Kompetenzorientiert prüfen in Zeiten von KI – digitale Prüfungsaufsicht bei E-Prüfungen
Digitale Prüfungen eröffnen Hochschulen vielseitige Potentiale. Sie ermöglichen bspw. kompetenzorientierte Prüfungsformate, die näher an realen beruflichen Handlungssituationen sind, indem sie den Einsatz digitaler Werkzeuge ausdrücklich einbeziehen. Gleichzeitig stellt der rasante Fortschritt generativer Künstlicher Intelligenz (KI) diese Form des Prüfens vor ein neues Dilemma: Wenn KI in den allermeisten digitalen Arbeitsumgebungen verfügbar ist, müssen E-Prüfungen so gestaltet werden, dass sie weiterhin individuelle Leistung sichtbar machen und fair bleiben. Zwei Praxisbeispiele aus dem Departement Life Sciences & Facility Management zeigen, wie dies gelingen kann – und welche Rolle eine digitale Prüfungsaufsicht dabei spielt.
Wenn digitale Prüfungen Kompetenzen sichtbar machen
Das Potenzial digitaler Prüfungen liegt nicht allein in ihrer Effizienz, sondern vor allem in ihrer didaktischen Reichweite. Sie ermöglichen Prüfungsformate, in denen Studierende zeigen können, wie sie Wissen anwenden, Probleme analysieren und dabei digitale Werkzeuge sinnvoll einsetzen. Kompetenzorientierung, also die Ausrichtung auf die Fähigkeit, Wissen und Fertigkeiten in konkreten Handlungssituationen anzuwenden, bedeutet in diesem Kontext, dass nicht die reine Ergebnisreproduktion im Vordergrund steht, sondern der korrekte Umgang mit Methoden, Daten und Werkzeugen.
Gerade in Studiengängen mit einem stark digitalen Praxisbezug – etwa der Datenanalyse, der angewandten Informatik oder der Medienproduktion – sind offene digitale Settings daher naheliegend. Gleichzeitig verändern KI-gestützte Werkzeuge die Rahmenbedingungen grundlegend. Anwendungen, die Code generieren, Texte formulieren oder komplexe Analysen vorschlagen, lassen sich kaum mehr von digitalen Arbeitsumgebungen trennen. Klassische Prüfungsaufsichten und einfache technische Massnahmen, wie etwa die Randomisierung von Fragen oder Antwortoptionen, reichen in solchen Szenarien oft nicht mehr aus, um die Integrität und Fairness bei derartigen Prüfungen sicherzustellen.
Kompetenzorientierte E-Prüfungen mit offenen Werkzeugen
Dieses Spannungsfeld zwischen Praxisbezug und Prüfungssicherheit zeigt sich exemplarisch in zwei Modulen des Departements Life Sciences & Facility Management. In beiden Fällen verfolgen die Prüfungsverantwortlichen das Ziel, ihre Prüfungen möglichst nah an realen Anwendungssituationen auszurichten.
Caspar Demuth prüft im Modul Biostatistik rund fünfzig Studierende in einem digitalen Setting mit Moodle, Excel und RStudio. Für ihn steht dabei das Verständnis statistischer Konzepte im Zentrum. Studierende sollen zeigen, dass sie Probleme analysieren, passende Methoden und Werkzeuge einsetzen sowie Ergebnisse interpretieren können – nicht, dass sie vorgegebene Lösungswege reproduzieren:
„Studierende sollen Konzepte verstehen und anwenden können. Dass sie dabei mit den gleichen digitalen Werkzeugen arbeiten, die sie auch im Lernprozess nutzen, ist für mich konsequent und didaktisch sinnvoll.“
Prof. Dr. Caspar Demuth
ZHAW Life Sciences und Facility Management
Matthias Nyfeler verfolgt im Modul Daten und Informationen II bei den Umweltingenieuren einen vergleichbaren Ansatz. Rund 125 Studierende bearbeiten eine Statistikprüfung mit RStudio in einem Open-Laptop-Setting. Die Arbeit mit professioneller Software ist hierbei ausdrücklich vorgesehen, bestimmte Aktivitäten – etwa die Kommunikation untereinander – sind indes klar untersagt.
„Wir wollen Programmier- und Analysekompetenzen unter realistischen Bedingungen prüfen. Das heisst: Offene Aufgaben, reale Werkzeuge, aber klare Regeln, was erlaubt ist und was nicht.“
Beide berichten, dass dieses Verständnis von Kompetenzorientierung lange gut funktioniert hat. Mit dem rasanten Fortschritt KI-gestützter Werkzeuge änderte sich die Situation jedoch schnell und spürbar. Aufgaben, die zunächst nur mit eigenständigem Denken lösbar schienen, konnten kurze Zeit später zumindest teilweise automatisiert bearbeitet werden. Für Caspar Demuth war damit klar, dass Prüfungen unbedingt neu austariert werden müssen:
„Wir haben unsere Prüfungen selbst getestet und gesehen: Ein halbes Jahr früher hätte man gewisse Aufgaben nicht automatisiert lösen können, kurz darauf aber schon. Da war klar, dass wir reagieren müssen – nicht um Offenheit aufzugeben, sondern um faire Bedingungen zu sichern.“
Digitale Prüfungsaufsicht als unterstützender Rahmen
Vor diesem Hintergrund setzt die ZHAW bei bestimmten kompetenzorientierten E-Prüfungen auf eine digitale Prüfungsaufsicht. Zum Einsatz kommt SMOWL Computer Monitoring (SMOWL CM) für die Verwendung bei Vor-Ort-Prüfungen. SMOWL CM wird dabei als technisches Hilfsmittel zur Unterstützung der menschlichen Prüfungsaufsicht verstanden.
