Digitalisierung

Kontaktloses Studium – Studium der Zukunft?

Beitrag von Sabrina Kräuchi, Studentin Bachelor Umweltingenieurwesen

Der Ausnahmezustand aufgrund von Covid-19 hat die Hochschulen gezwungen, auf kontaktfreien Unterricht umzustellen. Könnten die Erfahrungen, die Dozierende und Studierende mit den Herausforderungen des Fernstudiums machen, dazu führen, dass auch nach der Corona-Zeit vermehrt kontaktlos studiert wird?

Vom papierlosen zum kontaktlosen Studium

Glücklicherweise war das Bachelorstudium Umweltingenieurwesen bereits komplett digital organisiert, als nach der Pressekonferenz des Bundesrates vom Freitag, dem 13. März (ja, richtig, Freitag der dreizehnte) beschlossen wurde, an der ZHAW bis auf weiteres kontaktlosen Unterricht durchzuführen. Alle Lerninhalte wurden auf der Schulinternen Moodle-Plattform aufgeschaltet und ein Tool, für den Zugriff auf das ZHAW-Netzwerk, wurde schon in der ersten Woche auf jedem Laptop oder Tablet installiert. So war es ziemlich einfach, nach der einwöchigen Umstellungspause im März den Unterricht wieder aufzunehmen, für uns Studenten zumindest.

Grosses Engagement der DozentInnen

In der bereits erwähnten Umstellungsphase war das fleissige Schaffen der DozentInnen förmlich zu spüren. Fast täglich erhielten wir eine neue Flut an Mails, dass daran gearbeitet werde, alle Lerninhalte möglichst schnell und in einem angemessenen Format auf der Lernplattform zur Verfügung zu stellen. Einige Fächer wurden komplett ans Selbststudium angepasst, bei anderen finden nun wöchentlich Sitzungen über Teams oder anderen Videokonferenz-Tools statt, bei denen wie im Präsenzunterricht die Vorlesungsfolien besprochen und Fragen gestellt werden können. Wiederum andere setzen auf eine Mischung aus Selbststudium und Frage-Forum, um Unklarheiten zu beseitigen. Als Produkt der kreativen Phase entstanden virtuelle Exkursionen, Videos zu Praktikum-Versuchen, Selbstkontrollen und vertonte Powerpoints, die auch im normalen Kontaktunterricht durchaus hilfreich gewesen wären.

Die Vorteile des Home-Office

Neben den nun vollständig online verfügbaren Lerninhalten bot das Home-Office etliche weitere Annehmlichkeiten. Keine langen Anfahrtszeiten mehr, keine viel zu kurzen Wochenenden mit dem Partner, um dann wieder eine Woche voneinander getrennt zu sein, keine in 45min aufgeteilte Lerneinheiten. Konzentrationsphasen können besser ausgenutzt werden und Pause dann gemacht, wenn man sie auch tatsächlich braucht. Dafür kann sie dann gern etwas länger dauern als 15 Minuten. Die Zeit, die man gebraucht hätte, um zum Campus zu gelangen und die ungenutzten Pausen zwischen den Lektionen, kann nun als produktive Lernzeit genutzt werden. Das kann täglich bis zwei Stunden ausmachen.

Konnektivität trotz Social Distancing

Da es trotz Kontaktverbot sehr viele Gruppenarbeiten und Projekte zu erledigen gab, standen die Studierenden untereinander, aber auch mit den Dozenten, in regem Austausch. Kein Tag vergeht, an dem keine Team-Meetings, Telefon- und Videokonferenzen stattfinden.

Es wird viel Feedback zum Fernunterricht verlangt und es fühlt sich so an, als wäre der Kontakt mit Dozenten und Studenten im Allgemeinen auf eine etwas persönlichere Ebene gerutscht. Auch neben dem Unterricht treffen sich Mitstudenten, Freunde oder Familienmitglieder online, um sich auszutauschen, ein Feierabendbier zu trinken oder Spiele zu spielen. So kommen Kontakte zustande, die ohne Corona an «wann habt ihr mal Zeit?» gescheitert wären. Für all diejenigen, die als Wochenaufenthalter in Wädenswil wohnen, bedeutet das kontaktlose Studium unter anderem mehr kostbare Zeit mit Partner, Kinder oder Familie verbringen zu können.

