Digitalisierung

Lernvideoerstellung leichtgemacht: Lessons Learned von Storyboard bis Schnitt

Beitrag von Daniela Lozza, Rüdiger Maschke, Philipp Meier und Caroline Ulli

Bild: ZHAW

Kürzlich wurde in einem Beitrag dieses Blogs darauf hingewiesen, dass Studierende Lernvideos vor allem nutzen, wenn sie von den Lehrpersonen empfohlen werden. In einem weiteren Artikel war die Förderung von offenen Bildungsressourcen Thema. Doch wie lässt sich ein gutes und professionelles Lernvideo mit einfacher Infrastruktur herstellen, das sich auch in der Öffentlichkeit sehen lassen kann? Der vorliegende Beitrag fasst die Lessons Learned, Tipps und Tricks unserer Videoproduktion zusammen, von der Drehbuchentwicklung über die Vertonung bis zum Schnitt.

Im Rahmen der geförderten E-Learning-Projekte am Departement Life Sciences und Facility Management sind in den letzten Jahren am Institut für Chemie und Biotechnologie (ICBT) zwei Serien von Lernvideos entstanden. Beide Videoserien sind als öffentliche Bildungsressourcen auf YouTube abrufbar und veranschaulichen zwei komplexe, einzigartige Verfahren aus der Bioverfahrens- und Zellkulturtechnik.

Die aktuelle Videoserie mit dem Namen „Von der Traube bis zur Creme“ befasst sich mit der Produktion von Weintraubensuspensionszellen. Die Zellen wurden aus der Haut von Weintrauben angelegt. Das daraus gewonnene Pflanzenzellkulturextrakt wird im Video anschliessend beispielhaft als Grundstoff für die Kosmetikindustrie genutzt. Die gezeigten Verfahren zur Etablierung und zur Massenvermehrung der Weintraubenzellen sind als Beispiel zu verstehen und können auf viele andere Suspensionszellkulturen übertragen werden.

Oberflächensterilisation und Kallusinduktion. Etablierung und Massenvermehrung von Weintraubensuspensionszellen zur Herstellung eines Pflanzenzellkulturextrakts für die Kosmetikindustrie

Die erste Videoserie aus dem Jahr 2015 befasste sich hingegen mit einem innovativen Verfahren für die Produktion von klinisch relevanten Mengen von Stammzellen, welche aus Fettgewebe gewonnen wurden. Diese sogenannten mesenchymalen Fettstammzellen werden u.a. für die Therapie degenerativer Erkrankungen benötigt. Da die Kultivierungen sehr schwierig und kostenintensiv sind, kann das Verfahren nicht mit allen Studierenden im Rahmen eines Praktikums durchgeführt werden. Gleichzeitig sorgen Fehler in der Handhabung oft zu Versuchsabbrüchen, sodass oft kein kompletter Prozess durchgeführt werden kann.

Im Folgenden berichten wir über die Herausforderungen und Lösungen bei der Drehbrucherstellung, dem Filmen und dem Vertonen. Abschliessend zeigen wir einige Einsatzmöglichkeiten von Lernvideos auf.

Konzept und Drehbuch

Das Drehbuch wurde bei beiden Videos von den Fachexpertinnen und -experten verfasst. Die Texte mussten jedoch für die Dreharbeiten und für das Vertonen später nochmals überarbeitet werden.

Eine Geschichte erzählen
Eine wissenschaftliche Schreibweise ist für Erzählungen in Lernvideos ungeeignet, da die Zuhörerinnen und Zuhörer Sätzen mit komplexen Begriffen, Zahlen und Quellenangaben nicht folgen können. Ähnlich verhält es sich bei Aufzählungen: auch hier verliert man beim Zuhören schnell den Zusammenhang. Als Folge mussten die Texte an die gesprochene Sprache angepasst werden. Obwohl wir dabei Wert auf einen erzählerischen Stil legten, bestand natürlich auch ein Anspruch auf korrekte Nutzung von Fachbegriffen, weshalb wir teilweise Kompromisse eingehen mussten.

Filmisch denken
Genau wie bei anderen Filmformaten sollten Lernvideos eine spannende Geschichte erzählen. Sie benötigen eine Dramaturgie und einen roten Faden mit einem Einstieg, der die Neugierde weckt, einem Mittelteil, der die Handlung erzählt und einem Ende, das die Handlung nochmals zusammenfasst oder sie auflöst.

Damit Bild und Ton aufeinander abgestimmt sind, sollte man genau definieren, welche Bilder die Zuschauer bei den einzelnen Sätzen oder Begriffen sehen sollen. Zeichnungen oder Fotos von den Gegebenheiten und wichtigen Details können zusätzlich unterstützen. Wir mussten beispielsweise lange Sätze kürzen oder in mehrere Sätze aufteilen, damit dazu passende Filmsequenzen gedreht werden konnten. Dadurch entstand ein detailliertes Storyboard an dem sich alle orientieren konnten.

