al., 2009, 2013; Pei & Wu, 2019)) helfen zumindest dabei, aufzuzeigen, dass es vermutlich wichtigere Einflussfaktoren auf den Erfolg des Lernens gibt als das Medium oder den Ort. Aus unserer Sicht sollte Ort und Medium des Lernens im Gesamtkontext des Educational Design, abhängig von Lernziel und Zielgruppe, gewählt werden. Spannend bleibt, genauer zu verstehen, was entscheidet, ob Lernen funktioniert – und für wen. Inwieweit hier in Anbetracht der Komplexität des Themas halbwegs allgemeingültige Aussagen für die Praxis überhaupt möglich und sinnvoll sind, bleibt durch gut designte empirische Forschung zu ertasten.

Wie steht es um die “Präsenzhochschule”?

Moore und Kolleg_innen (2021) berichten aus dem internationalen Hochschulbereich, dass die Erfahrungen des Emergency Remote Teaching bei digital erfahrenen Hochschulen die Bedeutung von blended/remote Learning tendenziell eher weiter verstärkt. Bei digital eher unerfahrenen Hochschulen können die negativen Erfahrungen mit Emergency Remote Teaching die Rückkehr zum alten „Präsenz“-Modell (weg von Blended Learning) weiter bestärken. So argumentieren Moore et al. (2021), dass eine Betonung der Bedeutung der onsite „learning experience“ den (amerikanischen) Campus-Hochschulen als Rechtfertigung für hohe Preise politisch gelegen kommt.

Auch an der ZHAW wird die Bedeutung der “Rückkehr auf den Campus” grossgeschrieben. Dafür gibt es gute Gründe: Praktischer Unterricht ist an unserer Fachhochschule in vielen Bildungsangeboten unverzichtbar. Ausserdem ist der persönliche Austausch und das direkte Miteinander-Lernen auf dem Campus das, was einem Grossteil der momentan erreichten Zielgruppe der ZHAW wohl zusagt; Sonst hätten sie womöglich ein Fernstudium oder eine Online-Weiterbildung gewählt. Nicht zuletzt wird immer wieder betont, dass Studieren vor Ort allgemein auch für die Persönlichkeitsbildung und Professionsentwicklung wichtig sei. Doch die Reflektion bestehender Modelle und Haltungen ist auch an der ZHAW vor dem Hintergrund sich ändernder Bedürfnisse im Gange. Mehr und mehr entstehen ähnlich den FLEX-Studiengängen Bildungsangebote, an denen örtlich und zeitlich flexibler gelernt werden kann. Weiter fördert die strategische Initiative „ZHAW digital“ reine remote Module in der Form von Massive Open Online Courses (MOOCs) auf dem Digital Campus der ZHAW. Und selbst die Veröffentlichung von gratis Open Educational Resources (OER) werden an der ZHAW unterstützt. Die Zielgruppe der ZHAW darf sich also auf ein noch vielfältigeres Bildungsangebot freuen.

Foto: Sigmund/Unsplash

Blended Learning ist längst das Neue Normal

„Rudimentäres“ Blended Learning mit asynchronen Lernphasen auf Moodle war auch vor der Pandemie bereits Standard an der ZHAW. Lernen fand wohl noch nie nur in „Präsenz“ auf dem Campus statt. Und auch andersherum, selbst Fernfachhochschulen betonen die Bedeutung von onsite Veranstaltungen und unterrichten i.d.R. nicht rein remote. Lernen wir also mittlerweile nicht alle in blended Settings, nur eben in unterschiedlich ausgeprägten Mischungen? Und überhaupt: Ist “Präsenz” im eigentlichen Sinne des Wortes nicht auch in synchronen Videokonferenzen oder VR-Umgebungen möglich? Wir glauben, dass die Unterscheidung zwischen Präsenz- und Fernhochschulen auf Ebene der ganzen Hochschule in Zukunft obsolet sein wird.

Die Vorteile von remote versus onsite (und weiteren) Unterrichtssettings werden übrigens im Framework Educational Design der ZHAW: Fachgruppe Blended Learning aufgezeigt. Für die konkrete Umsetzung nachhaltiger Blended Learning Einheiten bietet bspw. dieser Kurs zu Blended Learning Design individuelle Unterstützung.

Dieser Text ist inspiriert durch den EDUCAUSE Artikel: One Year Later . . . and Counting : Reflections on Emergency Remote Teaching and Online Learning (Moore et al., 2021).

Literatur

Clark, R. E. (2013). Media will never influence learning. Proceedings of the 50th Annual Design Automation Conference, 42, 21–29.

Hodges, C., Moore, S., Lockee, B., Trust, T., & Bond, A. (2020). The difference between emergency remote teaching and online learning. EDUCAUSE Review, 1–23.

Means, B., Toyama, Y., Murphy, R., & Baki, M. (2013). The Effectiveness of online and blended learning: A meta-analysis of the empirical literature. Teachers College Record, 115(030303), 1–47.

Means, B., Toyama, Y., Murphy, R., Bakia, M., & Jones, K. (2009). Evaluation of evidence-based practices in online learning. Structure, 66. https://doi.org/10.1016/j.chb.2005.10.002

Moore, S., Trust, T., Lockee, B., Bond, A., & Hodges, C. (2021). One year later . . . and counting: reflections on emergency remote teaching and online learning. EDUCAUSE Review, 1–15.

Müller, C., & Mildenberger, T. (2021). Facilitating flexible learning by replacing classroom time with an online learning environment: A systematic review of blended learning in higher education. Educational Research Review, 34(June). https://doi.org/10.1016/j.edurev.2021.100394

Pei, L., & Wu, H. (2019). Does online learning work better than offline learning in undergraduate medical education? A systematic review and meta-analysis. Medical Education Online, 24(1). https://doi.org/10.1080/10872981.2019.1666538

Shachar, M., & Neumann, Y. (2010). Twenty years of research on the academic performance differences between traditional and distance learning: Summative meta-analysis and trend. MERLOT Journal of Online Learning and Teaching, 6(2), 318–334.

Surry, D. W., & Ensminger, D. (2001). What’s wrong with media comparison studies? Educational Technology, 41(August), 32–35.

Vallee, A., Blacher, J., Cariou, A., & Sorbets, E. (2020). Blended learning compared to traditional learning in medical education: Systematic review and meta-analysis. Journal of Medical Internet Research, 22(8), 1–19. https://doi.org/10.2196/16504


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