Fernstudium – Angebote

Diese riesigen Vorteile legen die Frage näher, wie eigentlich das Angebot fürs Fernstudium an Schweizer Fachhochschulen aussieht. Die Fernfachhochschule Schweiz bietet das Studienmodell «blended learning» an, welches aus 80% Selbststudium und 20% Präsenzunterricht besteht. Das Angebot beinhaltet fünf Studiengänge im Bachelor und einen Master und richtet sich besonders an Berufstätige, Väter und Mütter sowie Leistungssportler (Fernfachhochschule Schweiz, kein Datum). Die FernUni offeriert ein sehr ähnliches Angebot.

Auch die ZHAW bietet einen sogenannten «Flex»-Studiengang an. Der Bachelor in Betriebsökonomie entspricht einem Teilzeitstudium, welches acht Semester dauert. Es besteht neben einem grossen Teil Selbststudium aus zwei Tagen Präsenzunterricht alle drei Wochen (ZHAW, kein Datum). An anderen Schweizer Fachhochschulen habe ich keine entsprechenden Angebote gefunden, die Recherche war ernüchternd. Da ein Fernstudium an keinen Ort gebunden ist, könnte ja sogar eines an einer ausländischen Hochschule erwogen werden.

Und was ist mit den Nachteilen?

Das Campusleben fehlt mir am allermeisten. Wer möchte jetzt nicht gern in den Gärten im Grüental über seinen Laptop gebeugt sitzen und die Pflanzen in voller Blüte geniessen. Oder ein Mittagsschläfchen in der wärmenden Sonne halten. Zudem fehlen mir die ausserschulischen Aktivitäten: die anstrengenden «Body Forming» Lektionen, die einen nicht nur körperlich fit halten, sondern auch Energie zum Lernen geben, den Donnerstagabend im Studitreff oder eine schnelle Abkühlung im See nach einem Tag voller Vorlesungen. All die gemeinsamen Aktivitäten, die das Studidasein zu etwas Besonderem machen.

Studieren nach Corona

Nichtsdestotrotz, in Zeiten von Corona, Digitalisierung und Individualisierung wird es immer wichtiger, dass ein Studium flexibler, unabhängiger, individueller gestaltet werden kann. Das Fernstudium setzt genau bei diesen Eigenschaften an. Aus diesem Grund sehe ich die jetzige Situation als Chance für die Fachhochschulen, neu gesammeltes Wissen zur Aufbereitung von Lerninhalten zu nutzen, um ihre Studiengänge ort- und zeitunabhängiger zu gestalten und sich fit zu machen für die Zukunft des Lernens. Ich würde es auf jeden Fall begrüssen, im nächsten Semester ein Teil meines Studiums weiterhin online absolvieren zu können.

Quellen:
Bundesamt für Statistik (25.03.2020). Studierende an den Fachhochschulen (inkl. PH): Basistabellen. Abgerufen am 01. Mai 2020 von https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/personen-ausbildung.assetdetail.12327690.html
Fernfachhochschule Schweiz. (kein Datum). Blended Learning: Das FFHS Studienmodell. Abgerufen am 05. Mai 2020 von https://www.ffhs.ch/de/studium/e-learning
ZHAW. (kein Datum). Bachelor in Betriebsökonomie – Flex. Abgerufen am 05. Mai 2020 von https://www.zhaw.ch/de/sml/studium/bachelor/bachelor-in-betriebsoekonomie-flex/?pk_campaign=sml_A-bsc-gen_K-bo-flex_O-bsc_N-bo-flex&pk_kwd=MK-sea_MT-txt_P-google-ch_MF-txt_T-ch_G-108145211988_C-fernstudium%20schweiz_Z-cpc&gclid=Cj0KCQjw7qn1BRDqARIsAKMbHDbENROvMJ9_fT8w5_JYiaLp-6EEl6qAE3OeW7o2oe5ZsW02D3oGoGMaAhY3EALw_wcB

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