Lässt sich interkulturelle Kompetenz vermitteln, ohne dass Studierende jemals eine Grenze überqueren? Die Antwort lautet Ja: durch Collaborative Online International Learning (COIL). Dieser pädagogische Ansatz ermöglicht eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Studierenden aus verschiedenen Ländern über digitale Plattformen und verwandelt kulturelle Unterschiede in Lernchancen. Dieser Blogbeitrag teilt praktische Erkenntnisse aus der Konzeption und Umsetzung von «Redefining Leadership in the Digital Age», einem von Movetia geförderten COIL-Projekt zwischen der ZHAW, der LUMSA (Italien), der Kyiv School of Economics (Ukraine) und der Grenoble Ecole de Management (Frankreich). Egal ob Sie Betriebswirtschaft, Ingenieurwesen, Pflege, Design oder ein anderes Fach unterrichten – COIL kann Ihren Lehrplan internationalisieren, ohne die Kosten und logistischen Herausforderungen eines Auslandsstudiums. In diesem Blog Post erfahren Sie, wie Sie ein wirksames COIL-Projekt in Ihrer Disziplin gestalten können, aufbauend auf den Erkenntnissen unserer eigenen Projekterfahrung.
Ein Beitrag von Matteo Mösli (International Management Institute, SML)
Einleitung: Die Herausforderung für die Hochschullehre
Die heutigen Studierenden und Teilnehmenden in der Weiterbildung werden in zunehmend globalen, digitalen und internationalen Umfeldern arbeiten. Dennoch fällt es der traditionellen Hochschullehre schwer, sie auf diese Realität vorzubereiten. Auslandsstudienprogramme erreichen nur einen Bruchteil der Studierenden. Gastvorlesungen internationaler Partner bieten Einblicke, aber keine nachhaltige Zusammenarbeit. Fallstudien über interkulturelle Situationen können die Komplexität interkultureller Teamarbeit nicht abbilden.
Genau hier bietet Collaborative Online International Learning (COIL) eine überzeugende Lösung. COIL ist ein bildungsorientierter Ansatz, der Online-Technologien nutzt, um den Lehrplan durch nachhaltige, bedeutungsvolle Zusammenarbeit zwischen Studierenden aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Bildungssystemen zu internationalisieren – alle arbeiten gemeinsam an geteilten Herausforderungen.
Im Unterschied zu Auslandsstudienprogrammen ist COIL:
- Zugänglich: Keine Reisekosten, Visaanforderungen oder physische Mobilität erforderlich
- Skalierbar: Kann viele Studierende innerhalb eines Kurses erreichen
- Nachhaltig: Bietet wochenlange regelmässige Zusammenarbeit, nicht nur punktuelle Austausche
- Authentisch: Schafft gegenseitige Abhängigkeit, bei der kulturelle Unterschiede die Ergebnisse beeinflussen
- Messbar: Ermöglicht eine fundierte Beurteilung der Entwicklung interkultureller Kompetenz
Die Gestaltung eines COIL ist jedoch nicht einfach. Wie entwickelt man Aufgaben, die echte Zusammenarbeit erfordern statt paralleler Arbeit und punktueller Interaktionen? Wie verwandelt man kulturelle Unterschiede von Hindernissen in Lernchancen? Wie strukturiert man Aktivitäten über Zeitzonen und verschiedene akademische Studienpläne hinweg? Und entscheidend: Wie stellt man sicher, dass Studierende interkulturelle Kompetenz entwickeln, anstatt bloss Stereotypen zu verstärken?
Was COIL besonders macht: Ein interkulturellen Lernraum schaffen
Bevor wir uns den Gestaltungsprinzipien widmen, ist es wichtig zu verstehen, was COIL pädagogisch einzigartig macht. COIL ist nicht bloss Gruppenarbeit mit internationalen Studierenden. Es ist die gezielte Schaffung eines interkulturellen Lernraums, in dem:
- Kulturelle Unterschiede pädagogisch grundlegend sind: Anstatt kulturelle Unterschiede zu minimieren oder zu glätten, macht COIL sie sichtbar und nutzt sie als Lernchancen.
- Studierende interkulturelle Kompetenz durch Erfahrung entwickeln und kulturelle Komplexität auf dem Weg zu gemeinsamen Zielen navigieren.
- Zusammenarbeit authentisch ist: Studierende brauchen die Perspektiven, das Wissen und die Fähigkeiten der anderen Gruppenmitglieder, um erfolgreich zu sein. Die Arbeit kann nicht in separate Beiträge gemäss Zugehörigkeit einer Universität aufgeteilt werden.
- Reflexion systematisch erfolgt: Studierende erleben kulturelle Unterschiede nicht nur, sondern werden angeleitet, diese Erfahrungen durch strukturierte Reflexionen zu verarbeiten und daraus zu lernen.
