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Back to Campus – ganz ohne Zoom-Fatigue?!

Ein Beitrag von Franziska Hirt

Back to Campus! Viele von uns freuen sich auf wieder mehr persönliche Begegnungen. Onsite, auf dem Campus. Doch auch früher (vor Covid-19) war nicht alles besser. Sicherlich werden uns einige praktische «Lessons Learned» aus dem erzwungenen Digitalisierungsschub zukünftig im Unterricht weiter begleiten. So zum Beispiel Videokonferenzen, «fancy» Whiteboards oder digitale Prüfungen. Wie genau Dozierende in Lehre und Weiterbildung an der ZHAW künftig ihren Unterricht gestalten werden, bleibt also spannend.

Schluss mit “Emergency Remote Teaching”

Eines ist aber sicher: Es ist Schluss mit «Emergency Remote Teaching»! Die überstürzte Digitalisierung von Lehre und Weiterbildung sollte nun in eine nachhaltigere, didaktisch durchdachte Form gebracht werden. Dies ist ein kontinuierlicher Weiterentwicklungsprozess, wie bspw. das Thema Videokonferenzen zeigt: Die meisten sind nun fit darin, in verschiedensten Tools die Buttons für Stummschaltung, Inhaltsfreigabe oder Teilgruppen zu finden und zu bedienen. Doch Online-Vorlesungen und -Seminare haben weitaus mehr Facetten. Insbesondere Untersuchungen zur «Zoom Fatigue» zeigen, dass wir Videokonferenzen didaktisch besonders sorgsam planen und gestalten sollten.

Foto: Niklas Hamann/Unsplash

Arbeiten und Lernen unter Einfluss der «Zoom Fatigue»

Fühlst du dich auch manchmal “erzoomt”, “durchgewebext” oder “ausgeteamst”? Dann bist du nicht allein! Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass lange Videokonferenzen ermüdend wirken können. Erste Studien legen nahe, dass die Fatigue zwischen Geschlecht, Alter, sowie Persönlichkeitsausprägungen variiert (Fauville et al., 2021).

Mögliche Gründe für die Ermüdungserscheinungen sind (Fauville et al., 2021):

🤢 die ständige Ansicht des eigenen Spiegelbildes (“Spiegelangst”),

😵 unnatürlich viel Blickkontakt aus direkter Nähe (“Hyper-Gazing”),

😩 ein eingeschränkter Bewegungsradius,

😫 eine zusätzliche kognitive Anstrengung, um nichtverbale Signale zu produzieren und zu interpretieren.

Für erfolgreiches Lernen gilt es, unnötige/extrinsische kognitive Belastung («cognitive load») durch diese Faktoren möglichst gering zu halten, um muntere Videokonferenzen ohne Fatigue zu gestalten. Onsite, wie auch Remote, gilt es, für Interaktion und Abwechslung zu sorgen, um die Teilnehmenden am Ball zu halten.

Allgemeine Tipps für aufgeweckte Videokonferenzen ohne Fatigue:

  • Vermeide Multitasking nebenher, auch wenn du gelangweilt oder müde bist!
  • Baue Pausen ein und animiere dich und die Teilnehmenden dabei zu Bewegung!
  • Aktiviere die Teilnehmenden zur Interaktion!
  • Vermeide eine ständige Bildschirmfreigabe, wenn diese nicht notwendig ist!
  • Gestalte bewusst Phasen mit sozialem/emotionalem Schwerpunkt (mindestens zu Beginn und am Ende einer Lerneinheit), in welchen du dich und evtl. auch die Teilnehmenden sich mit Bild zeigen und auch einmal persönlich oder humorvoll werden (für methodische Anregungen siehe z.B. den Beitrag „Das Gespür für den Menschen – soziale Interaktion im virtuellen Raum“ 2/3 auf dem Blog).
  • Gerade bei komplexeren Inhalten (z.B., wenn inhaltliche Folien geteilt werden) kannst du bewusst deine Kamera ausschalten und so den Fokus der Teilnehmenden auf den Inhalt lenken. Denn dein Video-Bild könnte vom Lerninhalt (z.B. den Folien) ablenken und Fatigue fördern.