SMOWL ist als Plugin direkt in Moodle integriert und wird automatisch beim Start einer Prüfung aktiviert. Während der Prüfung dokumentiert SMOWL CM dann relevante Aktivitäten auf den Geräten der Studierenden – etwa laufende Programme oder Interaktionen – in Form von Logs und Screenshots. Auf eine Videoaufzeichnung wird bewusst verzichtet. Die Identitätskontrolle sowie die klassische Prüfungsaufsicht erfolgen weiterhin vor Ort, so dass keine biometrischen Daten verarbeitet werden müssen.
Dieser Ansatz passt sehr gut zu Prüfungsformaten, bei denen der Einsatz digitaler Ressourcen und Werkzeuge Teil der Prüfungsleistung ist. SMOWL CM greift dabei niemals aktiv in das Prüfungsgeschehen ein, sondern wirkt als „stille Aufsicht im Hintergrund“. Matthias Nyfeler sieht darin insbesondere bei grossen Kohorten einen erheblichen Nutzen:
„Ab einer gewissen Gruppengrösse reichen klassische Aufsichten allein kaum mehr aus. Die digitale Prüfungsaufsicht mit SMOWL ist eine wichtige Unterstützung, ohne dass dabei die Arbeit mit digitalen Werkzeugen bzw. Drittapplikationen eingeschränkt wird.“
Dr. Matthias Nyfeler
ZHAW Life Sciences und Facility Management
Erfahrungen, Akzeptanz und offene Baustellen
Caspar Demuth und Matthias Nyfeler berichten von einer insgesamt hohen Akzeptanz bei den Studierenden. Viele hätten positiv wahrgenommen, dass Prüfungen unter fairen Bedingungen stattfinden und ehrliches Arbeiten nicht benachteiligt wird. Gleichzeitig ergeben sich jedoch neue Herausforderungen auf der Seite der Prüfungsverantwortlichen.
Insbesondere die Nachbereitung und Auswertung der SMOWL-Daten werden von den Prüfungsverantwortlichen derzeit noch als wenig intuitiv erlebt und stellen eine Einstiegshürde dar. Diese Rückmeldungen wurden inzwischen aufgegriffen, der Hersteller Smowltech hat Optimierungen angekündigt.
Die Prüfungsverantwortlichen betonen noch, dass auch der Einsatz einer digitalen Prüfungsaufsicht keine vollständige Sicherheit vor Unredlichkeiten bieten kann. Für sie ist jedoch entscheidend, dass technische Lösungen dort unterstützen, wo menschliche Aufsicht an ihre Grenzen stösst. Ebenfalls sind sie der Meinung, dass sich die allgemeine Prüfungssicherheit in digitalen Settings durch den Einsatz einer digitalen Prüfungsaufsicht wie SMOWL CM erheblich steigern lässt. Dies gilt umso mehr, sofern nur wenige Prüfungsaufsichten eine grosse Anzahl Studierender beaufsichtigen.
Gestufte Prüfungspraxis statt Einheitslösung An der ZHAW wird digitale Prüfungsaufsicht bewusst nicht als Allheilmittel, sondern als Ergänzung zur menschlichen bzw. klassischen Prüfungsaufsicht verstanden. Neben SMOWL kommt zudem auch der Safe Exam Browser (SEB) zum Einsatz. Dieser eignet sich insbesondere für Closed-Book-Prüfungen oder Szenarien mit wenigen, klar definierten digitalen Ressourcen. Die Existenz beider Lösungen ermöglicht eine gestufte und verhältnismässige Prüfungspraxis, bei der Prüfungsformate, Lernziele und Eingriffsintensität sorgfältig aufeinander abgestimmt werden.
Ausblick: Kompetenzorientierung neu austarieren
Die beschriebenen Praxisbeispiele verdeutlichen, dass zentrale Aspekte des Prüfens neu justiert werden müssen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Frage nach der Zulässigkeit digitaler Hilfsmittel, sondern die differenzierte Bestimmung jener Kompetenzen, die Studierende ohne Unterstützung beherrschen müssen, sowie jener Bereiche, in denen der reflektierte Einsatz digitaler Werkzeuge konstitutiver Bestandteil der Kompetenz ist.
Hochschulen stehen damit vor der Aufgabe, nebst fachspezifischen Professionskompetenzen auch die digitalen Grundkompetenzen bewusst zu definieren, zu fördern und zu prüfen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Prüfungen und Lernsettings gestaltet werden können, sodass Studierende motiviert bleiben, sich diese Grundlagen tatsächlich anzueignen – auch dann, wenn technische Abkürzungen oder Lösungen direkt verfügbar wären.
Damit rücken motivationale Aspekte der Didaktik stärker in den Vordergrund: transparente Erwartungen, sinnstiftende Aufgabenstellungen und Prüfungsformate, die Lernen nicht nur kontrollieren, sondern gezielt anregen. Digitale Prüfungsaufsicht kann dabei unterstützen, faire Rahmenbedingungen zu schaffen. Entscheidend bleibt jedoch, wie kompetenzorientierte Prüfungen didaktisch gedacht und umgesetzt werden.
Die ZHAW unterstützt Dozierende mit übergreifenden Empfehlungen und geeigneten Rahmenbedingungen, um eine kohärente, kompetenzorientierte Gestaltung von Lern- und Prüfungssettings zu ermöglichen: Als Ausgangspunkt kann das Framework Educational Design für Dozierende herangezogen werden.
KI-Disclaimer: Bei der Erstellung dieses Blogbeitrags wurde ein KI-gestütztes Sprachmodell unterstützend eingesetzt. Die KI diente zur Strukturierung von Inhalten sowie zur sprachlichen Überarbeitung. Konzeption, fachliche Inhalte und finale Redaktion liegen vollständig in der Verantwortung der Autor:innen.