Wir haben eine fünfwöchige Simulation entwickelt, bei der Studierende der ZHAW gemeinsam mit Studierenden von Partnerhochschulen aus Italien, der Ukraine und Frankreich als virtuelle Managementteams gegeneinander antraten und dabei KI-Strategien, ethische Dilemmata und interkulturelle Allianzen navigierten. Unser COIL konzentriert sich zwar auf interkulturelles Führungsverhalten und KI-Strategie im unternehmerischen Kontext, doch die Prinzipien gelten fächerübergreifend. Ob Sie Ingenieurdesign, Gesundheitswissenschaften, Kommunikation oder ein anderes Fachgebiet lehren, das kollaboratives Problemlösen erfordert – diese Erkenntnisse können Ihnen helfen, transformative COIL-Erfahrungen für Ihre Studierenden zu schaffen.
Gestaltungsprinzip 1: Mit authentischen Problemen beginnen, die vielfältige Perspektiven erfordern
Die Grundlage eines COIL ist eine Aufgabe oder ein Projekt, bei dem kulturelle Vielfalt die Ergebnisse verbessert. In unserem Fall haben wir eine Managementsimulation entwickelt, bei der Schweizer, italienische, ukrainische und französische Studierende in Managementteams dreier fiktiver Unternehmen eingeteilt wurden – Innofit, Innovia und Tradifit – die auf dem Gesundheits- und Fitnessmarkt miteinander konkurrieren. Die Teams trafen wöchentlich strategische Entscheidungen zu KI-Implementierung, ethischen Dilemmata und Marktpositionierung “ihrer” Unternehmen. Diese interkulturelle Zusammensetzung war grundlegend für das Lernenergebnis.
Wir haben drei Arten von Herausforderungen konzipiert: organisatorische, ethische und grenzüberschreitende Allianzen, ergänzt durch eine KI-Entscheidung zu einem der folgenden Bereiche: Erschliessung neuer Märkte, Produktentwicklung oder Kostensenkung. Wir nutzten strukturierte Aktivitäten, die Studierende dazu aufforderten, ihre kulturellen Hintergründe zu teilen und Unterschiede in Arbeitsstilen, Entscheidungspräferenzen und Kommunikationsnormen zu besprechen.
Gestaltungsprinzip 2: Progressive Komplexität aufbauen
Werfen Sie Studierende nicht sofort in die tiefe interkulturelle Zusammenarbeit. Bauen Sie die Komplexität schrittweise auf.
Woche 1 – Fundament: Fokus auf Teambildung und Normsetzung durch Kennenlernübungen, die kulturelle Unterschiede produktiv sichtbar machen. Selbsteinschätzung der Kompetenzen der Studierenden im interkulturellen Management, in Führung und KI-Zusammenarbeit anhand einer Umfrage. Gemeinsames Teamtreffen mit einem Dozierenden zur Festlegung von Erwartungen.
Wochen 2–3 – Erste Zusammenarbeit: Fokus auf das Erlernen der Zusammenarbeit bei mässig komplexen Aufgaben mit klar definierten Parametern, die jedoch Teamkonsens erfordern. Die Studierenden verfassen eine Selbstreflexion, eingebettet in die Werte und Organisationskultur des fiktiven Unternehmens, dessen Topmanagement sie angehören. Die Beurteilung ist qualitativ; die Studierenden reflektieren die Dynamik in ihrem Team und erhalten Feedback von den Dozierenden.
Wochen 4–5 – Fortgeschrittene Integration: Fokus auf komplexes Problemlösen, das eine anspruchsvolle kulturelle Integration und die komplexe Herausforderung des Aufbaus von internationalen Unternehmensstrategien erfordert. Abschliessend präsentieren die Teams ihre Ergebnisse und reflektieren gemeinsam den Simulationsverlauf. In Woche 5 erfolgt zudem zweite Selbsteinschätzunsumfrage zur quantitativen Erfassung der individuellen Lernfortschritte.
Gestaltungsprinzip 3: Für asynchrone Zusammenarbeit konzipieren
Geographische Distanz eine Gelegenheit, kritische Fähigkeiten für virtuelle, globale Arbeit zu entwickeln. Wir haben COIL als eine asynchrone Zusammenarbeit so gestaltet, dass Studierende sich flexibel treffen und austauschen können, ohne strikte Stundenpläne zu erfordern. Die Studierenden arbeiten während der im regulären Unterricht vorgegebenen Zeit, erhalten klare Fristen und Entscheidungspunkte; gemeinsame Dokumente und Kommunikationskanäle stehen allen Teammitgliedern zur Verfügung.
