Welternährungssysteme 2021

Fressen die Ziegen den Wald auf?

Ein Beitrag von Samuel Beer

Abbildung 1: Marokkanische Ziegen auf einem Arganbaum. Die Ziegen verbringen durchschnittlich 387 Minuten pro Tag mit dem Abgrasen der Baumkrone. Bild von Fred Dunn von Flicker unter CC BY 2.0 (Owen, 2016).

Eine Ziege ist etwas Praktisches. Während Rinder und Schafe frisches Gras bevorzugen, fressen Ziegen ohne Probleme auch gerbstoffhaltige Blätter oder herabgefallenes Laub im Herbst. Diese Eigenschaften eröffneten in der Vergangenheit Tür und Tor für eine gängige viehhalterische Praxis: Die Waldweide. Heute auch fachlich «silvopastorale Systeme» genannt, waren Waldweiden lange Zeit der Weisheit letzter Schluss, wenn man sich als ärmlicher Bauer mit ein paar Ziegen am Rande eines geräumigen Waldes wiederfand. Warum also nicht die Tiere zwischen die Bäume treiben, wo sie sich an saftigem Gras, krautigen Pflanzen und nährstoffreichen Baumknospen den Bauch vollschlagen konnten?

Das Problem mit den Eichen

Bevor wir zu den Ziegen zurückkommen, müssen wir etwas ausholen. Haben Sie schon einmal vom Iberico Schwein gehört? Es stammt aus dem spanischen Südwesten, dessen typische Landschaft aus sogenannten Dehesas besteht (Jamon.de, 2015). Dehesa ist das spanische Wort für Eichenhain, unter welchen gerne auch Ziegen gehalten werden. Dass Ziegen gerne Eichen mögen, ist seit jeher hinlänglich bekannt. Nicht nur bei den spanischen Ziegen konnte festgestellt werden, dass sie die Blätter der jungen Eichenallen anderen Nahrungsquellen vorzogen (Manousidis, Kyriazopoulos, et al., 2016). Leider kam es in der Vergangenheit zu einem Rückgang dieser traditionellen Waldweidelandschaften (Plieninger et al., 2011). Könnte die Beweidung durch unsere lieben Paarhufern dafür verantwortlich sein?

Reduktion der Keimlingsdichte in beweideten Wäldern

Ruiz-Mirazo & Robles (2012) haben dazu mit einer Schafherde experimentiert, die sie drei Jahre lang auf derselben Weidefläche grasen liessen. Tatsächlich stellten sie fest, dass verbissene Eichensetzlinge gegenüber nicht verbissenen ein um bis zu 56% geringeres Blättervolumen aufwiesen. Ähnliches dürfte für die Dichte der Keimlinge gelten, wenn wir einer israelische Studie Glauben schenken wollen. Durch die Beweidung der Tabor-Eichenhaine in Nordisrael durch Rinder reduzierte sich die Keim- und Setzlingsdichte um fast 70% (Dufour-Dror, 2007)!

Es ist also durchaus anzunehmen, dass auch Ziegen für den Rückgang der Eichenwälder mitverantwortlich sind. Weidende Ziegen verlangsamen nachweislich die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Bäumen und verholzten Büschen (Carmel & Kadmon, 1999). Und während diese Eigenschaft im Zuge des Feuermanagements erwünscht ist, so könnte es für die Forstwirtschaft doch entscheidende Ertragseinbussen bedeuten, wenn die Knospen der spärlicheren Setzlinge zusätzlich verbissen werden (Ruiz-Mirazo & Robles, 2012).

Der Faktor Mensch

Oder wurde trotz aller Vorsicht ein entscheidendes Detail übersehen? Carmona et al. (2013) Kommen in ihrer Studie zu folgendem Ergebnis: Der Rückgang der mediterranen Eichenhaine ist nicht den Ziegen anzuhängen, sondern denen, die die Tiere halten: Den Menschen. Während Ziegen traditionell in der sogenannten Transhumanz oder Wanderweidewirtschaft von einem Wald zum nächsten getrieben wurden, residieren sie heutzutage oft Jahr für Jahr an derselben Stelle und schaden dem Wald dabei wesentlich. Die Intensivierung der Nutztierhaltung hat rund um das Mittelmeer zu einem Rückgang der altehrwürdigen Eichenhaine geführt (Plieninger et al., 2011). Auch aus dem fernen Bhutan gibt es Studien, die dasselbe belegen. Demnach lässt sich das Weiden im Wald mit Holzwirtschaft kombinieren, ohne die Waldregeneration negativ zu beeinflussen, solange die Tiere extensiv gehalten werden (Buffum et al., 2009).

Fazit

Summiert man all diese Ergebnisse auf, so erhält man ein ziemlich klares Bild: Ziegen sind für den Wald eine Bereicherung. Aber nur dann, wenn sie im richtigen Mass eingesetzt werden! Etwas, was in Entwicklungsländern besser gelingt. Deshalb stellen silvopastorale Systeme gerade dort eine Chance für die künftige ländliche Entwicklung dar, weil sie eine nachhaltige Landwirtschaft unter Erhalt der Biodiversität ermöglichen und gleichzeitig die Ästhetik der Landschaft durch Unterdrückung der Sukzession erhalten (Eichhorn et al., 2006). Auch in unseren Breitengraden rücken diese Aspekte immer mehr in den Vordergrund und berücksichtigt man, dass silvopastorale Systeme als wirkungsvolle ökologische Feuersperre dienen können, erschliesst sich der Nutzen auch aus wirtschaftlicher Sicht (Ruiz-Mirazo & Robles, 2012). Es bleibt abzuwarten, ob Vorstösse in diese Richtung von der Bevölkerung aufgegriffen und nachgefordert werden. Der Autor dieses Blogs hofft jedoch, der Leserschafft dahingehend einige Interessante Punkte vermittelt zu haben.

Dieser Blog-Beitrag entstand im Rahmen des Bachelormoduls Welternährungssysteme des Studiengangs Umweltingenieurwesen am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW im Frühjahrssemester 2021.


Quellen

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