Kamera an oder aus? – Klare Empfehlung schwierig

Das «Image Principle» nach R. Mayer (Mayer, 2014) geht davon aus, dass für den Lernerfolg positive soziale Effekte durch das Zeigen der Lehrperson durch negative Effekte der Ablenkung überwogen werden. Empirische Ergebnisse hierzu sind allerdings gemischt.
Eye-Tracking-Studien zu Videos legen übrigens nahe, dass Lernende ihren Blick ca. 25-40% der Zeit auf die Videoansicht der Lehrperson (und somit nicht die Folien) richten (vgl. Colliot & Jamet, 2018; Kizilcec et al., 2014; van Wermeskerken et al., 2018, Wilson et al., 2018)

Technische Tipps gegen Fatigue in Webex:

  • Blende die eigene Video-Ansicht (“Spiegelbild”) aus –> so geht’s!
  • NEU: Reduziere die extrinsische, kognitive Belastung bei der Nutzung interaktiver Tools durch:
    • die übersichtliche Fragen & Antworten Funktion (anstatt Chat) bei grösseren Veranstaltungen
    • Umfragen, Quizzes und Fragen & Antworten mit Slido direkt in Webex erstellen und präsentieren (Beta-Stadium) –> mehr dazu hier
    • Laufend kommende Miro-Integrationen: z.B. Miro-Boards als fixe Registerkarte in Webex-Chats/-Bereichen –> mehr dazu hier

Technische Tipps gegen Fatigue in Zoom:

  • Blende die eigene Video-Ansicht (“Spiegelbild”) aus –> so geht’s!
  • Probiere die Ansicht Immersive Scenes, um alle Personen im Überblick zu haben (wenn kein wichtiger geteilter Inhalt)
  • NEU: Die extrinsische kognitive Belastung bei der zusätzlichen Nutzung von Mentimeter kann womöglich durch deren direkte Integration in Zoom reduziert werden. Wir haben diese jedoch selbst noch nicht getestet.

Technische Tipps gegen Fatigue in MS Teams:

  • Probiere den Zusammen-Modus mit passendem Hintergrund, um alle Personen im Überblick zu haben (wenn kein wichtiger geteilter Inhalt)
  • Reduziere die extrinsische kognitive Belastung bei der Nutzung interaktiver Tools durch:
    • ALT: die Integration von Miro-Boards als fixe Registerkarte in Teams-Kanälen –> mehr dazu hier
    • NEU: die für die Teilnehmenden beinahe nahtlos erscheinende Integration von Mentimeter-Umfragen und -Quizzes –> mehr dazu hier
    • DEMNÄCHST: übersichtlicheres Fragenstellen mit der vielversprechenden Q&A App direkt in MS Teams
Foto: Annie Spratt/Unsplash

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt…

Der didaktische Feinschliff von Videokonferenzen ist in der Planung und der Durchführung zugegebener Massen anspruchsvoll. Ohne gute Vorbereitung und etwas Routine droht hier schnell die Überforderung. Es lohnt sich aber, dranzubleiben und Schritt für Schritt entsprechende Skills aufzubauen. Dazu gehört auch Routine und Gelassenheit im Umgang mit technischen Pannen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Lebenslanges Lernen ist eben nicht nur eine Worthülse, sondern eine tägliche Herausforderung und Chance!

Informationen zu Szenarien, Tools und Webinaren zur digitalen Lehre und Weiterbildung an der ZHAW sind auf der Portalseite Digitale Lehre zu finden.

Literatur

Colliot, T., & Jamet, É. (2018). Understanding the effects of a teacher video on learning from a multimedia document: an eye-tracking study. Educational Technology Research and Development, 66(6), 1415–1433. https://doi.org/10.1007/s11423-018-9594-x (27.08.2021)

Fauville, G., Luo, M., Queiroz, A. C. M., Bailenson, J. N., & Hancock, J. (2021). Nonverbal Mechanisms Predict Zoom Fatigue and Explain Why Women Experience Higher Levels than Men. SSRN Electronic Journal, 1–18. https://doi.org/10.2139/ssrn.3820035 (27.08.2021)

Kizilcec, R. F., Papadopoulos, K., & Sritanyaratana, L. (2014). Showing face in video instruction. Proceedings of the 32nd annual ACM conference on Human factors in computing systems – CHI ’14, October, 2095–2102. https://doi.org/10.1145/2556288.2557207

Mayer, R. E. (2014). Research-­based principles for designing multimedia instruction. In V. A. Benassi, C. E. Overson, & C. M. Hakala (Hrsg.), Applying Science of Learning in Education. APA.

van Wermeskerken, M., Ravensbergen, S., & van Gog, T. (2018). Effects of instructor presence in video modeling examples on attention and learning. Computers in Human Behavior, 89, 430–438. https://doi.org/10.1016/j.chb.2017.11.038

Wilson, K. E., Martinez, M., Mills, C., D’Mello, S., Smilek, D., & Risko, E. F. (2018). Instructor presence effect: Liking does not always lead to learning. Computers and Education, 122, 205–220. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2018.03.011

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