Gestaltungsprinzip 4: Systematische Reflexion einbauen
Interkulturelle Erfahrung allein garantiert kein Lernen. Studierende brauchen strukturierte Gelegenheiten, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und interkulturelles Bewusstsein zu entwickeln.
Unsere Reflexionsstruktur:
- Wöchentliche Entscheidungsbegründungen (200 Wörter): Teams dokumentierten, WARUM sie jede Entscheidung getroffen haben, was sie dazu zwang, ihre Denk- und Begründungsprozesse sowie kulturelle Überlegungen zu artikulieren.
- Teamreflexionen inkl. Video: Studierende reflektierten die allgemeinen Ergebnisse der Simulation, einschliesslich Entscheidungsqualität, Kommunikationsmuster und Konfliktlösung und halten ihre wichtigsten Erkenntnisse in einer Videopräsentation fest.
- Individuelle Reflexion: Selbsteinschätzung der Lernfortschritte während COIL.
Gestaltungsprinzip 5: Gegenseitige Abhängigkeit schaffen, nicht paralleles Arbeiten
Schwach ausgeführte COIL-Projekte teilen die Arbeit nach Ländern auf: «Schweizer Studierende recherchieren dies, italienische Studierende recherchieren jenes, dann kompilieren wir alles.» Echte gegenseitige Abhängigkeit erfordert gemeinsame Verantwortung für Ergebnisse und Aufgaben, bei denen unterschiedliche kulturelle Perspektiven die Qualität tatsächlich verbessern.
In unserer Simulation gab es eine gemeinsame Verantwortung: Nur der CEO des Teams konnte Entscheidungen einreichen, aber alle Rollen hatten Mitspracherecht. Scheiterte das Team, scheiterten alle. Die Teams konkurrierten gegen andere Unternehmen im gleichen «Universum», was echten Leistungsdruck erzeugte. Die KI-Investitionsentscheidung hatte Marktsättigungsdynamiken – wenn alle Teams stark in eine Strategie investierten, sanken alle Erträge drastisch. Teams mussten das Verhalten der Konkurrenz antizipieren, was gegenseitige Abhängigkeit nicht nur innerhalb der Teams, sondern im gesamten Simulations-Ökosystem schuf. Der CTO benötigte die Budgetgenehmigung des CFO, der CHRO prägte die Talentstrategie, die die Operationen des COO beeinflusste, und die Marktpositionierung des CMO beeinflusste alle Entscheidungen.
Test auf gegenseitige Abhängigkeit:
- Können Studierende die Arbeit durch Aufgabenteilung erledigen, ohne wirklich zusammenzuarbeiten? (Wenn ja – neu gestalten)
- Beeinflussen kulturelle Unterschiede die Qualität der Ergebnisse? (Wenn nein – warum internationale Partner einbeziehen?)
- Würde die Teamleistung leiden, wenn die Mitglieder keine Perspektiven integrieren? (Wenn nein – gibt es keine authentische Zusammenarbeit)
Praktische Umsetzung: Gewonnene Erkenntnisse
Wir nutzten MS Teams, das es ermöglichte Studierende in mehrere Kanäle ermöglichte (gesamte Klasse, Branchengruppen, einzelne Teams) aufzuteilen. Wir stellten sicher, Plattformen zu wählen, die für alle Partnerinstitutionen zugänglich sind. Nach unseren Erfahrungen erfordert die Koordination unterschiedlicher akademischer Kalender folgendes Vorgehen:
- Planung 12–18 Monate im Voraus mit der Entwicklung und Abstimmung des Kursmaterials beginnen
- Überschneidende Unterrichtswochen finden (auch wenn nicht in derselben Semesterphase)
- Flexibilität bei Start- und Enddaten sein
- Puffer einplanen, um unterschiedliche institutionelle Einschränkungen zu berücksichtigen
Eine regelmässige Koordination zwischen den Dozierenden ist essenziell. Diese ermöglicht die Besprechung des Lernfortschritts; gemeinsame Beurteilungsraster (in unserem Fall Bestanden/Nicht-Bestanden); vereinbarte Interventionsprotokolle für Gruppen mit Schwierigkeiten; gemeinsame Reflexion über Funktionierendes und Anpassungsbedarf.
Um den Lernfortschritt der Studierenden im COIL zu verfolgen, nutzten wir folgende Tools:
- Vor/Nach-Quantitative Beurteilung: Kulturelle Intelligenz, Führungsidentität, KI-Zusammenarbeit, Ethische Entscheidungsprinzipien
- Prozessbeurteilung: Wöchentliche Entscheidungsbegründungen, die die Entwicklung des Denkens zeigen
- Lernbeurteilung: Qualität der abschliessenden Entscheidungen und Präsentationen
- Reflexionsbeurteilung: Tiefe des interkulturellen Lernens in individuellen Reflexionen
Unser erster Durchgang umfasste 67 Studierende, betreut von 4 Dozierenden. Die ideale Teamgrösse liegt bei 4–6 Studierenden pro Team.