Alle Beteiligten zu Beginn ins Boot holen
Wichtig ist, das Storyboard mit allen Beteiligten zu besprechen bevor mit den Dreharbeiten begonnen wird. Dazu gehören vor allem auch die Kameraleute und die Sprecher sowie die Verantwortlichen für das Schneiden der Videos. Es sollte im Nachhinein keine Änderungen mehr am Inhalt und an den Szenen geben, da solche nachträglichen Anpassungen sehr zeitaufwändig sind. Wird beispielswiese nachträglich Text hinzugefügt, fehlt plötzlich das Bildmaterial dazu.

Kamera und Schnitt

Die Aufnahmen im Labor waren teilweise wegen der engen Platzverhältnisse eine Herausforderung. Viele Arbeiten im Labor wurden unter einer sterilen Werkbank durchgeführt und wir mussten durch das Glas der Abdeckung hindurch filmen. In Kombination mit den Scheinwerfern entstanden dabei teilweise Spiegelungen im Glas, die wir nicht immer ganz verhindern konnten. Hinzu kam, dass unser Filmset ein aktiv genutztes Labor war, weshalb wir Kabel und Gerätschaften nicht immer wie gewünscht wegräumen konnten.

Um zu wissen, wie viel Videomaterial man für eine Szene benötigt, hilft es, den Text im Vorfeld einmal durchzusprechen und die Zeit für die einzelnen Bildszenen zu stoppen. Als Faustregel sollte man immer einige Sekunden länger filmen als benötigt, damit man genügend Material zum Schneiden hat.

Weg von den Folien, hin zu einer filmischeren Umsetzung
Während in der ersten Videoserie noch viele PowerPoint-ähnliche Folien verwendet wurden, haben wir in der neuen Serie praktisch ganz auf Folien verzichtet. Aus der kognitiven Theorie des multimedialen Lernens ist bekannt, dass die gleichzeitige Darstellung von geschriebenem und gesprochenem Text das Lernen beeinträchtigen kann. Wir haben deshalb den zu vermittelnden Text fast immer zu den entsprechenden Videoaufnahmen gesprochen und nur vereinzelt für thematische Zusammenfassungen Text eingeblendet:

Diese Art von Zusammenfassungen in das Video einzubauen war technisch anspruchsvoll. Ohne ein professionelles Videoschnittprogramm oder entsprechende Vorlagen dürfte man da schnell an seine Grenzen stossen. Generell sollte man den Aufwand für die Produktion solcher Lernvideos nicht unterschätzen: pro Minute Video ist mit acht bis zehn Stunden Arbeit zu rechnen, insbesondere wenn die Versuche im Labor noch vorbereitet werden müssen und die Videos zusätzlich vertont werden.

Vertonung

Auf Tonaufnahmen im Labor haben wir verzichtet. Die Mitarbeitenden mussten sich auf die korrekte Ausführung der Arbeitstechniken konzentrieren und es wäre für sie anspruchsvoll gewesen, gleichzeitig auch noch einen einstudierten Text zu sprechen. Zudem waren die «lebendigen» Filmsets in den Laboren für Tonaufnahmen eher ungeeignet, da zahlreiche Geräte und allgemeine Laborinfrastruktur Störgeräusche verursachten.

Sprecher/in der Language Services
In beiden Videoserien hatten wir das Glück, dass wir für die nachträgliche Vertonung der Videos mit Mitarbeitenden der internen Language Services zusammenarbeiten konnten. In der aktuellen, deutschsprachige Videoserie hat uns Caroline Ulli ihre Stimme geliehen, wobei wir uns bewusst für einen schweizerischen Akzent entschieden haben. In der ersten, englischsprachigen Videoserie durften wir für die Vertonung mit John Bennett zusammenarbeiten.

Improvisation wegen fehlendem Tonstudio
Die grösste Herausforderung bei den Tonaufnahmen war das fehlende Tonstudio. Wir haben für die Tonaufnahmen einen normalen Raum genutzt. Das erforderte viel Flexibilität, weil wir die Tonaufnahmen wegen des Lärms, der von aussen in den Raum drang, immer wieder unterbrechen mussten. An der School of Management and Law in Winterthur gibt es ein Videostudio. Für den Standort Wädenswil wären kleine Aufnahmeboxen eine gute Zwischenlösung.

Didaktischer Einsatz

Mit Hilfe der Lernvideos können sich Studierende eigenständig auf bevorstehende Praktika in der Zellkulturtechnik vorbereiten. Die prinzipielle Kenntnis der Abläufe und Arbeitstechniken erleichtert den Einstieg in die praktische Arbeit für Studierende und Betreuungspersonen. Insbesondere schwierige oder ungewohnte Tätigkeiten lassen sich visuell einfacher vermitteln als ausschliesslich durch geschriebenen Text. Des Weiteren können kritische Schritte retrospektiv betrachtet und potentielle Fehlerquellen besprochen werden. Dies kann allein oder im Rahmen einer Troubleshooting-Vorlesung zusammen mit den Betreuungspersonen geschehen. Nicht zuletzt bietet die Veröffentlichung auf YouTube auch einen doppelten Werbeeffekt: Studieninteressierte erhalten erste Einblicke in den Studiengang Biotechnologie und potentielle Kooperationspartner werden auf die Pflanzenzellkulturaktivitäten der Fachstelle aufmerksam.

Beitrag von Daniela Lozza, Rüdiger Maschke, Philipp Meier und Caroline Ulli

Discussion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.