Erfolgsmessung: Was wir gelernt haben
Die Beurteilungen stützen sich auf validierte Instrumente aus der Forschungsliteratur und spiegeln wider, was effektives interkulturelles Führen im digitalen Zeitalter tatsächlich erfordert. Die quantitativen Befunde der ersten Durchführung mit 15 COIL-Teams zeigen einen bedeutsamen Anstieg der kulturellen Intelligenz der Studierenden über den Simulationszeitraum, was darauf hindeutet, dass immersive, rollenbasierte Zusammenarbeit in multinationalen Teams interkulturelle Kompetenz fördert. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass ethische Entscheidungskompetenz einen signifikant positiven Einfluss auf die Simulationsleistung der Studierenden hatte – Studierende, die sorgfältiger über ethische Abwägungen nachdachten, trafen auch unter Wettbewerbsbedingungen effektivere strategische Entscheidungen. Die qualitativen Ergebnisse zeigen, dass interkulturelle Führungskompetenz nicht durch hierarchische Autorität oder nationales Kulturwissen entstand, sondern durch kollektives Sinnstiften und aktive Gefolgschaft. Teams, die sich konsequent an den Werten ihres Unternehmens orientierten, erzielten stärkere Lernergebnisse und lösten Konflikte konstruktiver. Kulturelle Intelligenz entwickelte sich dabei überwiegend implizit – durch wiederholte Interaktion und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wertelogiken. Sprachliche Unterschiede wurden kaum als Hindernis wahrgenommen, was darauf hindeutet, dass das Modul sprachliche Vielfalt erfolgreich als selbstverständliche Rahmenbedingung internationaler Zusammenarbeit normalisiert hat.
Fazit: Globale Kompetenz für die Fachleute von Morgen aufbauen
Die Führungskräfte von morgen werden in multikulturellen Umfeldern arbeiten. Sie navigieren durch ständigen Wandel, führen virtuelle Teams über Zeitzonen und Kulturen hinweg, treffen Entscheidungen unter Unsicherheit und balancieren konkurrierende Stakeholder-Interessen, die von unterschiedlichen kulturellen Kontexten geprägt sind. Zudem erfordert das digitale Zeitalter nicht nur neue technische Fähigkeiten, sondern neue Denkweisen über Zusammenarbeit, Führung und Problemlösen – Ansätze, die aus unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Denkweisen entstehen. Genau das bietet COIL: einen zugänglichen, skalierbaren Ansatz zur Entwicklung der Fähigkeit, kulturelle Komplexität zu navigieren, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und das eigene Verhalten kontextabhängig anzupassen.
Während wir unser COIL-Projekt weiterentwickeln und erste Belege für seine Wirkung sehen, sind wir überzeugt, dass dieser Ansatz die Zukunft der Hochschullehre darstellt. Nicht als Ersatz für Auslandsstudien, sondern als Ergänzung. Nicht als Abschaffung von Gruppenarbeiten oder Vorlesungen, sondern als Bereicherung. Als Schaffung von Lernerfahrungen, die Studierende dort abholen, wo sie sind – digital vernetzt, global denkend und bereit für authentische Herausforderungen. Unsere Erfahrungen zeigen dabei: Wenn Studierende über kulturelle Grenzen hinweg eine gemeinsame Identität entwickeln und ethische Entscheidungen unter realem Druck treffen, entsteht jene interkulturelle Reife, die sie auf die komplexe Welt vorbereitet, die sie übernehmen.
| Mehr zum Projekt Dieses COIL-Projekt ist eine internationale Zusammenarbeit zwischen der ZHAW School of Management and Law (Schweiz), der LUMSA (Italien), der Kyiv School of Economics (Ukraine) und der Grenoble Ecole de Management (Frankreich). Das Projekt wurde von Movetia gefördert, der nationalen Agentur der Schweiz zur Förderung von Austausch und Mobilität im Bildungssystem. – Prof. Dr. Anna Aleksandra Lupina-Wegener (ZHAW) – Matteo Mösli (ZHAW – Kontaktperson) – Dr. Evangelos Syrigos (ZHAW) – Prof. Dr. Fabrizio Maimone (LUMSA) – Prof. Dr. Halyna Makhova (KSE) – Prof. Dr. Mykhaylo Vidyakin (KSE) – Prof. Taran Patel (GEM) – Clemens Dieler (GEM) – Prof. Dr. Chirag Patel (GEM) |